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Seite 784.
Israelitische Wochenschrift.
Nr. 30.
Das ganze deutsche Volk ohne Unterschied der Parteirichtung
hat ein dringendes Interesse daran, das eigentümliche Dunkel
gelichtet zu sehen, welches gerade diesen grausigen Mord umhüllt.
Dem Vater des Ermordeten, dem Bauunternehmer Winter zu
Prechlau, stehen nicht die Mittel zu Gebote, um seinerseits die
vorhandenen Spuren soweit zu verfolgen, daß es gelingt, die
Justiz zur Ergreifung der Mörder zu veranlassen.
In der Stadt Könitz, in deren Mauern der Mord verübt
worden, hat sich daher eine Vereinigung aus angesehenen Bürgern
in Stadt und Land gebildet, welche sich das Ziel gesteckt hat, mit
allen Kräften zu der Aufklärung des Mordes beizutragen und
jede Spur rücksichtslos zu verfolgen.
Diese Vereinigung wendet sich an alle Deutschen jeder Partei¬
richtung. Ein Jeder soll nach seinen Kräften zur Ansammlung
eines ausreichenden Fonds beitragen, der unter Verantwortung
der Unterzeichneten für eine sachgemäße Verfolgung der Spuren
des Mordes verwendet werden soll.
Wir bitten die Zeitungen aller Parteirichtungen, unser Unter¬
nehmen durch wiederholten Abdruck dieses Aufrufes zu fördern,
und wir bitten jeden deutschen Bürger, für den guten Zweck sein
Scherflein beizutragen.
Der Ausruf trägt folgende Unterschriften:
Boenig, kath. Pfarrer; Freiherr von Eckardstein, Ritterguts¬
besitzer auf Krojanten bei Könitz; Gebauer, Stadtrat und Mitglied
des Westpreußischen Prov.-Landtages; Hammer, ev. Pfarrer; Heise,
Stadtrat; Hilgendorff,Landtags-Abgeordneter für Konitz-Schlochau-
Tuchel und Reichstags-Abgeordneter für Schlochau-Flatow; Klotz,
Stadtrat; Osiander, Landtags-Abgeordneter für Konitz-Schlochau-
Tuchel; von Parpart, Kreis-Deputierter und Mitglied des West¬
preußischen Provinzial-Landtages; Schultze, Stadtrat; Schur,
Stadtrat; Stockebrand, Stadtrat.
In dem Ausruf wird behauptet, daß der Gymnasiast
Winter „zu Tode gemartert" worden sei. Die Behauptung
ist völlig haltlos, wenn man nicht annehmen will, daß die
Thäter sie den Unterzeichnern des Aufrufs mitgeteilt haben.
Das ist aber nicht anzunehmen, da sonst der Aufruf über¬
flüssig und die Anzeige an die Behörden selbstverständlich
wäre. So zeugt die Behauptung, die der Wahrscheinlichkeit
widerstreitet, daß Winter das Opfer eines im Affekt began¬
genen Todschlags geworden, von einer vorgefaßten Meinung,
die die Fähigkeit und die Absicht unbefangener Verfolgung
aller Spuren ausschließt.
Der Aufruf betont ferner den Willen seiner Urheber,
„jede Spur rücksichtslos zu verfolgen", und deutet damit an,
daß die zuständigen Behörden nicht pflichtgemäß jede Spur
verfolgen, und daß sie „Rücksichten" genommen haben.
Das unterschreiben Männer, die im bürgerlichen Ver¬
hältnis Geistliche, Grundbesitzer, Stadträte und Abgeordnete
sind. *
Es dürfte schwerlich schon vorgekommen sein, daß Per¬
sonen aus diesen Kreisen in solcher Weise die Thätigkeit
richterlicher und anderer Behörden öffentlich beurteilt hätten.
Und dergleichen geschieht ohne Ahndung, ohne Repression
seitens des Staates!
Noch niemals haben Anarchisten Aehnliches wagen dürfen,
ohne sofort von der Hand des Staates ergriffen zu werden.
