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Allgemeine Israelitische Wochenschrift.
Nr. 44.
Sünde, wie sich auch Gott erbitten ließ, die böse Einwohner¬
schaft von Sodom zu schonen, wenn zum wenigsten zehn gute
Menschen sich in dieser Stadt befänden. Der „Judengott"
ließ der sündigen Stadt Niniveh ihren Untergang verkünden.
Ihm reute aber das Unheil und er verzieh der Stadt, als sie
Besserung zeigte. Der „Judengott" nach dem talmudischen
Begriffe nahm es Moses und den aus Egypten flüchtenden
Juden übel, daß sie einen Lobgesang über den Untergang der
verfolgenden Egypter angestimmt hatten. „Wie?" — fragte
dieser selbe Judengott, der von einem deutschen Gerichtshof
eine so schlechte Zensur erhalten hat — „meine Geschöpfe sind
in des Meeres Tiefe versunken, und ihr stimmt Dankgesänge
an?" Der Talmud versichert jedem Juden das ewige Heil,
wenn er täglich den 145. Psalm mit Andacht betet. Warum?
Weil es da (Vers 16) heißt: „fGottj sättigt alles Lebendige
in seiner Gnade." Dadurch fand dieser Psalm den Vorzug
vor einem andern, der in seiner Komposition ähnlich lautet,
der aber verheißt, daß Gott nur die Frommen mit Nahrung
versorgt (Ps. 111, Vers 5). Der Jndengott verkündet nach
einer talmudischen Aeußernng in Anlehnung an Kohelet 3,15:
„Selbst wenn der Gute den Bösen verfolgt, ist der Verfolgte
Gottes Schutzes sicher." (Jalkut zur Stelle.) Der „Juden¬
gott" hat es abgelehnt, durch den frommen König David ein
Heiligtum erbaut zu bekommen, „weil er in den vielen Kriegen
zu vieles Blut vergossen" und nach der Lehre Israels jeder
Mensch, gleichviel ob Jude oder Heide, „im göttlichen Eben¬
bilde" geschaffen ist.
Der „Judengott" lehrt nach dem vielgeschmähten Talmud,
daß man die nichtjüdischen Armen gleich den jüdischen unter¬
stützen müsse, die nichtjüdischen Kranken pstegen, ihre Toten
begraben, den Leidtragenden Trost spenden. Der Begriff des
„Judengotts" involviert nach der talmudischen Moral, daß
ein Heide, der sich mit der Lehre der sittlichen Vervollkomm¬
nung beschäftige, dem Hohenpriester an Würde gleich sei, daß
Israel an dem Sukkotfeste zuerst Opfer für das Heil der
andern Nationen zu bringen habe und dann erst für sein
eigenes. Nach dem jüdischen Gottesbegriff darf man
den „Judengott" nicht lästern, sondern überhaupt keiue Gott¬
heit, d. h. das religiöse Bekenntnis irgend eines Volkes. Nach
der „jüdischen" Moral wäre ein jüdischer Sedlatzek schon in
der ersten Instanz streng bestraft worden. Der „Judengott"
verbietet, in der Gegenwart eines zum Judentum bekehrten
Heiden verächtlich von seinem früheren Glauben zu sprechen,
da ihn dies vielleicht doch kränken würde. Der „Judengott"
verbietet, überhaupt jemanden zu kränken oder zu beschämen,
denn es sei besser, daß sich der Mensch in einen glühenden
Ofen lege, als daß er „jemanden beschäme", lehrt der böse,
unmoralische Talmud. Der „Judengott" verbietet auch die
bloße, boshafte Neckerei, gleichviel ob gegen Jude oder Heide.
Wir sehen also, daß sich der Judengott ganz gut sehen lassen
kann, selbst im Lichte der modernen Moral.
