Page
-i 4.
u <*•
4^ l&dovai (Kroatien) 15. gteßruar
g&
Ai
DAS
vor
mm
m
Jel
JÜDISCHE CENTRALBLATT.
(ZU8LEICH ARCHIV FÜR DIE 8ESCHICHTE OER JUDEN IM KÖR, KROATIEN),
Herausgegeben von Rabbiner Dr. M. Grünwald.
I. JAHRGANG.
/Das Jüdische Centraiblatt erscheint alle 14 Tage in 17« bis 2 Bogen; Preis bei ailen Buchhandlungen (in Belovar bei J. Fleischmann)
pro Jahrgang 4 fl. Inserate werden mit 10 Kreuzern die 3 gespaltene Petitzeile berechnet und auachlifjaÜtth entgegengenommen durch die
Annoncen-Expedition ron J. Fleiachmann in Belovar. (Mannicripie werden nicht retournirt).
>•;*=*.
INHALT.
I. Besondere Eigentümlichkeiten der talmudischen Ethik.
—- II. Aus einem Briefe des Oberrabbiners von Sarajevo und eine
i Berichtigung — III. Autographie S. D. Luzzatto's; vorangeht
1 eine literarhistorische Abhandlung über die Familie Luzzatto vom
\ Beginne des 10. Jhdts.; aus dem itai. in's deutsche übertragen
\uid mit Anmerkungen versehen von Dr. M. G. — IV. lieber
: den jüdisch-spanischen Dialekt als Beitrag zur Aufhellung der
j Aussprache im Altspanischen.
Recensionen. Jakob Grünwald k. k. Heligionslehrer.
Jakob Reifmann. Pflichten des Vaters gegen seinen Sohn.
Nachdruck nur mit VOLLER Quellenangabe gestaltet.
Besondere £igenthümlicuk«ejt^i\ der
Talmudischen Ethik.
- : v t
(Fortsetzung.)
Kaufs Ausspruch, dass im Himmel uud auf Erden
nichts, schlechterdings gar nicts bestehe, was unbedingt
gut und zum Heile führe, als der üitlich§ Will?, er ist
schon in Talmud ausdrücklich vorhanden in den Worten
«■kto««* v»L«*.» «,«.«■,>.,,., M>it>«n Weit
||J >«J<md $*V'Vm/ 1 J IflS I \ji \*1>*M> jJIU ^"5
besser ist es, wenn auch weniges mit sittlich gutem Willen
zu vollbringen, als vieles und scheinbar grosses" solches
ist auch de: Sinn der scheinbar auffälligen Stelle jPf^JÜflJtjjj
Htyp PTTDy ^nlHnH daSö sündhafte Gedanken weit
sträflicher seien als die sündhafte That. Denn die Tal-
mudisten machten mitten im Leben stehend, vom Leben
ausgehend und zum Lehen zurückführend einzig und
allein um des Lehen* willen die Moral zum Gegenstand
ihrer Untersuchung. Nicht geblendet vom trügerischen
Schein, nicht unterworfen der machtigen Zugkraft des
sogenannten Zeitgeistes standen sie auf der Höhe wahrer
Sittlichkeit und brachten die dem wirklichen Leben
abgelauschten Erfahrungen in eine kernige, pnecise
Form, die manchmal vielleicht etwas dunkel ist, die
aber dem ernsten Forscher immer sich offenbart. In
der äusseren Abgeschiedenheit ward das innere Leben
rege, und so ward die ganze Erscheinungswelt un¬
getrübten Blickes vollständig erfasst und wieder gegeben.
Das Göth'ejche Wort: Und setzet Ihr nicht das Leben
ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein, es kann
cfii$ Übertreibung und' Anmassimg auf die talmudischen
Gelehrten angewandt werden. Sie, die die höchsten
Höhen idealer Lebensbetrachtung erklommen, die den ir¬
dischen Genüssen jede selbstständige Berechtigung ab¬
sprachen, sie sind nichts desto weniger weit entfernt von
dem düstern, sich selbst genügenden Stoicismus (1) dessen
Grundlehre in die Worte mündet: patet porta, exi; wenn
di!- des Lebens Mühen zu schwierig, wenn dir die
aufgebürdete Last eine zu grosse ist, dann nehme dir
das Leben; in den Augen der Talmudisten war ein solcher
Satz einer frivoler und irreligiöser zugleich; und sie sagen
daher mit vollem Recht n£ HHK ^13 bv\ ^ HHK
*"jnnS h$ » Du nast dir mcüt se M> st {las Leben ge¬
geben, du hast eine Bestimmung hinieden zu erfüllen
und du musst sie so lange erfüllen, bis deine Todes¬
stunde geschlagen. Nicht ist dir gestattet deinem Leben
ein Ende zu machen, weil du es dir nicht selbst gegeben.
Der unerbittlichen Strenge des Gesetzes schmiegt sich
rührend der Satz an {2|"Q VH, dass das Leben in jedem
Falle geschont werde, denn wenn Schwäche oder Krankheit
uns befallen, so dürfen wir selbst wichtige Gebote, über¬
treten, um unser Leben zu unterhalten, wenn es ohne
deren Übertretung nicht möglieh ist. QfQ ^n*
leben soll der Mensch und treu sein der Religion, vom
Leben ausgehend und zum leben anleitend so waren die
ethischen Kernsprüche des Talmud.
(1) Mit Recht sagt daher A. W.Grube in Dittes. Paedago-
gium II. Bd. p. 294: Wenn er (der Mensch) nicht dazu fortschreitet,
die einzelnen ethischen Ideen auf ihren gemeinsamen Urgrund zu
beziehen und mit diesem in ein persönliches Verhältniss zu treten
als zum selbstbewussten Geiste, der die sittliche Weltordnung ge¬
schaffen hat, so mag das seinem philosophischen Selbstbewusstsein
resp. Stolze wohlthun, aber dem Gemüthefehit etwas und der nücl 1 -
■ne Verstand wird den vollen Pulsschlag eines gotterfüllten warmen
Herzens mehr hemmen als fördern. Die Stoa ist ein Beleg für die
Gefahr jenes Eigendünkels und jener Selbstgerechtigkeit, in welche
diese autonome Moral geräth.