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Zeitschrift für die Gksamtintereffen des Judentums.
Nebst einer wissenschaftlichen Beilage.!
Berlin, 23. Dezember 1898.
Nr. 51. Jahrgang VH.
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verantw.Redakt.: N. A. Klausner,
Serliu^., Tauenzienstr. 19 a.
Telephon: Amt IX, Ar. 6567.
Verlag: Siegfried Lronbach,
Berlin W. 57.
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einmal. Zu beziehen durch die Post, den Buchhandel oder
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sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen.
Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an
die Adresse: Berlin W., Tauenzienstr. 19 a. M. A. Klausner.
Inhalt:
Artikel. Die Politik: (Antisemitische Gesetzgebungsversuche.—
Die Ausweisungen. — Die Schächtfrage in Aachen. — Das ist
ganz was anders! — Kleine Scherze. — Algerische Zustände.
— Noch nicht. — Die Affaire Dreyfus. — Jüdische Offiziere
in Rußland.) — Ein deutscher Staatsmann über den
Zionismus. — Die zwei verschiedenen Geistesrichtungen
bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters
in ihrer Beziehung zum gelehrten Aberglauben. Bon
Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. — Die städtischenjüdi-
schen Lehrerinnen in Berlin. — Wochenchronik.Wochenkalen -
der. — Stargard-i. P.: Wieder Einer.— Hamburg: Diamantene
Hochzeit. — Nordhausen: Bevölkerungsstatistik. — Aus Ober¬
schlesien: Stiftungen. — Köln. Verein der jüdischen Lehrer in
Rheinland und Westfalen.— Wien: Antisemitenlügen.—Banjaluka:
Leichenbegängnis. — St. Petersburg: Das Aufenthaltsrecht der
jüdischen Handwerker. — Jassy: Chanukafeier. — Personalnach¬
richten und kleine Mitteilungen. — Vakanzen. — Feuilleton.
Jude! — Roman von L. Dollivet. (Fortsetzung.) Brief- und
Fragekasten. Berichtigung.
Die Politik.
(Antisemitische Gesetzgebungsversuche.) Der von uns
bereits erwähnte Gesetzentwurf gegen die Einwanderung aus¬
ländischer Juden, den die Antisemiten mit Herrn Stöcker ge¬
meinschaftlich im Reichstage eingebracht haben, lautet:
§ 1. Die Einwanderung von Juden, die nicht in Deutschland
staatsangehörig sind, ist untersagt. § 2. Ausländische Juden, die
sich bei Inkrafttreten dieses Gesetzes in Deutschland aufhalten, um
sich dauernd niederzulassen, ohne bisher in einem deutschen Bundes¬
staate die Staatsangehörigkeit erworben zu haben, und nicht schon
vordem ein selbständiges Gewerbe oder Geschäft in Deutschland
betreiben, sollen alsbald aus dem Gebiete des Deutschen Reiches
ausgewiesen werden. § 3. Die Gewährung der Staatsangehörig¬
keit in einem deutschen Bundesstaate an ausländische Juden ist
untersagt. § 4. Die Begünstigung der Einwanderung fremder
Juden wird mit Geldstrafe von 600 bis 1000 M. oder mit Ge¬
fängnis bestraft. § 5. Der Bundesrat erläßt die zur Ausführung
und Sicherstellung des Vollzugs dieses Gesetzes erforderlichen An¬
ordnungen. Z 6. Dieses Gesetz tritt mit dem Tage seiner Ver¬
kündigung in Kraft.
Der Entwurf könnte nicht anders lauten, wenn Herr Stöcker
sich ihn von einem russischen Hausknecht hätte ausarbeiten
lassen.
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(Die Ausweisungen.) Als die Ausweisungen gegen
dänische Bewohner Nordschleswigs bekannt geworden waren,
schrieb der Historiker Proftssor Dr. Hans Delbrück in den
„Preußischen Jahrbüchern":
„Die Ausweisungen schreien zum Himmel. Noch schlimmer
als die Brutalität, die uns zum Abscheu der gebildeten Welt
macht, ist die Verblendung, die da glaubt, mit solchen Mitteln im
Kampfe der Nationalitäten dauernde Erfolge erzielen zu können.
Die nationale Gesinnung hat bei uns hier und dort einen nationalen
Fanatismus erzeugt, der wild und verstockt glaubt, die Gesetze der
Menschlichkeit mit Füßen treten zu dürfen und dem nationalen
Gedanken, dem er zu dienen vermeint, unüberwindlichen Schaden
zufügt."
Am Montag teilte daraus der Reichsanzeiger mit, daß
gegen Herrn Delbrück das Disziplinarverfahren eingeleitet
worden sei.
Es ist möglich, daß die Disziplinarkammer Herrn Delbrück,
der als Abgeordneter der freikonservativen Partei angehört hat,
schuldig spricht; möglich sogar, daß sie auf Entfernung aus
dem Universitätslehramt erkennt. Sicher aber ist, daß hier¬
durch die Dänen-Ausweisungen nicht aushören würden, zum
Himmel zu schreien, und daß die Juden-Ausweisungen noch
himmelschreiender sind.
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(Die Schächtfrage in Aachen.) Die Stadtverordneten¬
versammlung in Aachen beschäftigte sich in der dieswöchigen
Sitzung mit der Schächtfrage, die anläßlich eines Nachtrages
zum Ortsstatut über den Schlachtzwang geregelt werden sollte.
Der Beigeordnete Ebing teilte nüt: Es sei in Aussicht ge¬
nommen worden, be^op^te'Äormen bezüglich des Schächtens
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