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selbst die gedrückten Juden des Mittelalters haben vielfach
den Sinn fürs Historische bewahrt: der Hinweis, daß — weit öfter,
als im allgemeinen gewußt und angenonimen wird — deutsch-
jüdische Geschlechter Jahrhunderte hindurch eigene Wappen führten,
mag dafür Beleg sein.
So entspricht es guter altjüdischer Ueberlieferung, wenn auch
in unserem Kreis wieder in verstärktem Blaß Familien- und Erb
sorschnng betrieben wird. Einer berechtigten Forderung der
Stunde, und nicht irgend einer modischen Laune tragen wir damü
Rechnung. Die „Gesellschaft für jüdische Familienforschung" zu
Berlin, deren „Mitteilungen" schon seit 1924 erscheinen, leistet hier
bereits lange — nnter der Führung Dr. Arthur Ezellitzers,
der als Erfinder der heute in wissenschaftlichen Kreisen hoch ge¬
schätzten „Sippschaftstafeln" bekannt ist — im Stillen wertvolle
Arbeit. In diesen Monaten, in denen so mancher zu jüdischem
Werden und Sein zurückgefunden hat, haben viele zum ersten Mal
mit Heftigkeit die Frage nach Herkommen und Wesen der eigenen
Ahnen aufgeworfen. Beim Suchen alter Familiendoknmente und
ihrem Studium stößt der forschende Nachkomme oft unvermutet ans
unbekannt gebliebene Tatsachen, Geschehnisse und Urkunden, die
nicht nur von rein historischem und menschlichem Interesse, sondern
häufig auch von durchaus praktischer Bedeutung sind. Dazu kommt
der heute besonders lebhaft vertretene Ruf nach Erbforschung.
Einem Bortrag hierüber vor der Wissenschaftlichen Vereinigung
der jüdischen Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin, den Dr. med.
Nußban m jüngst gehalten hat, seien in Kürze folgende beacht¬
liche Gedanken entnommen: Gerade in der heutigen Zeit sei es
unbedingt erforderlich, seine Familie, sowie seine Vorfahren zu
kennen. Dies um so mehr, als fast alle Juden eine B e r u f s u m -
schichtung nötig haben, bei der es wichtig ist, ob der neue Ve¬
rist dem Betreffenden entspricht. Kennt man die Erbanlagen der
Familie, so kann man dann sicherer die richtige Entscheidung
treffen. An jedes Kind tritt einmal die Berufswahl heran, die es
zwingt, sich in: Umkreis der Familie umzusehen.
Im ganzen kann die Forderung nach jüdischer Familienkunde
ititb Erbforschung nicht eindringlich genug erhoben werden. Als
Grundlage hierfür diene eine Sammlung von Familienpapieren
imb eine sachgemäße Stammtafel (sog. „Stammbaum"). Der An¬
legung eines solchen Archives und vor allem einer solchen wichtigen
Stammtafel kann sich natürlich nicht jeder unterziehen. Die kleine
Mühe und die bescheidenen Unkosten, die durch die Betreuung eines
Fachkundigen mit diesen Arbeiten entstehen, sollte aber niemand
scheuen. Oft wird man damit einen wertvollen Dienst vor allem
an sich selbst und seinen Nachkommen leisten, und nicht selten auch
wird diese Forschung zukunftsweisender Dienst am Judentum und
der jüdischen Gemeinschaft sein.
Zum Nbleben der lierrn Juftizrat
Dr. Max öolbfdimibt, Offenbach.
Am 9. November 1933 verschied plötzlich der Erste Vorsteher
der israelitischen Religionsgemeinde Osfenbach a. M., Herr Justiz¬
rat Dr. Max G o l d s ch m r d t, im Alter von 69 Jahren. Beinahe
drei Jahrzehnte gehörte er dem Vorstande an, seit dem Jahre 1911
als dessen Erster Vorsteher. Sein reiches Wissen, die Lauterkeit und
Vornehmheit seines Charakters, seine nie versagende Arbeitskraft,
die er zu jeder Zeit in selbstloser Hingabe in den Dienst der Ge¬
meinde stellte, befähigten ihn ganz besonders zu diesem Amte. So
bedeutet sein Heimgang einen' schmerzlichen, ja fast unersetzlichen
Verlust für die Gemeinde. Aber auch unsere jüdische Gemeinschaft
verliert in ihm einen ihrer Besten. Ueberall da, wo es die Inter¬
essen der Gesamtheit zu vertreten und zu verteidigen galt, war er
zur Stelle und wirkte für sie in der ihm eigenen hingebenden Weise.
