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Nr. 35.
1893.
Tilsit, den 23. Juni.
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Ieiifchrist für öie religisfe« «u& spziake» I«ßeressM öes I«öe«kttMS.
Erscheint an jedem Freitag.
Zu beziehen durch die Post, die Expedition und alle ^
Buchhandlungen des In- und Auslandes.
Preis vierteljährlich 2 Mark.
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Herausgeber: A. Kevin in Tilsit.
Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 2g Pfg.
Beilagengebühr nach Übereinkunft.
Inhalt
Wochenübersicht.
Der Zionismus. Bon L. Weinberg fBodenfeldej
Ackerbau und Handwerk unter den Juden. Von Provinzialrabb.
Dr. Munk Marburgs
Die mosaische Eiugottidee. Bon M. Kaplan fKönigsbergs
Leitende Gesichtspunkte. II. Bon Rabb. Dr. Goldschmidt fOffenbachs
Zwei Schulbücher. Bon E. Flanter fBerlins
Kleine Chronik.
D'Jsracli.
Maimonides. Von Landrabb. Dr. Dessauer Meiningens
Aphorismen. Von W. Frank fWesterburgs
Lose Blätter. — Jüdische Gedenktage. Von D. M. Mannheim.
Wochenkalender. — Anzeigen. _
WochenuWP
* Ein politisches Witzblatt teilte nach den letzten Wahlen
zum preußischen Abgeordnetenhause eine Unterredung im
Eisenbahnkonpö seinen lachlustigen Lesern mit: In einem
nach Berlin fahrenden Zuge begegnet der Landrai dl. seinem
Kollegen L)- Elfterer vermeint Zweck ltnb Ziel der Reise
des letzteren zu erraten: „Wohin geht die Reise, Kollege?
Doch was frag' ich erst! natürlich behufs Wahrnehmung des
Abgeordneten-Mandates nach Berlin." — „Nicht erraten,"
entgegnete L)., „ich bin gar nicht Abgeordneter." — „Was,
Landrat und nicht Abgeordneter — Freund, wie haben
Sie's an gefangen?" — Ähnlich würde es jedem Gelehrten
von Ruf ergehen, wenn er in Freundeskreise wagen wollte
die Behauptung aufzustellen, er habe noch nichts über den
Antisemitismus geschrieben; er würde angestannt, mit
Fragen überhäuft, besonders aber um Aufklärung gebeten
werden, wie er's angefangen habe. Cesare Lombroso, der
berühmte Türmer Anthropologe, konnte dieses Vorzuges sich bis
vor wenigen Tagen noch rühmen. Obwohl er, als Jude, doch
der „Nächste dazu" wäre, hat er es vermieden, sich über
die leidige Frage zu äußern. Nun hat auch ihn das Ge¬
schick ereilt; die „Nene freie Presse" bringt einen Aufsatz
aus seiner Feder über den Antisemitismus. Natürlich be¬
gnügt der Gelehrte sich nicht mit billigen Rede¬
wendungen, sondern behandelt die Frage zunächst vom
wissenschaftlichen Gesichtspunkte. Nachdem er ihr vom
ethnischen und pathologischen Standpunkte näher getreten,
fährt er fort: !
„Die politischen Pseudo-Anthropologen, die sich Antisemiten
nennen, sagen, sie schlügen bloß deshalb so viel Lärm, weil sie ver¬
hindern wollen, daß man die germanische Race verunziere und
schände. Das sind, sehr gelinde gesagt, Chauvinismen, die weit
schlimmer. sind als diejenigen der Franzosen, jedweder historischen
und experimentalen Basis entbehren und viel Ähnlichkeit haben mit
jenem Wahn der „Adeligen", die ihr Geschlecht zu verderben glauben,
wenn sie sich mit bürgerlichen' verehelichen, während gerade umge-
kehrt die Ehen zwischen Adeligen den Heiraten zwischen Blutsver¬
wandten nahezu gleichkounuen und Entartungen nach allen Richtungen
zur Folge haben. Wie ich schon öfters nachgewiesen, giebt es in
Europa keinen auf einer höheren Stufe der Kultur stehenden
Völkerstamm, der nicht gemischt wäre, und ich darf wohl mit voller
Sicherheit behaupten, daß in den wenigen Fällen, in welchen ich
ans dem Studium der Hirnschädel die vollständige Einförmigkeit
der Race konstatiert habe, der Grad der Intelligenz ein bedeutend
geringerer ist als bei den gemischten und gekreuzten Stämmen "
Er redet nun der Mischehe das Wort, die man
nicht allein nicht hindern, sondern sogar fördern solle, da
man der Kreuzung der Racen jederzeit große Männer zu
verdanken gehabt habe, und berührt sodann einen andern
Punkt.
„Dort, wo es keine Judenverfolgungen giebt, der Jude also
vollkommen gleichberechtigt ist mit seinen Mitbürgern, wie in Eng¬
land und Holland beispielsweise, dort, wo er alle seine Fähigkeiten
in jeder Weise voll zur Geltung bringen kann, da wirst er sich mit
dem Eifer, welchen der Mensch den ehedem verbotenen Dingen ent¬
gegenbringt, in die Arme der Politik, der Erziehung des Heerwesens
u. s. w. und verläßt zum großen Teile das Gebiet des Handels
und besonders dasjenige der Finanzspekulatiouen, ein Gebiet, das
ihm den Haß, den Neid und die Mißgunst seiner Mitmenschen zu¬
gezogen, und er verdient — was ganz besonders in betracht zu
ziehen ist — viel weniger Geld, als in den anderen Ländern. . . .
Deshalb würde auch der Antisemitismus, wenn er von Erfolg ge¬
krönt wäre, ein vollkommen entgegengesetztes Ziel erreichen, als das¬
jenige, auf welches er lossteuert, nämlich auf die Machteinschränkuug
der Juden in finanzieller Hinsicht. Es sei denn, man vernichte die
ganze Race durch Feuer und Schwert! Aber die Juden verfolgen,
ihnen die Wege der Politik, der Wissenschaft, der Kunst versperren,
das ist zumindest thöricht, weil man ja dadurch nur dazu beiträgt,
ihre kommerziellen Fähigkeiten immer mehr anszubilden und zu ver¬
schärfen. Ich glaube, daß mit dem Aufhören des Antisemitismus
auch der Typus des wahren Hebräers nach einigen Jahrhunderte»
gänzlich verschwinden oder sich doch nur auf vereinzelte unzivilisierte
Länderstriche beschränken würde."
Die Frage, ob der Antisemilisn7us je zu bestehen aus¬
hören werde, beantwortet Lombroso in anderer Weise als
Gustav Freytag:
„Es ist traurig, es sagen zu müssen: aller Wahrscheinlichkeit
nach, nein! Denn der Antisemitismus ist eine atavistische Erscheinung