Freilich hat der „Judengott" einst befohlen, in Palästina
die götzendienerische, durch und durch verderbte Bevölkerung
gänzlich auszurotten, ein Vergehen, das ihm von allen Anti¬
semiten, von Tacitus bis auf Sedlatzek vorgehalten worden
ist. Wir plädieren trotz alledem auf mildernde Umstände,
indem inderthat für das jüdische Volk die Gefahr bestanden '
hat, von der Verdorbenheit jener heidnischen Bevölkerung an¬
gesteckt zu werden. Das Unglück fürdenjüdischen Stamm war jenes
strenge Gebot nicht ausgeführt zu haben, weil sich die mensch¬
liche Natur gegen solche heroischen Mittel sträubt. Und dann,
wie lange ist es her, daß die Kreuzzügler, doch wohl nicht im
Namen des „Judengottes" unter den Mohammedanern in
Jerusalem ein Blutbad angerichtet haben und, wohl blos um
in die Hebung zu kommen, auf ihrem Zuge nach dem gelobten
Lande, Hunderttausende wehrlose jüdische Opfer abgeschlachtet
haben? Wir denken, daß dem gegenüber das, was man dem
„Judengotte" zum Vorwurf macht, schon längst verjährt ist.
Nein, unflätig beschimpfen darf man in Deutschland den
„Judengott" nicht mehr ungestraft; aber seine wahre Natur
verkennen — dies ist das verbürgte Recht auch solcher Männer,
die berufen sind. Recht zu sprechen. Aber wir sind
überzeugt, der Gerichtshof hätte dem „Judengotte" eine
bessere Zensur ausgestellt, wenn er in den Lehren des Juden¬
tums ebenso gilt und erschöpfend unterrichtet gewesen wäre, wie
in den deutschen Gesetzen. Auch der „Judengott" verzeiht leicht
Fehler und Jrrtümer, welche bona fide begangen werden, wie
er sich schließlich auch dabei beruhigt, daß ihn Sedlatzek be¬
schimpft. Wenn wir aber aufrichtig sein sollen, so müssen wir
gestehen, uns hat das gerichtliche Erkenntnis mehr wehe gethan,
als Sedlatzeks Schimpfereien. 8. 6.
Die Rundfrage.
Wer im deutschen Israel — und zuweilen auch außer¬
halb unserer Religionsgemeinschaft — etwas sprechen oder
thun will, was allen recht sein soll, muß vorerst jeden einzelnen
um seine gefällige Ansicht fragen, wenn er sich nicht einer
nachfolgenden abfälligen Kritik aussetzen will, die um so ver¬
nichtender ausfallen wird, je geringer der Erfolg ausfällt.
Das Ausland zeigt sich in dieser Beziehung säst ausnahmslos
vornehmer und vorurteilsloser; da dort jedoch die Beant¬
wortung von Kultur- ulld meist auch anderer Fragen der
Rücksichtnahme auf universelles Verständnis fast gänzlich ent¬
behren und ein Lokalkolorit zur Schau tragen, so hat diese
Behandlungsweise für uns lediglich ein akademisches Interesse.
Anders in Deutschland. Die edle Absicht, die Wichtigkeit der
Materie, das warme Interesse gelten bei Fragen, welche selbst
unser religiöses Vitalprinzip berühren, nicht als nennenswerte
„Entschuldigung" für die verursachte Aufregung, und es müßte
eine solche „Frage" schon aus dem Umwege über Paris oder
London zu uns gelangen, um der allgemeinen Aufmerksamkeit
und eventuellen Billigung sich zu erfreuen.
Diese Erfahrung mußte auch die von der Redaktion dieser
Zeitschrift ergangene Rundfrage, über die Ursachen des zweifel¬
los vorhandenen Niederganges im Judentum und die Mittel
zur Abhilfe desselben, an sich erleben, deren Behandlung in
der inländischen Presse an die seltsame Auffassung aus Ibsens
„Volksfeind" erinnert. Sicherlich ist mit dieser Rundfrage
etwas einfach zugestanden, was jeder Einsichtsvolle seit Jahr¬
zehnten bereits erkannt hat, und ihr Inhalt bildete, allen
Beiwerks entkleidet, das Leitmotiv aller seit Jahren über die
Zustände im Judentume erschienenen Betrachtungen, wobei
Herrn Dr. Bernfeld rückhaltlos zugestanden werden muß,