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kennzeichnet die fromme Gebefreudigkeit des Jubilars,
daß er neben den namhaften früheren Stiftungen für
die Gemeinde und deren Gotteshaus, anläßlich feines 25 -
jährigen Vorstandsjubiläums in hochherziger Weife ein
und eine Almemor-Decke schenkte, wodurch er erneut seinen
Namen und den feiner Familie mit der Geschichte der alten,
würdigen Genieinde Mainz verkniipft hat.
Heber die Grenzen feiner Gemeinde hinaus gilt aber
nach wie vor seine reiche Mühe und liebevolle Sorge dem
Landesverband israel. Religionsgemeinden Hessens. Von
dem Jubilar begründet und seit dessen Bestehen von ihm
geleitet, hat der Landesverband sich als eine Einrichtung er¬
wiesen, deren Notwendigkeit und Wichtigkeit von Tag zu
Tag mit stärkerer Kraft und Klarheit in die Erscheinung
tritt. Und wenn es gelungen ist, die Anerkennung des Lan¬
desverbandes israel. Religionsgemeinden Hessens als öffent¬
lich rechtliche Körperschaft zu erlangen, sowie einen durch
die Zeitverhältnisse notwendig gewordenen sozialen Aus¬
schuß der beiden israelitischen Landesverbände in Hessen zu
schaffen, so ist das ein Verdienst seines Vorsitzenden. Die
Anerkennung der Arbeiten des Landesverbandes israel. Re-
ligionsgenteinden Hessens findet auch darin verdienten Aus¬
druck, daß der Jubilar als Verbandsvorsitzender in den
Beirat der „Reichsvertretung der deutschen Juden" berufen
wtlrde.
So kann Herr Kontmerzienrat Bernhard Albert Mayer
in freudiger und voller Befriedigung aus sein Schassen zu¬
rückblicke?:. Die Israelitische Religionsgemeinde Mainz, wie
auch der Laudesverband israel. Religionsgemeinden Hessens
aber nehmen dankbar Verattlassung, den: verehrten Jubi¬
lar ihre herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche zu sei¬
nem Ehrentage auszusprechen, die dahin zusammengefaßt
seien, daß es Herrn Kontmerzienrat Bernhard Albert Mayer
noch lange und irr ungetrübter, bester Gesundheit vergönnt
sein möge, seine hochgeschätzte, so oft bewährte Arbeitskraft
-und seine reiche Erfahrung zum Heile und Segen der seiner
Führung anvertrauten jüdischen Gemeinschaft in Stadt und
Land zur Verfügung zu stellen, ru» ='-271 na» v;
Bericht
über die Oberratsfitzung vom 10. Dez. 1933
1. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung mit einem warmen Nach¬
ruf auf das verstorbene Oberratsmitglied und den Mitbegründer
des Verbandes Justizrat Dr. Goldschmidt-Offenbach, und im
Anschlüsse hieran gedenkt er dankbar der Mitarbeit des am 9.
Dezember 1933 dahingeschiedenen Ersten Vorstehers der Israel.
Religionsgemeinde Gießen, Herrn Meyerfeld.
2. Zu Beginn seines Berichts über die seitherige Geschäftstätigkeit
des Landesverbandes und des Büros für soziale Angelegenheiten
wird von dem Vorsitzenden der zufolge Wegzugs stattgehabten
Austritte der Oberratsmitglieder Lehrer Kahn-Alsfeld und Hein¬
rich Hirsch-Groß-Gerau zur Kenntnis gebracht und der hohen
Verdienste des Lehrers Kahn um den Lehrerverband itnb unsere
Organisation Erwähnung getan.
3. Es referieren der Vorsitzende über die anderweitige Zusammen¬
setzung der Reichsvertretung und über eine Sitzung der Süd¬
deutschen Arbeitsgemeinschaft, Herr Rabbiner Dr. Levi über all¬
gemeine und Schulfragen, Herr Dr. Ollendorf-Berlin, der auf
besondere Einladung als Gast zugegen war, und Herr Schlösser
über Wohlfahrtsangelegenheiten und die mit dem Sitze in Frank¬
furt a. M. gegründete Bezirksdarlehenskasse.
4. Eine im Wortlaut festgestellte, dem hessischen Ministerium ein-
znreichende Denkschrift, in der um die Gründung jüdischer
Staatsschulen nachgesucht wird, soll den Mitgliedern des hierfür
eingesetzten Ausschusses, dem gesetzestreuen Verband behufs Mit-
unterschrist und der Mainzer Religionsgesellschaft zur Kenntnis¬
nahme übersandt werden.
5. Ter Unterricht in Leeheim und Dornheim soll Herrn Lehrer
Naumann in Griesheim übertragen werden.
