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|£o. 3. -o*x&- ^dovax (Kroatien) 1. Weßmar. 1882.
DAS
JÜDISCHE CENTRALBLATT.
(ZUGLEICH ARCHIV FÜR DIE GESCHICHTE DER JODEN IM KGR. KROATIEN),
Herausgegeben von Rabbiner Dr. M. Qrünwald.
I. JAHRGANG.
Das jüdische Centralblatt erscheint alle 14 Tage in l l / 8 bis 2 Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Belovar bei J. Fleischmann)
pro Jahrgang 4 fl. Inserate werden mit 10 Kreuzern die 3 gespaltene Petitzeile berechnet und auschliesslich entgegengenommen durch die
Annoncen-Expedition von Fleischmwm in Belovar, (Manuscripte werden nicht retournirt).
INHALT.
I: Wesen der Ethik (Schluss) 3. Cap. Besondere Eigentümlich¬
keiten der talmudischen Ethik, — II. Biographie des R. Jehuda
Assud von Bez. Rabb. S. Hahn in Damboritz, — III. Die Ethik
des Jehuda Halevi von Rabb. Dr. Frankl-Grün in Kremsier. — IV.
Franz Lizst und die Juden. — V. Die Juden in Bosnien und Her-
zegovina. — VI. Aus dem Kgr. Kroatien. — VII. Zur Geschichte der
Juden in der Kroatisch-slavonischen Militaergrenze. — VIII. Of¬
fenes Sendschreiben an Sr. Hochwohlgeboren Herrn Ivan Voncina,
Sektionschef im Ministerium für Kultus und Unterricht m Agram.
Mischellen. — IX. Hillel der Aeltere von Lic. theol. Dr. August
Wünsche.
Kecensionert. Bibel und Talmud von Dr. B. Fischer. — Gottes-
erkenntniss und Gottesverehrung von Abraham Hochmuth, Rabbiner
in Veszprim. — Die Moral der Evangelien und des Talmud von
Dr. M. Duschak. — Confirmationsreden von Elias Karpeles Rabb.-
Chachme Hadoroth von Dr. M. H. Friedländer. — Deutsehe Li¬
teraturgeschichte von Schräm C, Wilh. — Lekah Tob. (Pesikta
sutarta) von Sal Buber.
Nachdruck nur mit VÖLLER Quellenangabe gestattet.
Wesen der Ethik.
(Fortsetzung.)
Dass aber diese Anforderung der HpTlC» ( ^ er Mild-
thätigkeit und des Wolthuns zu allen Zeiten im Juden-
thume nicht bloss in der Theorie blieb, sondern auch im
Leben sich bewährte, ist nicht zum geringsten den tal-
mudüchen Lehrern zu verdanken. Die Gleichberechtigung
aller Menschen vor Gott und vor den Menschen könnte
wahrlich nicht anschaulicher als durch folgende sinnbild¬
liche Darstellung vermittelt werden. Als Gott, so er¬
zählen die talmudischen Lehrer, den Menschen erschaffen
wollte, sammelte er hierzu Erde aus allen 4 Weltgcgenden,
damit der Mensch, wo er immer auch sei, von seinem Mit¬
bruder, der aus demselben Stoffe geformt ist, zärtlich,
mütterlich und liebreich aufgenommen würde.
Doch könnte vielleicht der Einwand erhoben werden,
dass die Juden in Zustande der Bedrückung solche Äus¬
serungen gethan, sie sozusagen nur für die Nicht jaden
aufgestellt; dass solches aber falsch und irrig sei. belehrt
uns ein Blick auf die Einthetiung des Talmud.
Dem Tractate Nesikin, welcher ein erschöpfender
Rechtscanon mit Recht genannt wird, haben die Tal-
mudisten den Tractat Pirke Aboth, einen Abriss der Ethik,
beigefügt; und was sie damit andeuten wollten, ist unver¬
kennbar. Sie denken, wie ein Gelehrter (1) unserer Zeit
mit Recht sagt, dass jedes positive und alle Rechts¬
norm nur formell und durchaus nicht ausreichend sei,
wenn die reine Ethik beim Richter wie den Parteien
nicht zur vollen Geltung gekommen; es ist diess gleich¬
zeitig ein Beweis, wie hoch die Rechtsidee in Judenthum
stand, dass man sie als etwas von aussen her unergründ¬
liches erkannte, wenn sie nicht mit dem ethischen Ele¬
mente innig verbunden ist. Und nur so kann der Spruch
verstanden und gewürdigt werden, dass filD?
C*7XP? nK (T ITH jeder Mensch ohne Unterschied
des Standes und des Glaubens zum guten beurtheilt
werde. Das moderne französische Sprüchwort tout con-
uaitre c'est tout pardonner, die Lebensgeschichte einer
Person können, heisst alles verzeihen ,und das von tiefer
psychologischer Erkenntniss zeugt, es hat in dem hebräi¬
schen §atze, dass jeder Mensch aufs günstigste beur¬
theilt werden müsse, seinen Meister gefunden.
Dass aber die Gleichberechtigung aller Menschen bei den
talmudishen Juden sich nicht nur auf das irdische Leben
erstreckte, dass die Lehre der alhinsdy/iiiacheriden Kirche
zu keiner Zeit im Judenthume geltend gemacht wurde, dass
vielmehr das Seelenheil eines jeden Nichtjuden gesichert
war, wenn er der Moral, der allgemein menschlichen
Moral Rechnung trug. Diess bezeugen zahlreiche Aus¬
sprüche derTalmudisten 83m übYjb pbn DH^ Vf*
übVJn niftlX "H^SPt Die religiösen, sittlichen Menschen
aller Religionon können der ewigen Seligkeit theilhaft
(1) Bibel und Talmud in ihrer Bedeutung für Philosophie
und Kultur, Text, Übersetzung und Erklärung auserlesener Stücke
von Dr. Bernhard Fischer II. Ausgabe. Leipzig J. A. Barth 1881
[>. 258; vergleiche auch die Besprechung dieses Buches im Literatur-
boiicht, und ferner Rabb. A. Hochnitith's Werk: Gotteserkentniss und
Gottesverehrung.