An seiner Bahre zeichnete Herr Rabbiner Dr. Tienemann in
tiefempfundenen Worten ein treues Bild des Verewigter!. Ter her¬
vorstechendste Zug seiner Persönlichkeit, so etwa führte er aus, war
der Adel, die Vornehmheit seines Wesens, die gepaart war mit
einer ticfinnerlichen Frömmigkeit und Verbundenheit mit Israels
Lehre.
Vor allem war ihn: aber eigen eine hohe und umfassende Bil¬
dung. Nur wenige in unserer Mitte wird es geben, die eine solch
reiche Kenntnis der deutschen Literatur besitzen, wie er sie hatte,
und dem dieses Wissen so zur Prägung der Persönlichkeit wurde,
wie bei ihm.
Zu seiner Vornehmheit und seinem reichen Wissen gesellte sich
eine herzliche Güte, die befähigt war, des anderen Leid und des
anderen Sorge mitzufühlen und mitzutragen und die immer zu
helfen bereit war.
Seine hohen menschlichen Eigenschaften bewährte er auch in
seinem Beruse. Er war in Wahrheit ein Diener des Rechts, der
überall dem Rechte zum Siege verhelfen wollte, ohne Rücksicht ans
persönliche Vorteile, immer nur getragen von dem Willen zur
Wahrheit.
Der Vertreter der Anwaltschaft Offenbachs ließ noch einmal in
kurzen Worten das Gesamtbild vom Wirken des Verewigten er-
pchen: „Wir nehmen Abschied für immer von dem Justizrat Dr.
Bcax Goldschmidt. Er war lange Zeit hindurch uni er Aeltester,
Haupt und Blüte unseres Kreises, und es war keiner unter uns,
oer ihn iilcht geehrt hätte ohne allen Vorbehalt als der Würdigsten
einer. Ich rönnte sprechen von ihm als dem. Anwalt, als dem Vor¬
sitzenden unseres Vereins, als dem Mitglied der Hessischen Anwalts-
tauuner, von deni rechtschaffenen Fürsprech, von denl klaren Ur¬
teiler, von dem rechten Schlichter, von seinem allgegenwärtigen
Hunwr, von seiner Liebe zur Natur, von seiner anhängtichen Treue
snr die Vaterstadt, vorr seinem Umgang mit den Dichtern und
Denkern unserer Welt. Ihm war Hunianismus kein leeres Wort,
sondern ein Bildungserlebnis.
Wir bewahren ihm ein langes ehrendes Gedächtnis als eineni
Vorbild im Berns und einem Muster im Leben."
Ter 2. Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Rechtsanwalt
Tr. Guggenheinl, rühmte noch einmal die treue Arbeit des Ver¬
storbenen für die Gemeinde, seine unparteiische Geschäftsführung,
iciite vornehme Art und sein versöhnliches Wesen, das ihn in so
hervorragender Weise befähigte, Gegensätze auszugleichen.
Jin Flamen des Oberrats des Landesverbandes israel. Reli-
giorlsgemeiitden Hessens, dessen Gründung der Initiative des Ver¬
storbenen zu danken ist, welcher der engeren Verbandssührung an¬
gehörte und innerhalb derselben der juristischen Kommission Vor¬
stand, würdigte Herr Löwensberg-Mainz die großen Verdienste des
Dahingeschiedeuen um den Verband.
