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Nr. 8
| D as Schriftwort
Maimonides schreibt im letzten Kapitel von Mischne Thora
im zwölften Abschnitt der Hilchot Melachim:
„1) Man darf sich nicht vorstellen, daß in den Tagen des
Messias irgend etwas fortfallen wird von dem bisherigen Lauf
der Welt, oder daß irgend ein Neues in der Schöpfung aufkommen
werde; vielmehr die Welt wird weiter ihren gewohnten Gang
gehen. Und wenn es in Jeschajahu heisst (cap. 11, V. 6): „dann
gastet der Wolf beim Lamm, der Pardel lagert beim Böcklein",
so ist das nur als Gleichnis und Parabel zu verstehen. Gemeint
ist damit: Israel wird wohnen in Sicherheit vor den Frevlern
unter den Heiden, die mit dem Wolf und dem Pardel verglichen
werden, wie es heisst (Jirmejahu cap. 5, V. 6): „der Steppenwolf
wird sie gewaltigen, der Pardel lauert an ihren Städten"; und
alle werden sie zurückkehren zum wahren Glauben, sie werden
keinen Raub mehr begehen und kein Verderben üben, sie werden
leben von dem, was erlaubt ist, in Ruhe in Israel, so heisst es
denn auch (Jeschajahu cap. 11, V. 6) „und der Löwe wird Stroh
fressen wie ein Rind". So sind auch alle Worte zu verstehen, die
in Bezug auf den Messias geschrieben stehen, sie sind Gleichnisse;
und in den Tagen des Königs Messias wird füll alles bekannt
werden, wofür es ein Gleichnis war und was manflamit andeuten
wollte.
2) Die Weisen haben gesagt: der einzige Unterschied zwischen
der gegenwärtigen Welt und den Tagen des Messias ist, daß auf¬
hören wird die Knechtung durch fremde Gewalten. Aus dem ein¬
fachen Wortlaut der Propheten ist ersichtlich, daß zu Beginn der
Tage des Messias der „Krieg von Gog und Magog" sein wird,
(Jecheskel cap. 38 und 39) und dass vor dem Krieg
von Gog und Magog ein Prophet aufstehen wird, Israel
den rechten Weg zu weisen und seinem Herzen die
rechte Richtung zu geben, denn so heisst es (Maleachi 3,22):
„wohlan ich sende euch Elija den Künder, bevor der Tag Gottes
kommt, der große und furchtbare"; und er kommt nicht, um als
unrein zu erklären, was rein ist. oder als rein zu er¬
klären, was unrein ist oder um Menschen einen Makel
anzuheften, die als unzweifelhaft einwandfrei gelten, oder um
als einwandfrei zu erklären, was als unzweifelhaft bemakelt
gilt, sondern um Frieden in der Welt zu stiften, denn so heisst es
(Maleachi 3,23): „er wird umkehren lassen der Väter Herz zu
den Söhnen, der Söhne Herz zu ihren Vätern". Manche von den
Weisen sagen, daß vor dem Messias Elijahu kommen wird; von
all diesen und ähnlichen Dingen weiss kein Mensch, wie sie sein
werden, bis daß sie wirklich gewesen sind; sie sind bei den
Propheten selbst nicht offenbart; auch die Weisen haben keine
giltige Ueberlieferung darin, sie erschliessen sie aus der Aus¬
legung der Verse, und darum haben sie über diese Dinge Meinungs¬
verschiedenheiten. Und jedenfalls haben die Ordnung des Werdens
dieser Dinge oder ihre Einzelheiten nicht den Rang eines Glaubens¬
satzes;, man soll sich mit den Erzählungen darüber nicht beschäf¬
tigen und sich nicht lange bei den Auslegungen aufhalten, die
mit diesen Themen und mit ähnlichen sich befassen, und man
mache aus ihnen keinen verbindlichen Glaubenssatz, denn sie
führen weder zur Furcht noch zur Liebe; auch gebe man sich
nicht ab mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; die Weisen
haben gesagt: verhauchen möge die Seele derer, die sich abgeben
mit der Berechnung der Endzeit der Erlösung; vielmehr harre
man gläubig der grundsätzlichen Erfüllung entgegen, wie wir es
erklärt haben.
