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Gedanken zum Buche Ruth.
Von S. Eschelbach er, Mainz.
Um die Zeit, da wir am Wochenfeste zum Gebet uns ver¬
einigen, wurden einst zu Jerusalem im Tempel die Erstlings¬
früchte dargebracht. An die Erntezeit in Kanaan erinnert uns
auch ein Buch der heiligen Schrift, das wir gerade am .n'yrty
Fest lesen, ein Buch, das uns erzählt, was in grauer Vorzeit einst
dort sich begeben hat in den Tagen, da man das Getreide schnitt,
das Buch Ruth.
Schön und anmutig, wie die Jahreszeit, in der wir das
Wochenfest begehen, ist der Inhalt des Buches. „Ein seliger Friede
geht durch das Buch und teilt sich von selbst auch dem Leser mit.
Die Seele der ganzen Erzählung ist das Gefühl des tiefsten
Familienzusammenhangs, der hier um so sittlicher und schöner
erscheint, als er zugleich auf freier Selbstbestimmung beruht. Wir
können hier einen Blick tun in die Gediegenheit und Ehrenhaftig¬
keit des altisraelitifchen Familienlebens, in ein gemütvolles,
innig-frommes Stilleben, das bei aller Einfachheit doch so reich
und anziehend ift." 1 )
Der Verfasser dieses Büchleins, das Goethe, „als das Lieb¬
lichste, was uns episch und idyllisch überliefert worden", bezeichnet,
ist nicht bekannt, auch nicht die Zeit, in der es entstanden ist. Der
Talmud nennt als Verfasser des Buches den Propheten Samuel,
dem er auch die Autorschaft des Buches der Richter sowie der bei¬
den, feinen Namen führenden Bücher zuschreibt.
Unsere Weisen bemühten sich, dieses aus altisraelitischer Zeit
herrührende Dokument „innigster Natureinfalt und Naivität" zu
einem Buche der Erbauung und Belehrung auszugestalten.
So wird von ihnen schon das erste Wort dieses Buches
„Es war" das immer, wie sie feststellen, einen Bericht über Leid
und Bedrängnis einleitet, dazu benutzt, um daraus praktische
Lehren für die Gegenwart zu ziehen. „Es war" in der Richterzeit
— so erzählt diese Idylle —, als eine Hungersnot im Lande
Israel herrschte, da hatte ein vornehmer, reicher Mann namens
Elimelech mit feinem Weibe Noami und zwei Söhnen seinen
Wohnort Bethlehem verlassen und dauernden Aufenthalt im Lande
Moab genommen. Wie konnte nur — fragen sie — ein reicher,
vornehmer Mann, der sicherlich zu den Führern &§ Volkes zählte,
in so schwerer Zeit sein Volk und sein Land verlassen und in die
Fremde, nach dem feindlichen Lande Moab ziehen? Er tat es,
meinten sie, aus dem Grunde, weil er fürchtete, die Armen des
Ortes würden in ihrer Not sein Haus bestürmen, ihn mit Bitten
um Unterstützung behelligen, und sie knüpfen daran die Bemer¬
kung: Wehe dem Geschlecht, das seine Richter richtet, doppelt wehe,
wenn seine Führer dazu die Veranlassung geben.
i) Gustav Karpeles, „Geschichte der jüdischen Literatur",
2. Aufl., I. Band, S. 43.
Diesen Faden weiter spinnend, fahren sie fort: David wurde,
nachdem er den Riesen Goliath im Zweikampfe erschlagen hatte,
von den Töchtern Israels, die seine Heldentat bewunderten, reich
beschenkt; sie schmückten fein Haupt mit ihrem Geschmeide und
gaben ihm viel Gold und Silber, das er zu einem hehren Zwecke
bestimmte: dem Heiligen Israels auf Zion einen Tempel zu er¬
richten. Nach einiger Zeit aber brach im Lande eine Hungersnot
aus, die drei Jahre anhielt, und die Israeliten drangen in David,
das von ihm für den Tempelbau aufbewahrte Gold und Silber
zum Erwerb von Lebensmstteln für die hungernden Armen zu
verwenden. Er aber glaubte, diesen einem so heiligen Zweck ge¬
weihten Schatz nicht antasten zu dürfen und weigerte sich darum,
ihren Wunsch zu erfüllen. Da sprach der Herr: Du hast dich nicht
entschließen wollen, das mir geweihte Gold und Silber zur Er-
haltuug von Menschenleben freizugeben, nun — so wahr du lebst,
du darfst und wirst mir kein Heiligtum erbauen.
In das Leben einfacher Menschen versetzt uns das Buch Ruth.
Arme Leute stellt es vor allem uns vor Augen. Jedem Anprall
des Geschickes sind sie ausgesetzt, und wenn die Zeiten schlecht
werden, fallen sie als die ersten Opfer. Aber auch in der Fremde
trifft sie Unglück auf Unglück. Elimelech stirbt, und seine beiden
Söhne folgen ihm nach. Arm und verwitwet bleibt mit ihren
beiden Schwiegertöchtern Noami zurück, fremd in fremdem Lande.
Solche Schicksalsschläge zertrümmern nur zu häufig das feste
Band der Familie, aber diese Menschen schmiedet die gemeinsame
Not nur um so fester aneinander, und da Ruth Noami verlassen
soll, da spricht sie zu ihr: „Dringe nicht in mich, daß ich dich ver¬
lassen soll und fern von dir zurückbleibe. Nein, wohin du gehst,
dahin will ich gehen, und wo du weilst, da will ich weilen; dein
Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da
will ich sterben und dort will ich begraben werden. So möge Gott
mir tun und so möge er fortsahren. Nur der Tod soll scheiden
zwischen mir und zwischen dir!"
Eine Heldin war Ruth: sie hat sich selber überwunden. Auf
eigenes Glück hat sie verzichtet, um der armen, verlassenen Noami
Stütze zu sein, und sie hat eigener Freude entsagt, um im Leben
einer anderen der Sonnenschein zu werden. Und wir begegnen
Gottlob häufig genug noch Menschen, die über der Sorge für
Andere sich selber vergessen können. Was Eltern für ihre Kinder
zu tun bereit sind, wie Geschwister oft für einander sorgen, wie
Kinder auf manchen Genuß freudig verzichten, um ihren Eltern
den Lebensabend froh und sorglos zu gestalten, das erinnert oft
an das Vorbild, das Ruth gegeben hat, würdig, die Stammutter
des Königs David zu werden. Aber das Buch Ruth läßt uns auch
ahnen, wie Ruth nicht nur für Noami, nein, wie sie für die ganze
Stadt Bethlehem zur Wohltäterin wurde. Denn da sie mit Noami
nach Bethlehem zurückkehrt, geht sie auf das Feld des Boas, um
dort die Aehren zu lesen, die das jüdische Gesetz den Armen zu¬
spricht. Boas hat sie nie gesehen, aber als er ihren Namen hört.