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1898*
Tilsit, den 14. Juli.
Nr. 28
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Erscheint an jedem Freitag.
Zu beziehen durch die Post, die Expedition und alle
Buchhandlungen des In- und Auslandes.
Herausgeber: A. Heuin in Tilsit.
Preis vierteljährlich 2 Mark.
Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 20 Psg.
Beilagengebühr nach Übereinkunft.
Inhalt:
Wochenübersicht.
Der Talmudjude. IV. Von Oberrabb. Dr. Jellinek (Wien)
Apologeten V. Von Rabb. Dr. Friedländer. (Pisek)
Ursprung der Vokalzeichen. Aus dem Englischen von I. Bernstein
(Unriihstadt)
Leitende Gesichtspunkte. III. Von Rabb. Dr. Goldschmidt (Offenbach)
Protokoll des Hannoverschen Lehrervereins.
Kleine Chronik.
Der Zukunftstaat der Antisemiten. Von S. N. Margulies (Lübeck)
Maimonides Von Landrabb. Dr. Dessauer (Meiningen)
r^ür und Wider — Lose Blätter.
Jüdische Gedenktage. Von D. M. Mannheim.
Wochenkalender. — Anzeigen.
Wocheniiberficht.
Daß wir uns mit den Zeiten ändern, weiß jeder Ouartaner,
und daß mit den Zeiten auch die Zeitungspresse einer Änderung
unterworfen ist, das ist namentlich der kleinen Leserschar spezifisch
jüdischerBlätter bekannt. Denn welch eineMandlu'ng hat sich in unserer
Fachpresse vollzogen! Der jüdisch-konfessionelle Charakter, den sie
bis vor wenigen Jahren getragen, hat sich verflüchtigt und einem
jüdisch-politischen Zuge Platz gemacht. Fragen religionsparteilicher
Natur vermögen die westeuropäische Judenheit der Gegenwart nicht
mehr zu erregen, und so hält sich denn auch unsere Presse solchen
Fragen fern. Die Klagen Orthodoxer über Terrorismus und die Be¬
schwerden Liberaler über Intoleranz sind verstummt; nicht mehr
wird die Gemeinde, welche eine. Orgel aufstellt, von rechts und die,
welche einen orthodoxen Rabbiner anstellt, von links gerüffelt — die
Zeiten haben sich eben geändert: es wird nicht mehr in „Religion",
sondern nur noch in „Politik" gemacht. Vergleicht man nun das
Einst mit dem Jetzt in unserer Fachpresse, so wird man, auch ohne
Anhänger des Rückschrittes zu sein, der Vergangenheit den Vorzug
geben müssen. Waren auch die Grenzstreitigkeiten zwischen den
orthodoxen und freisinnigen Blättern stets nutz- und erfolglos —
indem die Gemeinden immer thaten, was ihnen beliebte, — so
schadeten sie wenigstens nichts; sie regten hie und da einen Leser
auf, aber sie regten zugleich auch viele an. Anders jetzt, nachdem
unsere Fachpresse sich in den Strudel des politischen Parteilebens
gestürzt. Der intellektuelle Nutzen, den sie dem nach Belehrung und
Anregung strebenden Leser bringt, ist gleich Null, und der Schaden,
den die neueste Haltung einzelner Blätter uns zusügen kann, ist
nachgerade unabsehbar. Es ist die Haltung gegenüber der Freisinnigen
Volkspartei. Diese wird von sezessionistischer Seite u. a. deswegen
angegriffen, weil volksparteiliche Wähler in der Stichwahl
einem Antisemiten gegen Konservative und Nationalliberale mittelbar
oder unmittelbar zum Siege verholfen haben sollen. Die von dem
Führer der Sezessionisten, Dr. Barth, redigierte ,/Nation" widmete
in ihrer Betrachtung über das Ergebnis der Stichwahlen diesem
Gegenstände einen ganzen Abschnitt.
„Sind die Sozialdemokraten, schreibt das Blatt, durch das
Ergebnis der Stichwahlen mit Recht enttäuscht worden, so brachten
den Antisemiten die Stichwahlen eine große Überraschung. In der
Hauptwahl hat sich gezeigt, daß diese Partei keineswegs gar erheb¬
lich (!) an Stärke zugenommen hatte. Sie ist wesentlich nur ge¬
wachsen durch Erfolge gegen die Konservativen; das beißt, Leute,
die antisemitische Konservative waren, wurden reine Antisemiten,
und so verdrängten denn auch echt antisemitische Kandidaten eine
Reihe Konservativer mit antisemitischer Gesinnung. . . Erst die
Stichwahlen brachten den Antisemiten bedeutende Erfolge, und zwar
darum, weil ihnen Unterstützung von einer Seite zu teil wurde,
von der sie dieselbe nicht erwartet hatten. Es ist schmerzlich, dies
einzugestehen; aber es ist so: Freisinnige haben für Antisemiten
diesmal gestimmt; die „Vossische Zeitung" und das „Berliner-
Tageblatt" weisen unter gebührender Kenuzeichnuna für Rügen-Stral¬
sund die Thatsache nach; sie wird sich für einige andere Wahlkreise,
so für Schmalkalden-Eschwege und angrenzende hessische Kreise gleich¬
falls darthun lassen. Auch diese Vorgänge darf man nicht verhüllen.
Zwei Umstände kamen zusammen, um dieses traurige Ergebnis zu
zeitigen: die Erbitterung des Wahlkampfes und die Enttäuschungen
beim Mandatschacher. Die Zentralleitung der Freisinnigen Volkspartei
zeigte sich zwar „nicht abgeneigt", gegenüber einem Antisemiten
„eine Unterstützung des nationalliberalen Kandidaten zu empfehlen,"
aber nur, „wenn die 'Nationalliberalen die freisinnigen Kandidaten
dort unterstützen, wo dies nach ihren eigenen Grundsätzen gerecht¬
fertigt sein muß." Also: lieber einen Sitz, als 'unwandelbare
Festigkeit in einer Prinzipienfrage ersten Ranges. Die Gefahren
einer solchen kalkulatorischen Auffassung, durch welche Freisinnige von
der Grundlage allen Freisinns so weit fortgesührt wurden, hat die
große liberale Berliner Presse erkannt; und zweifellos ist heute nichts
so wichtig, als daß, dem Parteifanatismus und der Parteitaklik zum
Trotze, jene Grundsätze in ihrer Reinheit bewahrt und in ihrer
Reinheit wiederhergestellt werden, die den Freisinnigen zum Frei¬
sinnigen machen."