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Nr. 39.
1898.
Tilsit, den 21. Juli.
Zeitschrift für öie religiöse« «uö
f-zisle« I«tereffe« öes I«öest««s.
Erscheint an jedem Freitag.
Zu beziehen durch die Post, die Expedition und
Buchhandlungen des In- und Auslandes.
Herausgeber: A. Jeuin in FUjit.
Preis vierteljährlich 2 Mark.
Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 20 Pfg.
Beilagengebühr nach Übereinkunft.
Inhalt:
Wochenübersicht.
f m neunten Aw.
rm Kapitel des Distanzes. Bon oanä. ph.il. S. Mandl. (Marburg)
rotokoll des Hannoverschen Lehrervereins.
Kleine Chronik.
An der „Koßel Maarawi." Aus dem Russischen von I. Magilnitzki.
Maimonides. Bon Landrabb. Dr. Dessauer (Meiningen)
Die Ziouide des Jehuda Halevi
Der Zukunftstaat der Antisemiten. Bon S. N. Margulies (Lübeck)
Lose Blätter. — Für und Wider — Veremsbote.
Brief- und Fragekasten. — Wochenkalender. — Anzeigen.
Wolhkniibkrßlht.
Die sattsam bekannten, durch das famose Gemeindegesetz in
Böhmen hervorgerufenen Unzuträglichkeiten wollen nicht zur Ruhe
kommen. Wie bekannt, bestimmt dieses Gesetz, daß nur diejenige
Gemeinde auf Korporationsrechte Anspruch machen könne, die einen
Rabbiner anzustrllen und zu unterhalten im stände ist; die kleinen
Gemeinden sollen als Filialen den größeren zugeschlagen werden.
Über dieses Gesek ist viel geklagt und geschrieben worden; es wehrten
sich gegen dasselbe zahlreiche Gemeinden, denen die Selbständigkeit
genommen, es wehrten sich auch die Lehrer und Kantoren des Landes,
denen eine nicht erwünschte Bereicherung der Zahl ihrer Vorgesetzten
beschert werden sollte. Da aber ihre Proteste nichts fruchteten, so
nahmen die Benachteiligten zu einem, erklärlichen allerdings, aber
nicht zu billigenden, Ausweg ihre Zuflucht. Für Geld und gute
Worte beschafften viele Lehrer und Kantoren sich ein Rabbinats-
Befähigungszeugnis; aus dem Lehrer Moscheles, dem Kantor Tinkeles
und dem Schächter Pascheles wurden über Nacht drei „Rabbiner"
gleichen Namens und alles Leid hatte ein Ende: die Verwaltungs¬
behörden waren zufrieden, denn dem Wortlaut des Staatsgesetzes
war Genüge geschehen, die Gemeinden und deren „graduierten"
Kultusbeamten waren nicht unzufrieden, denn sie durften sich auch
ferner der Selbständigkeit erfreuen. Nur diejenigen hatten Grund
zur Unzufriedenheit, denen diese Wendung ein Strich durch die
Rechnung war: — ein Teil derLRabbinerjjBöhmens, weil siel Unter¬
gebene gesäet und8„Kollegen" geerntet haben.UUnd sie gaben ihrer
Unzufriedenheit oft lauten Ausdruck in verschiedenen ^in- undff aus¬
ländischen Blättern. Nachdem aber diese Proteste sich als nutzlos
erwiesen, schritten sie zu einer Haupt- und Staatsaktion. Sie bildeten
einen Rabbiner-Verband, mit dem Prager Oberrabbiner an der Spitze,
und wenden sich nun mit einem Rundschreiben an die böhmischen
Kultusgemeinden, das im Auszuge hier wiedergegeben sei:
„Nachdem die Abgrenzung der Kultusgemeinden behörd¬
licherseits nunmehr erfolgt ist, soll auch jede anerkannte Ge¬
meinde ihren Rabbiner wählen und denselben der Behörde
als ihren geistlichen Vertreter namhaft machen. Nun wurde
bekanntlich vielen Lehrern, Kantoren, Schächtern, auf deren
Einschreiten behördlicherseits der Dispens von dem Nachweise
des zur Bekleidung eines Rabbineramtes in Böhmen erforder¬
lichen Maßes allgemeiner weltlicher Bildung erteilt. Um das
theologische Wissen und den religiösen Lebenswandel kümmerte
sich die Behörde nicht. ... Unter solchen Umständen halten wir
es für unsere heilige Pflicht, im Namen des Judentums zu
erklären, daß unsere Religion von ihren Seelsorgern in erster
Reihe neben religiös-sittlichem Lebenswandel gründliche theo¬
logische Kenntnisse auf biblisch-talmudischem Gebiete verlangt,
die dieselben auch in den Stand setzen, in Wahrheit die
religiösen Führer und Berater der ihnen anvertrauten Ge¬
meinden zu sein."
Es wird nun auf unsere Gegner hingewiesen, die so häufig den
Inhalt unserer Lehre fälschten und entstellten, und denen nur ein
theologisch gebildeter Mann entgegentreten könne, und dann fortgesetzt:
„Aber auch zur Kräftigung des religiösen Lebens im Innern
.... bedürfen wir heutzutage mehr denn je Männer, die
voll und ganz ihrer Aufgabe gewachsen sind . . . wenn nicht
die Heranwachsende Jugend unserer Religion entfremdet werden
soll. Wie könnte nun gerade in unserer Zeit das Unglaub¬
liche geschehen, daß Leute, welche mit rabbinischen Studien sich
nie ernstlich befaßt und für den Rabbinerberuf sich nicht vor¬
bereitet haben, . . . mit einem Male als Rabbiner angestellt
werden sollen? Würde damit nicht unser Glaube auf's em¬
pfindlichste geschädigt und entwürdigt und würde nicht unser«
Gegnern eine Waffe in die Hand gegeben werden, indem sie
ihren Anhängern zurufen: Was kann an einer Religion
Gutes sein, deren Seelsorger selbst den geringsten Anforderungen,
die man an die Vertreter eines so hohen heiligen Amtes zu
stellen berechtigt ist, in keiner Weise genügen? Unstreitig
dürfte es unter den Lehrern, welche mit dem Dispens von