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Nr. 6.
stattet, während ihre Eltern, die von dem Verdienste dieser
Kinder lebten, als „staatsgcfährlich" weggejagt wurden. Man
hat in Rmnänien für die Juden eine neue Form der Aus¬
treibung gesunden, eine neue Art von Zuweisung ciitcö
ZwangSwohnsitzeS. Gegen schwache Greise, Frauen und
Kinder läßt man die Kavallerie los, und das armselige Hab
und Gut dieser Leute wird geplündert oder dem Erdboden
gleich gemacht; ohne Mitleid und Erbarmen zwingt man
diese Parias der Gesellschaft, ihre Heimat zu verlassen und
nach Bezirken auSzuwandcrn, wo sie weder Bekanntschaften
noch Beziehungen haben und elend zugrunde gehen müssen,
während Soldaten, Polizeibeamtc und Gepieindediener die
Beute untereinander verteilen.
Bon dieser unntenschlichcn Verfolgungssncht bietet einen
klassischen Beweis die Rede, die der Minister Earp am 1i>.
Februar 1898 in der Kammer der Abgeordneten hielt. Mit
Schaudern erfuhr man von ihm, „daß die rumänische Re¬
gierung Unschuldige in die Donau werfen ließ", weil sie
zu derselben Raffe gehörten, wie die Verfasser des alten
Testaments.
Ich bin nur das Sprachrohr für das Elend eines Volkes,
dem keine Partei ihr Mitleid versagen kann, und ich spreche
nur im "Namen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, und
im Ranten der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit richte ich
die Bitte an Euch, verehrte Kollegen, an Euch, Vertreter
des italienischen Volkes im Parlamente, nicht zu vergessen
das Elend, in wclchent meine rumänischen Glaubensgenossen
schtnachtcn, und ich hoffe, daß Ihr zugleich mit Euerer
Sympathiekundgebung für das runtänische Volk dem Wunsche
Ausdruck verleihen werdet, daß dieses Volk den in Rumä¬
nien geborenen Juden, d. h. den Rumänen jüdischer Kon-
feffion, die ihnen zukommenden Rechte verleihe. —
Das Memorandum, das dem Briefe folgt, giebt aus¬
führlich die Denkschrift wieder, die die rumänischen Juden
an den König Carol gerichtet haben, ferner die verschiedenen
Gesuche an die Minister und die herrliche Rede des Mi¬
nisters Peter Earp zu Gunsten der Juden in Rumänien;
trotz dieser Rede ist aber die Lage der rumänischen Juden
bis heute dieselbe, tieftraurige geblieben.
für dir „altm iungftrn!“
Eine alte Jungfer! Nicht wahr, das iff etwas zum
lachen? Das ist etwas Urkomisches, eine ununterbrochene
Quelle der Heiterkeit für Anekdotenjägcr, Karikaturcnzcichner
und Lustspieldichter. Und wenn ihr näher zuseht, so werdet
ihr finden, daß ihr über die allertraurigste Sache der Welt
gelacht habt, daß ihr über das Unglück gelacht habt, über
den Schmerz, die Trauer und die Trostlosigkeit der Ein¬
samkeit. —
Die Katholiken haben ihre Klöster, die Protestanten ihre
weltlichen Stifte, wohin sich ein müdes, altes Wesen zurück¬
ziehen kann, um seine Tage, vor der Not und dem Hohn
der Welt geschützt, zu beschließen. Wir Juden, die mir auf
unsere Humanität so stolz sind, daran haben wir ganz ver¬
gessen und diese Vergeßlichkeit rächt sich grausam an tausenden
und abertausenden unglücklicher Wesen, die ohne Schutz,
ohne Heim, ohne Familienzusannnengehörigkeit dahinsiechen.
Wundert ihr euch noch, wenn der Neid über das Glück
anderer, die geliebte Gattinnen und Mütter sind, in mancher
Müdchenscele seine Stätte findet, und das aepreßtc Herz sich
in hämisch-spitzen Bemerkungen Luft macht? Es wäre für-
wahr zu verwundern, wenn es anders wäre. —
Die Zeiten sind schwer. Die soziale Frage rüttelt mit
Ungestüm an den Grundfesten der modernen Gesellschafts¬
ordnung. Der Fabrikant kämpft einen Konkurrenzkrieg bis
aufs Messer, er muß den Lohn der Arbeiter bis auf das
Eristenzminimnm herabdrücken, selbst einem eisernen Lohn¬
gesetz unterworfen. Der Militarismus verschlingt die besten
Kräfte des Staates. Der Staat muß die Steuerschraube
anziehen und die schwere Hand des Fiskus legt sich ver¬
teuernd aus die wichtigsten und unentbehrlichsten Bedarfs¬
artikel. Wer unter solchen Zeitverhältniffen eine Ehe schließt,
wird sichs doppelt überlegen. „Wir sind gesund — Gott
wird uns helfen" sagte man früher und schritt zum Ehe¬
bunde. Ter Erwerb kam oft späterhin und so ganz von
selbst. Man hatte die Wahl, diesen oder jenen Berufszweig
zu ergreifen, sprang auch oft rasch genug von einem zu dem
andern über. Es ist anders geworden.
Der Angestellte findet unendlich schwer einen Platz, denn
die Konkurrenz ist zu groß. Wer nun ein Haus und eine
Familie gründen will, ist mehr als je darauf angewiesen, ein
begütertes Mädchen zu freien, denn die Mitgift nimmt ihnen
beiden einen großen Teil der Lebenssorgen ab.
„Wenn sich nichts mit nichts verbindet,
Fit und bleibt die Lumme klein:
Wer bei Tisch nur Liebe findet.
Wird nach Tische hungrig sein."
singt der alte Roceo sehr weise im „Fidelio", welcher das
Hohelied der ehelichen Liebe und der Gattentreue ist. Das
ist schrecklich banal und klingt für romantifche Gemüter er¬
staunlich prosaisch und nüchtern. Aber deswegen ist es nicht
minder wahr. Die notwendige Folge von dem allen ist, daß
immer weniger Ehen geschlossen rverden, daß es immer
weniger glückliche Ehen giebt, denn mit den Nahrungssorgen
stellen sich zu allermeist auch die häuslichen Zwistigkeiten ein.
Ter Ausblick in die Zukunft ist noch trostloser. ES wird
voraussichtlich immer weniger Ehen geben, weil die Ber-
hältniffe von Tag zu Tag düsterer und schwieriger sich
gestalten.
Die Zahl der alten Mädchen muß ungeheuer anwachsen.
"Mögen sie als Lehrerinnen wirken oder mit fleißiger und ge¬
schickter Nadel in die Nacht hinein beim Lampenlicht schaffen
oder den stinken Stift der Stenographie führen oder als
Buchhalterinnen sich über große (Geschäftsbücher neigen, —
es kommt der Tag, wo ihre Kräfte sie verlaßen, wo die
Hand zittert, das Auge geschwächt ist — — mit Schrecken
sieht das Heer dieser unversorgten Mädchen das Alter heran¬
nahen. Kein Heim, keine Familie, kein Dach. Selbst für
Töchter aus wohlhabenden Familien, die nicht geneigt sind,
dem „Erstbesten" die Hand zu reichen, muß eine Zustuchts-
stätte, ein Heim geschaffen werden.
Und darum möge ein in der „Qestcrr. Wochcnschr." für
die Gemeinde in Wien gemachter Vorschlag auch in Berlin
Beachtung finden, ein Vorschlag, der kurz lautet:
Ein Heim für unverehelichte, jüdische Mädchen
soll ins Leben gerufen werden! Das fernere Wie