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No. 6. 4. Jahrgang. ei N e Berlin, 8. Februar 1895.
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pi. Leoin, ZZerlin^
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Die Juden in Rumänien.
Für die „alten Jungfern!"
Vom bibl. Geschichtsunterricht. Von Dr. L. A. Rosenthal.
Dr. Adolf Jellinek. V. Von Dr. Julius David.
Berliner Juden. V. Von B. Simon-
Des Vaters Schuld. Von Moritz Scherbe!.
Aus meinem Leben. Von Dt. G- Saphir.
Gedichte. — Wochenchronik. — Kalender. — Anzeigen.
Die Juden in Rninänien.
Der bekannte österreichische Abgeordnete Dr. I. S. Bloch
hat an die italienischen Abgeordneten einen Brief und ein
Memorandum gerichtet, in welchem er die italienische Kammer
zu einer Kundgebung auffordert gegen die Verfolgungen und
die Ungerechtigkeit, welche die Juden in Rumänien zu er¬
leiden haben. Bloch erinnert zuerst an die Kundgebung der
italienischen Kammer zu Gunsten der von den Ungarn unter¬
drückten Rumänen tu Siebenbürgen. Es steht fest, daß die
rumänische Nationalität in Ungarn mit Gemalt niederge¬
halten wird, weil die Ungarn in ihrem Staate keinen anderen
Volksstamm aufkommen lassen wollen. Es steht aber ebenso
fest, daß die Juden im Königreiche Rumänien ganz in der¬
selben-Weise oder vielmehr noch viel heftiger bedrückt und
verfolgt werden. Die eine Frage hat aber mit der anderen
gar keinen Zusammenhang, und beide müssen durchaus ge¬
sondert betrachtet werden.
Bloch weist in seinem Briefe an die italienischen Ab¬
geordneten (der noch nicht die Presse verlassen hat) nach,
daß sogar in Rußland die Juden besser und menschlicher be¬
handelt werden, als in Rumänien. Er fährt dann fort:
In Rumänien werden, unter Außerachtlassung des Völker¬
rechtes und der Gesetze, unter Umgehung der Bestimnnnungen
des Berliner Vertrages und unter Verhöhnung aller Mensch¬
heitsideale, Hunderttausende meiner Glaubensgenossen in der
grausamsten Weise unterdrückt und verfolgt. Seit den Zeiten
des Antiochos Epiphanes sahen meine Glaubensgenossen nicht
mehr so traurige Tage, wie gegenwärtig die Juden in
Rumänien.
Auch für die Italiener gilt ja die Mahnung, die der
jüdische Gesetzgeber an seine Stammesgenossen richtete:
„Erinnert Euch an unsere Sklaverei in Egypten!" Lange,
sehr lange mußte das italienische Volk warten, bis seine
Träume von Unabhängigkeit, von Gerechtigkeit, von Recht
und von Freiheit Wirklichkeit wurden; es wird daher sehr
wohl die Schmach und die Qualen derjenigen begreifen.
deren menschliche Würde von den Rumänen mit Füßen ge¬
treten wird.
Muß ich die Leiden meiner rumänischen Glaubens¬
genossen ausführlich schildern? Söhne des Landes, nützliche
und pflichteifrige Bürger, wurden sie als Fremde gebrand¬
markt, damit man ihnen jeden gesetzliche!: Schutz entziehen
könne. Diesen „Fremden" wurde weder die Ausübung der
Advokatur gestattet (Gesetze vom 6. Dezember 1864 und vom
8. Juni 1884), noch die Ausübung der ärztlichen Thätigkeit
(Gesetze vom 3. April und vom 30. Juli 1885), noch die
Zulassung zu den geringsten Dienstleistungen in den Apotheken
(Dekret von: 3. November 1882), noch der Vertrieb von
alkoholischen Getränken (Gesetze vom 1. April 1873 und vom
13. März 1886) u. s. w. u. s. w.; ebensowenig wie das
Vermittlergeschäft (Gesetz vom 14. Juni 1886).
Zu Boden gedrückt durch die schwerwiegenden Steuer¬
lasten und in noch größeren: Maße als ihre christlichen
Volksgenossen, sind sie von allen Wahlrechten ausgeschlossen,
sogar von dem für die Handels- und Gewerbekammern. Die
Verfolgungssucht verschont nicht einmal das jugendliche Alter;
un: die Zukunft der Heranwachsenden Generation zu ver<
nichte::, verbietet man ihr den Besuch der nationalen Er¬
ziehungsanstalten, der Normal- und Volksschulen (Gesetz vom
9. April 1893). Dessen ungeachtet zwingt man diese
„Frentden", Heeresdienste zu thun, wie die rumänischen
Bürger; sie sind also verpflichtet, das Vaterland und seine
ungerechten Gesetze zu verteidigen, und während sie die
Soldatenuniform tragen, lächelt ■ ihnen nicht einmal die
Hoffnung auf Beförderung, ja es ist ihnen sogar untersagt,
als Einjährig-Freiwillige zu dienen (Gesetz vom 21. November
1882). Der im Kampfe mit den: Feinde bewiesene Helden¬
mut schützt die Aermsten durchaus nicht vor dem Aus¬
weisungsbefehle, und es konnnt oft vor, daß sie, aus dem
Felde zum heimischen Herde zurückgekehrt, weggejagt werden
wie Vagabunden und ohne Heimat, ohne Haus bleiben.
Die Verwaltungsbehörden begehen gegen die Juden
gradezu unerhörte Verbrechen. Auf Grund eines ministeriellen
Befehls, dessen Inhalt falsch ausgelegt wurde, verjagte man
die Juden mit Weib und Kind aus ihren Vierteln und Ge¬
burtsorten: Männer, deren Familien sich seit länger als
50 Jahren das Heimatsrecht in Rumänien erworben, und
die bereits ihre Militärpflicht genügt hatten und alle ihre
Pflichten gegen den Staat und die Gemeinde praktisch er¬
füllten, wurden ebenso vertrieben wie Familienväter, deren
Söhne in den Kämpfen un: die Unabhängigkeit Rumäniens
gefallen sind. Aber es kommt noch schlimmer! In direktem
Gegensätze zu den: Geiste und dem Inhalte jenes Befehls
wurde den Kindern der weitere Aufenthalt in Rumänien ge-