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XXIV.
Das Lebensschiff.
Ein Gleichniß.
Hochgeehrte Trauer-Versammlung! Ein Weiser des
Morgenlandes erzählt uns im Midrasch solgendes Gleichniß:
״An dem Hafen einer großen Seestadt war einmal eine große
Menschenmenge versammelt; denn ein neues, stattliches Schiff
sollte zuin ersten Male hinausziehen auf die hohe See und
mit seinem Kiele die Wogen des Meeres durchfurchen. In
festlichem Schmucke, geziert mit Blumen, Kränzen und
farbigen Bändern stand es da, bereit zur Abfahrt. Als nun
der Kapitän das Zeichen gab, die Taue gelöst, die Anker
gelichtet waren, und ein günstiger Wind, die Segel schwellend,
das Schiff Hinaustrieb auf die hohe See, da schmetterten
zahlreiche Instrumente auf dem Verdeck und das am Ufer
versammelte Volk brach in ein Freudengeschrei aus und
schwenkte mit den weißen Tüchern so lange, bis das Schiff
den Blicken entschwunden war. — Währenddessen zog auf
der anderen Seite des Hafens ein anderes Schiff vom
Meere her dem Ufer zu, befrachtet mit reichen Schätzen, mit
kostbaren Maaren aus den fernsten Ländern. Doch Niemand
beachtete dieses Schiff, still und unbegrüßt landete es am
Ufer. — Ein weiser Mann, der dabei stand, stellte darüber
seine Betrachtung an und sprach: ״O thörichtes Volk! wäre
es nicht vernünftiger, dem heimkehrenden Schiffe zuzujauchzen,
dem enteilenden aber Blicke der Besorgniß nachzusenden.
Denn zahlreichen Gefahren geht dieses entgegen; es kann
versinken, an Klippen und Sandbänken zerschellen, oder See-
räubern in die Hände fallen. Jenes aber ist glücklich und
wohlbehalten in den Hafen eingelaufen und kehrt, mit reichen
Schätzen beladen, in die Heimath zurück." —
Der Sinn dieses Gleichnisses ist nicht schwer zu errathen,
meine Lieben. Wiege und Bahre sind die beiden Schiffe.
Wenn ein Kind geboren wird, so ist das Haus voll Jubel
und Freude; aber Trauer und Wehklagen begleiten den
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