Zuletzt stattete Herr Lehrer Jakob Strauß-Ossenbach im Na¬
men des israel. Landeslehrervereins im Volksstaat Hessen dem edlen
Manne noch einmal ben Dank ab für alles, was der Verewigte für
die jüdischen Lehrer Hessens getan, für das reise Verständnis, das
er stets denl Erzieherberufe entgegenbrachte, für sein warmherziges
Eintreten für ihre Rechte und ihre Besserstellung, für seine ganz
besondere Fürsorge, die er den jüd. Lehrern in den Landgemeinden
zu wandte.
Aus ben Derbanbsgemeinben.
Alsfeld. Am 2. Dezember v. Js. veranstaltete die israel. Reli¬
gionsgemeinde Alsfeld in der Synagoge eine Abschiedsfeier für
ihren allseits beliebten und verehrten Lehrer Leopold Kahn.
Herr Joseph Bettmann stattete Herrn Kahn in einem jüdischen
und dann übersetzten deutschen Gebet den Tank der Gemeinde für
seiiie segensreiche Tätigkeit ab und verband damit die besten Wün¬
sche für seine fernere Zukunft.
Der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr Jsaac Strauß, zeich¬
nete in trefflichen Worten das Bild des scheidenden Lehrers. Er
hob insbesondere seine Fähigkeiten im Amte, seine aufopfernde
Fürsorge für Arme und Kranke und seine hervorragenden Eigen¬
schaften als Redner hervor. Die Gemeinde wird dieses treuen See¬
lenhirten in steter Verehrung gedenken und ihm im Herzen ein un¬
vergeßliches Denkmal errichten.
Herr Kahn legte dann in einer groß angelegten Rede sein
Wirken während seiner 20 jährigen Tätigkeit in der hiesigen Ge¬
meinde dar. Er ermahnte sie, in Frieden und Eintracht zusammen
zll leben und an der gesetzestreuen Ueberlieferung festzuhalten.
Ebersheim. Vor kurzem konnte Frau Fanny Goldschmidt Ww.
ihren 87. Geburtstag in körperlicher und geistiger Frische feiern.
Ihr Mann war langjähriger Vorstand der Gemeinde Ebersheim-
Harxheim, welches Amt z. Zt. ihr Sohn innehat. Im Weltkrieg
hatte sie 5 Söhne und 1 Schwiegersohn im Felde.
Fürfeld (Kreis Alzey). Nach dem stillen Waldfriedhof bewegte
sich am 21. Nov. 1933 eine außerordentlich große Trauerschar aus
allen Kreisen der Bevölkerung von Nah und Fern, um die sterbliche
Hülle unseres so rasch verschiedenen Salomon Brück zur letzten
Ruhe zu geleiten. Wie von Gottes Hand extra für diese Stunden
hervorgezaubert, strahlte die warme, grelle Herbstsonne, nach all den
trüben' Novembertagen, mit selten überschwenglicher Pracht in die
Ruhestätte dieses so allseitig beliebten und geachteten Mannes. Am
offenen Grabe zeichnet Herr Rabbiner Dr?Jacobs Bad-Krenznach
die Fülle der Tugenden des Verstorbenen, der unserer Gemeinde
über 30 Jahre Führer gewesen ist. Sowohl am Haus, wie am Grab
sangen die vereinigten Gesangvereine unter Leitung ihres Diri¬
genten Herrn Julius Göckel, Bad-Kreuznach zu Herzen gehende
Grabeslieder. Besonders zu erwähnen ist noch das außerordentlich
gute Einvernehmen aller Einwohner, das durch die überaus starke
Beteiligung zum Ausdruck kam.
Mainz. Bei den ordentlichen Ergänzungswahlen der Gemeinde
wurden die Herren Dr. Ehrmann und Fritz Löwensberg als Vor¬
standsmitglieder, die Herren Louis Hermann, Julius Metzger und
Josef Plaut als Angehörige der Steuervertretung ohne Wahlkampf
wiedergewählt.
Mainz. Am 19. Dezember v. I. trat das langjährige Mitglied
der Chebrah kaddischah d'mithaßkin unserer Gemeinde, Herr Julius
Koch I., Bonifaziusstraße, in das 76. Lebensjahr ein. Herr Koch
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