6. Dem in der Sitzung erschienenen Lehrer Seelig-Hungen wird
aus seine Anträge wegen eines Anschlusses der Gemeinden Lich
und Nidda an die Genieinde Hungen aufgegeben, zunächst die
Voranschläge dein Schulausschnß einzureichen und dieser wird
dann erneut dem Oberrat berichten.
7. Es wird festgestellt, daß ein einer Gemeinde bewilligter Betrag
von RM. 200,— zu Gunsten des Lehrers zugestanden ist.
8. Herr Voehl - Gedern übernimmt es, mit einer Verbands-
Gemeinde wegen der Uebernahme ihres Gemeindevermögens aus
den Verband'zu verhandeln.
9. Herr Krämer-Friedberg ist bereit, eine oberhessische Gemeinde
in ihrer Friedhofsangelegenheit zu beraten.
10. Zu den Kosten der Reichsvertretung sind pro Kopf und Jahr
3 Rpf. zu zahlen.
11 Von einem Bericht des Herrn Oppenheimer-Oberingelheim über
' die Schwierigkeiten in der Reiseverbindung des Religionslehrers
mit Planig 'wird Kenntnis genommen.
12 Nach Dankesworten an Herrn Dr. Ollendorf und an alle übri¬
gen Anwesenden wird die Versammlung geschlossen.
Bildung5werk
der Israel. Semeinden von Mainz und Umgebung
Der Plan für die Veranstaltungen in der 2 . Winter¬
hälfte wird den Mitgliedern der isr. Gemeinden von Mainz
und Umgebung Mitte Januar zugesandt werden.
Der vorbereitende Ausschuß.
jüdische ramilienforschung!
Ein fjimpeis auf eine wichtige Forderung der Zeit.
Von sind. jur. Hans Lamm in München.
Unsere Zeit beschäftigt sich mit gesteigerter Anteilnahme mit
Familienknnde und Erbkunde. Es war 1788 noch ein kühnes Wag¬
nis, wenn der Göttinger Gelehrte Gatterer das Wort sprach:
„Genealogie gab es eher unter den Menschen als Geschichte". Dieser
Erkenntnis und der Forderung Riehls: „...Eine Familienchronik
sollte in jedem Bürgerhause, in welchem man lesen und schreiben
kann, angelegt werden!" wird heute zumeist schon viel mehr Ver¬
ständnis entgegengebracht als in der letzten Generation. In der Tat:
erst in der jüngsten Zeit gesellte sich zum rein historischen Interesse
an der Familienforschung das lebhafte und bedeutungsvolle des
Naturwissenschaftlers. Er,' der geschulte Erbforscher, vermag aus der
Kenntnis der Ahnen, ihrer Fähigkeiten und Berufe, ihrer Eigen¬
schaften und Stellung wertvolle Schlüsse von praktischer, oft' zu¬
kunftsweisender Bedeutung zu ziehen.
Der Begriff jüdische Familienforschung aber ist
schon uralt. Wir Juden sind seit jeher von einem allsgeprägten
Familiensinn erfüllt gewesen. Das Verständnis für familienkünd-
liche Forschung schwand nur in Zeitabschnitten, die überhaupt durch
ihr geringes — gewolltes oder ungewolltes — Verständnis für ge¬
schichtliche Bindungen gekennzeichnet sind. Das Urteil zweier füh¬
render nichtjüdischer Genealogen ist hier festzuhalten. Dr. Phil. Wil¬
helm Karl Prinz von I s e n b n r g , Privatdozent an der Bonner
Universität, schreibt („Genealogie als Lehrfach", Leipzig, 1928)
wörtlich, auf das hohe Ansehen, das die Familienkunde bei dem
jüdischen Volk — wie bei fast allen antiken Völkern — gefunden
hat, hinweisend u. a. folgendes: „...Bei den Hebräern war eine Art
genealogischer Beamter tätig, der ihre Geschlechter aufzeichnen
mußte." Der Ordinarius der Universität Gießen Robert Sommer
schreibt in seinem Werk „Familienforschung und Vererbungslehre"
(Leipzig, 1922) u. a.: „In diesem Zusammenhang ist die Tatsache
von größtem Interesse, daß schon in der Bibel Abstammungs- und
Vererbungsideen sehr stark hervortreten: sie bilden einen'Beweis
dafür, daß bei dem alten jüdischen Volke die Wichtigkeit der Fami¬
lienzusammenhänge erkannt und in religiösen Zusammenhängen
betont worden ist. „Ich muß" — so fährt Sommer fort — „aus¬
drücklich betonen, daß ich diese Dinge hier nicht vom konfessionellen
Standpunkt behandele, sondern lediglich die wissenschaftliche Frage
im Auge habe, wie weit sich familiengeschichtliche Ideen und Ein¬
sichten in der Literatur zurückverfolgen lassen."