* -i-
(Antisemitische Moral.) Wie haben mttgeteilt, daß
23 Dresdner Stadtverordnete eine Motion eingebracht haben,
in der sie ihren zweiten Vorsteher, den Antisemiten Hartwig,
eines Ehrenamts für unwürdig erklären, weil er nach einem
in zwei Instanzen ausgesprochenen Gerichtsurteil in einem
Grundstücksgeschäft wider Treue und Glauben gehandelt. Das
Plenum des Dresdner Stadtverordnetcnkollegiums ist anderer
Ansicht gewesen; mit 40 gegen 21 Stimmen hat es Herrn
Hartwig als seines Ehrenamtes würdig bezeichnet.
Die Antisemiten haben ganz recht: wer zu ihnen gehört,
kann eines Ehre amts unmöglich unwürdig werden.
* *
*
(Strafantrag gegen Graf Pückler-Kleintschirne.) Der is¬
raelitische Gemeinderat in Dresden hat gegen den Grafen
Pückler, der jüngst dort die von uns skizzierte Rede gehalten,
bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag gestellt, ebenso gegen
die Verbreiter jener Rede. *— Wir glauben nicht, daß der
Erfolg ein anderer sein wird, als in Berlin. Doch bleibt es
gut, wenn feftgeftellt wird, was auf gewissem Gebiet straflos ist.
* * *
*
(Eine aufgelöste Pückler-Versammlung.) Am 10. d. M.
wollte Graf Pückler wieder in Berlin vor einer „feinen" Ge¬
sellschaft sprechen. Er begann mit der Erzählung, daß er
kürzlich in Halle und Dresden „tüchtig auf die Judenbande
losgedroschen" habe. — Er kam nicht viel weiter, denn die
Versammlung wurde polizeilich aufgelöst. Die „feine" Ge¬
sellschaft brachte dem Dresch-Grafen Hochrufe. Bemerkenswert
ist, daß der edle Graf, der vor Gericht behauptet, er spreche
nur „blumig", diesmal seinen „feinen" Hörern gegenüber die
bedauernde Verwunderung ausdrückte, daß nicht 20—30 von
ihnen sich zusammengethan hätten, um in den „Lokälern"
die Juden zu verdreschen. Bemerkenswert ist das, auffallend
ist es nicht. Antisemit sein, heißt Lügner sein.
Ein ZioilifleuMm.
Dr. Max Nordau hat in dem Zionistischen Moniteur
einen Artikel veröffentlicht, in dem er sagt:
„Es ist nicht wahr, daß unsere Väter die politische Gleich¬
berechtigung erkämpft haben. Sie haben sie erschlichen und
erlrochen, und ich, der Nachkomme, für den sie es gethan zu haben
glaubten, werfe es ihnen, ohne mich für undankbar zu halten,
bitter vor und werde schamrot, wenn ich diesen Abschnitt unserer
neuen Geschichte lese" .. . „Die politische Emanzipation der Juden
war eine Zweideutigkeit oder ein Mißverständnis. Die Staats¬
regierungen fassen sie als Pact auf, den sie mit den Juden
schlossen und der den Juden eine Pflicht auferlegte, welche sie in
ihren Gesuchen auf sich zu nehmen schienen, die Pflicht, in ab¬
sehbarer Zeit im christlichen Volke^aufzugehen. Die Emanzipation
sollte ihnen die Erfüllung dieser Pflicht angenehmer und leichter
machen." . . . „Es fehlte nicht an Juden, die die Emanzipation
ebenso auffaßten, wie die Regierungen, und an der Auflösung des
jüdischen Volkes arbeiteten. Die Einen ließen sich schlankweg
taufen. Die Andern bahnten die Reformbewegung an, mit
Abschaffung der hebräischen Gebete, dem Sonntagsgottesdienste,
der Ausmerzung aller Anspielungen auf Zion, die den prozessio-
nellen Auszug aus dem Judentum mit Banner und Fahne dar-
stellte. Aber die Mehrheit der Juden blieb auch nach der Eman¬
zipation des Volk des harten Nackens und wollte nicht verstehen,