3) In den Tagen des Königs Messias, wenn seine Herrschaft
sich befestigt haben und ganz Israel sich zu ihr hin gesammelt
haben wird, werden sie alle sich auf seinen Entscheid dank dem
heiligen Geist, der auf ihm ruhen wird, in die Geschlechtsregister
eintragen, so heisst es (Maleachi cap. 3, V. 3): „er setzt sich, ein
Uber die Tage des Meffias
Schmelzer und Silberreiniger und reinigt die Söhne Lewis"; und
die Söhne Lewis wird er zuerst reinigen und sagen, der kommt in
das Geschlechtsregister der Kohanim und jener kommt in das
Geschlechtsregister der Lewiten; und wer nicht in eins dieser
Geschlechtsregister eingetragen werden kann, den verweist er
unter die als Israeliten schlechthin zu Bezeichnenden, so heisst
es auch (Esra cap. 2, V. 63): „und der Tirschata (Amtsbezeich¬
nung für den damaligen Statthalter) sprach zu ihnen, daß sie nicht
von dem Hochheiligen essen dürften, bis aufsteht ein Priester,
der Urim und Tumim tragen kann" (und mit ihnen entscheiden
kann); daraus kannst Du lernen, daß mit Hilfe des Heiligen
Geistes man die, die man als Kohanim oder Lewiten gehalten hat,
in die Geschlechtsregister eintragen wird und kund tun wird, wer
mit Recht in das Geschlechtsregister gehört. Und die Israeliten
werden nur nach der Zugehörigkeit zu den einzelnen Stämmen in
die Geschlechtsregister eingetragen, daß kundgetan wird, dieser
gehört zu diesem Stamm und jener kommt von jenem Stamm her,
aber nicht wird man sagen, auf die, die in der unbestrittenen An¬
nahme unbemakelter Herkunft stehen, der sei ein Bastard oder
jener stamme von Sklaven ab, denn es gilt die Bestimmung: „was
in einer Familie aufgegangen ist, bleibt aufgegangen" (Kiddu-
schin 71 a).
4) Die Weisen und Propheten haben sich nicht nach den Tagen
des Messias gesehnt, weil dann eine Herrschaft über die Welt sein
würde oder daß sie herrschen würden über die Heiden, oder weil
dann die Völker sich hoch erheben würden, auch nicht um zu
essen und zu trinken und Freude zu haben, sondern damit sie
dann frei seien zur Thora und ihrer Weisheit und niemand da sei,
der sie bedrückt und davon abhält, damit sie würdig werden des
Lebens der künftigen Welt, wie wir es erläutert haben in den
„Vorschriften über die Umkehr".
5) In dieser Zeit wird nicht Hunger sein oder Krieg, nicht
Neid und Eifersucht, denn das Gute wird in reicher Fülle aus¬
gegossen sein und alle Köstlichkeiten werden so leicht zu erreichen
sein wie der Staub der Erde; und das Anliegen der ganzen Welt
wird nur sein: Gott zu erkennen; daher wird Israel sehr weise
sein und wird die verborgenen Dinge verstehen und in die Absicht
des Schöpfers eindringen, soweit menschliche Kraft reicht „denn
voll wird die Erde sein der Erkenntnis Gottes,
wie Wasser das Meerbett bedecken". (Jeschajahu
cap. 11, V. 9)".
Es ist diesen Worten des großen Meisters, in denen er Worte
der Bibel und aggadische Stellen mit einander verwebt, kaum
etwas hinzuzufügen, sie sprechen für sich selbst und sind reizvoll
in der Eigenart und Geschlossenheit des Bildes, das sie entwerfen.
Wir finden in ihnen die mancherlei Züge wieder, die auch sonst
das Wirken und die Art des Maimonides charakterisieren. Deutlich
tritt sein Bemühen vor, die Worte der Aggada nur als Bild aufge-
fasst zu wissen, und sie nicht in ihrer Wörtlichkeit kanonisieren
zu lassen. Zugleich geniessen wir hier die mit tiefer Gläubigkeit
gepaarte Selbstbescheidung, die um die Grenzen des Erkennens
und Wissens wohl weiss, um so beachtenswerter bei einem Manne,
der so die Erkenntnis zum Mittelpunkt machte. Wir sehen auch
hier die tiefe Friedensliebe, die keine Verketzerung und kein Ab¬
werten irgend eines Menschen aufkommen lassen will, Gewordenes
und Zur-Ruhe-Gekommenes nicht aufrühren will. Dann wieder
das Bemühen, auch diesen spröden Stoff in das System und in
die Ordnung des Gesamtgebäudes Judentum einzugliedern. Und
über dem für Maimonides Charakteristischen hinaus bleibt wichtig
die Unterstreichung des Gedankens, daß das Messianische im
Denken und in der Hoffnung Israels nicht mit Herrschaft und
Anerkennung verknüpft ist, sondern nur mit erhöhter Verant¬
wortlichkeit und vermehrter Pflicht der Zuwendung zur Thora.