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DAS JÜDISCHE CENTKALBLATT.
werden. Dieses ethische Leben nennt das Judenthum (1)
heilig sein, und in diesen Sinne ergeht an jeden Israeliten
die Mahnung des Pentateucb: Heilig sollt Ihr sein, denn
heilig bin ich der Ewige Euer Gott. Und diese (2)
vorwiegende Richtung auf das Ethische haben auch
nichtjüdische hervorragende Forscher anerkannt. Der
Bund, sagt Bahr (Symbolik des mosaischen Cultus L 37)
das heisst das besondere Gemeinschaftsverhältniss, in
welches Gott zu Israel durch das geoffenbarte Gesetz
getreten, bezweckt die Heiligung Israels, er lautet mit
einem Wort: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.
Diess ist das Princip, die Seele des Mosaismus, sein Le¬
bensodem und nach ihm bestimmt sich überhaupt das
ganze göttlich-menschliche d. h. religiöse Verhalten. Die
mosaische Religion ist daher durch und. durch ethisch,
richtet sich durchhaue an den Willen des Menschen und
betrachtet ihn als ein nwralisch.es Wesen.
KAPITEL III.
Besondere Eigentümlichkeiten der
talmudischen Ethik.
Einer der hervorragendsten Kenner des biblisch - tal¬
mudischen Schriftthums, der der Wissenschaft und dem
Judenthum leider allzufrüh entrissene Director Dr. Lazarus
in Breslau, hat in seiner einleitenden Schrift zur Ethik:
„ZurCharakteristik der talmudischen Ethik" die treffende
Betrachtung gemacht: Die talmudische Ethik hatte
nicht in irgend einem Prinzip sich erst eine Grundlage
zu schaffen, es gab im Bereiche menschlichen Denkens
nichts, was gewisser, sicherer, klarer, bestimmter,
zweifelloser war, als dass Gott der Schöpfer eben sowol
einer sittlichen als der physischen Weltordnung sei, dass
er die Quelle aller, auch der ethischen Wahrheit sei und
dass die überlieferten Sittengesetze eben diese Wahrheit
ausdrücken und enthalten. Es fehlt zwar im Talmud und
fehlte schon bei den Propheten nicht au einzelnen Aus¬
sprüchen von einer so unfassenden Gewalt, dass in ihnen
wirklich der gern der ganzen Sittlichkeit enthalten scheint
und in diesem Sinne haben auch die Talmudisten solche
Sprüche als Principien angesehen (Maccot 23 b) aber
(1) Der Name Jude (Jehudi) ist übrigens, wie Dr. Julius
Fürst diess jüngst in Dr. A. Brüll's ^Monatsheften" nachgewiesen
durchaus nicht auf dieBekenner des Judenthums, allein sondern auf
alle Anhänger des einig-einzigen Gottes ausgedehnt worden, wie
diess ältere Midraschim und auch Midrasch Pesikta Sutarti (Lekach
Tob Abschnitt Schemot) an vielen Stellen aussprechen so heisst es
+VSV *np; mi nropa nai^n hz w er den
Götzendienst verleugnet, wird Jehudi (Jude) genannt (Lekach Tob
edidit S. Buber pagina 10. siehe daselbst" Anmerkung 33. als
Beweis wird die Stelle im Profeten Daniel Cap. 3 Vers 12 angeführt,
die lautet pTPH» pM TPX
(2) Zur Charakteristik der talmudischen Ethik von Director
Dr. L. Lazarus. Im Selbstverlage des Verfassers. Breslau 1877.
weder konnten diesen Sprüchen, auch wenn sie des gött¬
lichen Namens keine Erwähnung thäten (was sie nur
zum Theil nicht thun) eine dem theistischen Hinter¬
grund aller Sittlichkeit abgelöste Bedeutung in der
Seele eines Talmudisten zukommen, noch wird irgend
der Versuch gemacht aus diesen allgemeinen Sätzen in
systematischer Ordnung die überlieferten oder weiter
ausgebildeten Lehren abzuleiten. Die sittliche Grund¬
stimmung also war thatsachlich und zweifellos gegeben, der
Hang zu strenger Systematik fehlte: oder wenigstens
zur praktischen Befestigung des ethischen Ishenshaues
bedurfte man ihrer nicht.
Und fürwahr, wo das Leben eine ununterbrochene
Bethätigung der Lehren der Moral und der Sittlichkeit
ist, wo die Ethik dergestalt in Fleisch und Blut über¬
gegangen ist, bedarf man eines systematisch ausgebildeten
und nach allen Seiten hin verarbeiteten ethischen Ge¬
bäudes nicht. Es ist eine alte Wahrheit, die psychologisch
wol begründet ist, dass der Mensch sich gewöhnlich
nicht der ihm wirklich innewohnenden Vorzüge und
Fähigkeiten rühmt, sondern gerade solche Eigenschaften
sich zugeschrieben wissen will, die er nicht besitzt.
Die Erfahrung hat erwiesen, dass dadurch auch
sehr häufig gegen dieEthik Verstössen wird, in dem die
Sucht zu scheinen was, mau nicht ist, so manchen die
ihm von Gott verliehenen Fähigkeiten undAnlagen vernach¬
lässigen und in dem Einschlagen eines falschen Weges
seines Lebens Ziel verfehlen liess. Solches wollten die
Talmudisten verhüten, wenn sie den Ausspruch: hasse die
n*DS*lP[ >Otn Herrschaft und nur den als reich
*pbr\2 HDtrn TtPI? HT-N miü glücklich hinstellten
der nicht nur mit dem ihm von Gott zu Theil gewordenen
zufrieden ist, sondern sich dessen freut, in der festen
Überzeugung, dass er damit ein gottgefälliges und
menschenwürdiges Leben führen kann.
(Fortsetzung folgt)
Rabbi Jehuda. Aszud
Rabbi Juda Aszud hatte in dem kleinen Städtchen Aszud
in Unter- Ungarn im Jahre 1796 des Licht der Welt
erblickt.
Seine schlichten Eltern zeichneten sich besonders
durch wahre, echte und innige Frömmigkeit und Herzens¬
güte aus, die sie auch ihrem geliebten Sohn einzuflössen
auf das Eifrigste bestrebt waren. Und in der That
hat der kleine Jehuda schon in seiner frühesten Kind¬
heit nicht nur einen sehr hellen Kopf, ein seltenes Ge¬
dächtnissvermögen, das seine ersten Lehrer in Staunen
versetzte, maniiestirt, sondern auch in seiner Frömmig¬
keit und Gottesfurcht schon in seiner. Jugend die Auf¬
merksamkeit seiner Lehrer und vieler Gemeindeglieder