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gliedern unentgeltlich su. » Erscheinungsort Mains. III Schriftleitung: Babdiner vr. 8. §evi, Mains
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Pessach, das Fest der Freiheit.
Ein Bericht und eine Mahnung von Rnbb. Tr. S. L e v i, Mainz.
Das Pessachsest naht; die Festvorlesungen aus unserer
heiligen Schrift, die Haggadah und zahlreiche religiöse
Bräuche dieser Feierzeit erzählen von der Freiheit,
welche unseren Vorfahren nach der Jahrhunderte dauern¬
den Sklaverei in Aegypten durch Gottes Gnade zuteil ge¬
worden ist. Es gab und gibt kein zweites Volk in der
Weltgeschichte, welches wie Israel ein derartiges, seine Ge¬
samtheit erfassendes Erlebnis auszuweisen hätte; welches,
wenn auch anfangs mit einer gewissen Bedenklichkeit, so
doch mit verständnisvoller Hingabe dem Aufruf zur Frei¬
heit gefolgt wäre; zu einer Freiheit, die nicht durch Schwert
und Schild blutig erkämpft werden sollte, zu der man viel¬
mehr schritt mit dem Stab in der Hand, mit Sandalen an
den Füßen und dem Gürtel um die Hüfte. Freiheit sollte
nicht Sieg der Gewalt, sondern Triumph des Rechtes
fein. Durch des Ewigen Rechtswillen soll die Freiheit als
Menschenrecht gesichert sein: Der Gott, der — Menschen
wachsen ließ, der wollte keine Knechte! so könnten wir
hierbei das E. M. Arndt'sche Wort abgewandelt gebrau¬
chen. Es war ein einzigartiger Sklavenaufstand, der die
Freiheit mit dem friedlichen Wanderstabe suchte und sie
wagte in dem Glauben: „Gott will es!"
Daß die ägyptische Sklaverei nicht die letzte Bedrückung
war, welche auf Völkern oder Menschen lastete, dies wissen
wir Juden sehr genau; diese bedauerliche Tatsache tut aber
dem großen und sittlichen Gedanken, welchen der Freiheits¬
zug Israels aus Mizrajim der Welt geschenkt hat, keinen
Abbruch. Und wenn die von jener Besreiungsstunde
Israels gekündete Freiheit in der Welt noch nicht zur Tat¬
sache geworden ist, der Gedanke dieser Freiheit hat in den
Herzen der Völker und der Menschen doch Wurzel gefaßt,
sonst suchten nicht die Völker und Menschen — oft im
Widerspruch zur Tatsächlichkeit —- zu beteuern, daß sie jede
Bedrückung und Vergewaltigung verabscheuten.
Wenn wir Juden aber.die Freiheit als ein gottgewoll¬
tes Recht der Welt verkündeten, dann darf diese Lehre
sich nicht nur gegen Bedrückung von außen wenden, sie
muß auch in unseren eigenen Reihen zur Geltung kommen.
Wir meinen damit nicht etwa die Versuche der Verge¬
waltigung, welche von der einen Richtung des Judentums
gegen die andere, von einer Parteiung gegen die andere
unternommen werden, obwohl auch über diese Art mangel¬
hafter Freiheitsgewährung manches Wort zu sprechen
wäre. Uns schwebt vielmehr jener Druck vor Augen, wel-.
eher heutzutage vielfach über den jüdischen Gemeinden
liegt und jede freie Entwickelung des religiösen Lebens ganz
unmöglich macht. Dadurch daß infolge versäumter gesetz¬
licher Organisation jede Gemeinde sich selber überlassen
war, reichten bei schwindender Mitgliederzahl in zahl¬
reichen Gemeinden die Mittel nicht mehr aus, um die not¬
wendigen Aufwendungen zu bestreiten. Die Lehrkräfte zer¬
mürbten unter dem Druck der Notlage, die Bethäuser ver¬
ödeten, religiöse Einrichtungen versanken, das religiöse
Leben erstarb. Wo früher ein frei sich entfaltendes und
Segen spendendes jüdisches Leben sich gerührt hatte, da
scheint alles erdrückt und versklavt: die Lehrer und Führer
versklavt einer Mitleid erregenden Not, die Gemeinde¬
mitglieder verfallen der Lässigkeit, die Jugend erniedrigt
durch Unkenntnis. Man lese in diesem Zusammenhang nur
einmal die beiden kurzen Berichte über Weisenau und den
Aufruf des Wallertheimer Gemeindevorstandes in dieser
Nummer unseres Mitteilungsblattes: diese kurzen Zeilen
sind charakteristische Illustrationen zu diesen Gedanken.
In der größten Bedrängnis erstand unser Landesver¬
band der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, um
aus dieser bedrückenden Sklaverei zu befreien. Wir haben
mit dem Ende des Monats März unser erstes Budgetjahr
abgeschlossen. Wir wissen, daß wir noch lange nicht alle
die der Lösung harrenden Aufgaben bewältigen konnten.
Aber dieses erste Jahr hat,uns doch ein Stückchen vor¬
wärts gebracht. Ein kurzer Rechenschaftsbericht soll dies
beweisen.
Mehr als 17 000 Mark sind bereits in der kurzen
Spanne Zeit, seit der Landesverband besteht, aufgebracht
worden. Den überwiegend größten Teil dieser Summe
haben die Großgemeinden beigesteuert. Diese Summe
wurde hauptsächlich im Interesse der kleinen und kleinsten