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1898 *
Nr. 26.
Tilsit, den 30. Juni.
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Herausgeber: A. Kevin in Tilsit.
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Wochenübersicht.
Cesare Lombroso. Von Oberrabb Dr. Jellinek sWien^I
Die „Drei Wochen " Von £.
Meine Antwort. Von Chefred. Dr. Birnbaum sWierZ
Ackerbau und Handwerk unter den Juden. II. Von Provinzialrabb.
Dr. Munk fMarburg^I
Die biblischen Erzählungen. Von Rabb. Dr. Bäck sLissa^I
Protokoll des Vereins Mitteldeutschland.
Kleine Chronik.
Der Zukunftftaat der Antisemiten. Von S. N. Margulies [Sii&ecf]
Maimonides. Von Landrabb. Dr. Dessauer sMeiningeui
Aphorismen. Von W. Frank sWesterburg^I
Lose Blätter. — Wochenkalender. - Anzeigen.
Wolhkliiibkrjlltzt.
* Die in den letzten Tagen vollzogenen Stichwahlen haben
das gehalten, was die Hauptwahlen zum deutschen Reichstage ver¬
sprachen. „Besiegt und geschlagen das tapfere Heer," das
unverzagt für uns Juden einzutreten pflegte; die Partei Rickert
kann kaum noch eine „Partei" genannt werden; sie wird schwerlich
auf die zur Bildung einer Fraktion erforderlichen, fünfzehn Mandate
bringen, und auch die Gruppe Richter ist in der Hitze des Wahl¬
kampfes unheimlich zusammengeschmolzen. Gewonnen haben in
dieser Wahlkampagne nur die Sozialisten und Antisemiten. Zwar
ist Herr Stöcker beseitigt, allein dafür sind seine kongenialen Genossen
Ahlwardt, Werner und Zimmermann zweimal gewählt, und ziehen
Böckel und Liebermann in Begleitung mancher neuen bassermanisch-
antisemitischen Gestalten ungeschwächt und — ungebessert in das
Parlament. Die „Kreuzzeitung" versucht die Wahlerfolge der Freunde
zu ihrer Linken ein wenig abzuschwächen, indem sie darauf hiuweist,
daß die Zunahme der antisemitischen Stimmen zum Teil auf Kosten
der Konservativen erfolgt sei, allein diese Verkleinerung wird in
leickt erkennbarer Absicht seitens des erzreaktionären Organs versucht,
und darum dürfen wir uns durch die Auslassungen desselben nicht
beirren lasten, sondern lieber von vornherein eiugeftehen, daß wir
von dem buntscheckigen neuen Reichstage schwere Stunden erwarten.
Besonders darf hierbei der Umstand nicht außer Acht gelassen
werden, daß auch die konservative Partei als etwas ganz anderes
zurückkehrt, als was man bisher unter ihr verstand. Sie hat bei
dre Aufstellung der Kandidaturen bereits alle gemäßigten, gouver-
nementalen, nicht agrarischen Elemente, die bisher in ihr einen
starken Flügel bildeten schon vorher beseitigt; und dieser Prozeß ist durch
die Wahlen vollendet worden. Was jetzt als konservativ in den Reichs¬
tag einzieht, ist stramm agrarisch, antisemitisch, zur Opposition gegen
die Regierung in Fragen der Wirtschafts- und Handelspolitik ent¬
schlossen. Diese Partei wird mit den Antisemiten, die ihnen in
Sachsen die Mandate abgejagt haben, gut Freund sein und nach¬
dem Herr Ahlwardt durch das Feuer einer zweiten Wahl gegangen
ist, wird man selbst über diesen angenehmen Bundesgenossen milder
denken.
Schwere Tage, weilzwei neue schmerzlich fühlbare Beschräukungen,
stehen auch den Juden Galiziens bevor; die eine betrifft die poli¬
tischen Rechte, die zweite ist ökonomischer Natur. Bei den Wahlen
zu den Gemeindevertretungen der Provinzstädte war bisher der
zweite Wahlkörper, der ein Drittel der Gemeiuderäte zu wählen hat,
den Handel- und Gewerbetreibenden Vorbehalten. Da dieser Stand
meist von Juden vertreten wird, so hatten diese auch in dem ge-
nar.nteu Wahlkörper die Majorität und pflegten jüdische Kandidaten
durchzubringen. Die Gemeindevertretungen waren auch die einzigen
behördlichen Körperschaften im Lande, wo die jüdische Bevölkerung
eine ihrer Anzahl annähernd entsprechende Vertretung fand. Nun
soll das anders werden. Der Landesausschuß beschloß, alle kom¬
munalen Beamten zweiten Ranges — natürlich beinahe ohne Aus¬
nahme Nichtjuden — von der ersten Kurie, worin sie bisher wählten,
in die zweite zu versetzen, ohne deshalb die auf die erste entfallende
Anzahl der Gemeinderäte zu verringern, oder !die zweite zu ver¬
mehren. Nun verlieren die Juden, welche fernerhin auch in dieser
Kurie in der Minderheit feilt werden, alle Aussicht auf eine ent¬
sprechende Vertretung im Gemeinderat, sie werden froh sein müssen,
wenn sie es überhaupt dahin bringen, einen jüdischen Kandidaten
durchzusetzen.
Die zweite Beschränkung wird, wenn sie zu stände kommt, sich
der jüdischen Jugend in besonders herber Weise fühlbar machen.
Die Lemberger Advokaten-Kammer hat sich nämlich dem Beschlüsse
eer antisemitischen Kollegen in Graz angeschlossen, bei der Regierung
dahin zu wirken, daß ein numerus clausus für den Advokaten¬
beruf eiugeführt werde. Das Ministerium Gautsch ist ähnlichen
Beschränkungen nicht abgeneigt; außerdem wird die Frage diskutiert
ob sich die Sache nicht auf dem Wege der Landesgesetzgebnng
durchbringeu ließe. Wenn letzteres de'' Fall wäre, so kann man
die Vorlage als "wreits zu Recht bestehend anseheu. Diese Be¬
schränkung, welche die jüdische studierende Jugend hart treffen