Page
9
des Jahres hingebracht?" Was hast Du zur Veredelung
Deiner selbst? was zur religiösen Erziehung Deiner Familie?
was zur Förderung des Wohles Deiner Brüder? was zur
Heiligung des göttlichen Namens? was zur Verherrlichung
des großen Tempels Gottes aus Erden gethan, gewirkt und
beigerragen?
Bei wie Vielen wird da nicht die Antwort lauten:
Nichts — gar nichts haben wir für diese heiligsten Güter
gethan, wir waren vom Strudel des Lebens zu sehr ersaßt,
wir mußten unermüdlich ringen für unsere Existenz, wir
mußten unablässig jagen, um etwas zu erhaschen, wir mußten ׳
auch für die Zukunft sammeln und aufhäufen. Nun, es
naht die Abrechnungszeit, der Neujahrstag, der Versöhnungs-
tag — noch sind uns vier Wochen des Jahres gegönnt, um
in uns zu gehen und manches Versäumte nachzuholen.
Wir wollen unsere heutige Betrachtung einem Gegen--
stände zuwenden, der mit dem Grundgedanken der bevor-
stehenden heil- Feste im engsten Zusammenhänge steht, der
sozusagen eine vorbereitende Einleitung zu ihnen bilden soll,
und zu dem uns die Anfangssätze des heute verlesenen Wochen-
abschnittes angeregt haben.
Diese Sätze lauten: ראה 171 ׳ ,,Siehe ich lege Euch heute
vor den Segen und den Fluch: den Segen, daß ihr gehorchet
den Geboten des Ewigen, Euren Gottes, den Fluch aber,
wenn ihr sie nicht befolget, sondern abweichet von dem vor-
geschriebenen Wege!"
In diesen zwei Sätzen, m. A., ist eine Frage entschieden,
die seit den frühesten Zeiten die größten Denker ernstlich be-
schüftigt hat, die Frage nämlich von der Willensfreiheit des
Menschen. Hier in diesen Sätzen spricht unsere heil. Lehre
in klaren, deutlichen, keinen Zweifel übriglasfenden Worten
es aus, daß der Mensch sittliche Freiheit besitzt, d. h. das
Vermögen, das Gute zu erwählen und das Böse zu lass? 11 ,
und daß er, vermöge dieser sittlichen Freiheit, der Schöpfer
seiner Glückseligkeit, aber auch der Zerstörer seines Glückes
werden kann, indem er durch das Gute, das er erwählet,