Page
50
DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
keit der Erziehung und der Schule-denn auch die
Bezeihnung Schule für Bethaus ist sehr charakteristisch
für die Wichtigkeit einer richtigen Auffassung des
Judenthums-darlegen und diess ist ihm in der den
Talmudisten eigenthümlichen sinnreichen, kurzen Sprache
meisterhaft gelungen. Ja sie zeichnet sogar die ver¬
schiedenen Grade und die Resultate der richtigen Er¬
ziehung in diesem wenigen aber kernigen Worten. Der
Satz des Altmeisters Göthe: Was glänzt, ist für den
Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt
unverloren oder mit anderen Worten das Gute einer
Sache muss nicht gerade in die Augen springend sein
und kann dennoch wahrhaft gut sein. Dieser Sinn
liegt in dem einen Worte R. Hosaja des Grossen, wenn
er die Erziehung zu nächst als hedeeckt
(ver-hüllt) bezeichnet. Das Gute nämlich reift hier
(in der Erziehung nämlich) wie in der Natur
langsam, und ist um mit unseren Weisen zu sprechen
HD13£ bedeckt d. h. im Stillen und in Be¬
scheidenheit geht es seiner Vervollkoimneng entgegen.
Lasset nur die Jugend langsam entwickeln, übereilet
und überhastet sie nicht und der Nutzen hievon wird
zwar anlangs nur für den bescheidenen stillen Familien¬
kreis ersichtlich sein, aber da selbst vermag er schon
euch reine Herzensfreude bereiten, y^jCltt ( ^ e *^ e ~
seheidenheit und Anspruchslosigkeit so erzogener Kinder
ist die sicherste Bürgschaft, dass dieselben auch im
Leben, in der Gesellschaft diese kostbaren Eigenschaften
der Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit bewahren und
bewähren werden. Trotzdem aber werden sie nicht
feige und kriecherisch werden, denn das Bewusstsein
ihrer Menschenwürde, der Gottähnlichkeit C^a2
CTKPT TIS TO> u'H^X durchdringt und erfüllt sie,
und gerade durch diese Erziehung werden sie TC")
yross innerlich gefestet, unabhängig von den Scheinerfolgen
der Aussenwelt, denn sie haben in ihrem Jmern evm
Welt, wohin sie sich in des Lebens Stürmen flüchten
können, wo sie wenn des Meeres W T ellen noch so hoch
gehen, in den sicheren Hafen wahrer Zufriedenheit ein¬
münden können. An so woiergezogen Kindern erfüllt sich
das schöne Wort des gottbegeisterten Sängers E^TTltt?
•rr-©* irrf?x nvutrq n rraa die gepflanzt
und erzogen wurden im Gotteshause — in der Schule —
sie werden, wenn sie einst grossgeworden, zur herzer-
ireuenden Frucht in den Hallen Gottes, sie die bescheiden
und züchtig sind erzogen worden, sie werden gross und
angesehen auch in der grossen Welt.
Ich glaube in beredteren Worten kann man nicht
den Vorzug wahrer und idealer Erziehung schildern, als
R. Hosaja es hiemit thut; und nicht Leibnitz ist es daher,
der Anspruch erheben kann auf die Originalität des
Satzes, dass wer die Erziehung eines Volkes leitet, in
dessen Händen die Zukunft liegt, sondern den
(1) Der deutsche Dichter und Sprachforscher Max Moltke
hat diesem Gedanken eine neue, schöne Form iu folgenden Worten
. erheben: Das Wort sei Hort und Saat der That,
| Talmudisten welche den Psalmvers (1) C^^J? *£f
| TU* rHu" D^pJVI Alls tlem Munde der Kinder und
Säuglinge hast du die deinen Sieg gegründet "dahin
| deuten, dass die Lehr -und Bethämer, welche in Israel
zum Unterrichte der unmündigen Kindheic und der
| unerfahrenen Jugend errichtet werden, den Bestand, die
Festigkeit der Welt sichern und erhalten. Denn
die Talmudisten waren durchdrungen von dem Gedanken,
: dass die Schuir die treueste .Hilterin der ethische/) In-
■ teremen <U>r Menschen i$t Und kann es mit Zunz zu
reden, ohne UebertreibimQ in Äimassüng gesagt werden,
dass kein Volk der alten und, neuen Welt den Wert der
j Erziehung so hoch gestellt und so anerkannt hat als die
jüdische Nation schon zur Zelt der Tai rni allsten, ja noch
viel früher.
Als nämlich der jüdische Staat zu sein aufgehört,
als Rom's alles verschließende Macht dem Staate
Judaea den Garaus gemacht und dem ob seiner
Gottesfurcht, Rechtlichkeit und Gelehrsamkeit gleich
berühmten Manne Rabbi Jochanan ben Sakkai freigestellt
j wurde, sich eine Bitte vom römischen Caesareil erbeten
zu dürfen, da bat er einzig und allein um die Bewilligung
zur Errichtung und Erhaltung eines Lehrhauses in Jamnia
(Jahne) Denn tief drurchdrungen von der heiligenden
und schützenden Kraft des Studiums wollte er nur dieses
' erhalten wissen, und durfte mit Recht hoffen, dass mit
• dessen Bestand das Judenthum nicht nur fortbestehen
sondern lebenskräftig und lebensfreudig sich fortentwik-
keln werde. Und diese Hoffnung hat ihn nicht getäuscht
| Fortsuschreiten mit der Entwicklung von Gesellschaft
j und Wissenschaft, sich Neues anzueignen, ohne Bewährtes
zu verlieren, neue Interessen zu würdigen ohne dem
, Hergebrachten ungerecht zu werden, das setzten sich
die Tatmudisten bei der Einrichtung ihrer Schule zum
Ziele. Der Schüler sollte in das Leben eintreten, nicht
mit rückwärts gekehrtem Antlitz, das nur Vergangenes
; sehen gelernt hat, nicht als Wanderer in der Irre der
fremden W T elt, sondern er schreite, als Wanderer hienein
in ein Feld, für welches ihm seine Erziehung rege Sym-
| pathien und Fähigkeiten geweckt hat (2). Das ist dre
1
I__________
(1) Vgl. Sachs, Stimmen vom Jordan und Euphrat p. 372
j wo er diesen Psalmvers so schön und treffend durch die Worte
•wiedergibt: Komm Freund, ich zeige dir des Erdballs feste Stüzen
i der pmgen Kinder Utweh, die in den Schulen sitzen.
(2) Daher der Ursprung des bei den Juden noch heute:
; üblichen Sprüchwortes. Aus einem Bachur (Studenten) kann man
alles machen. Ein anerkannter Paedagog (Dr. Adolf Jos. Pick
in Wien) der das Wort Baßmr schüchtern durch „Student" übersetzt
spricht sich über die jüdischen Schulen in dem Aufsatze; Ueber
Schulorganisatiort und Schulgliederung (Dittes I'aedagogium p.
228 ff.) folgeiulermassen aus: Das Sprichwort rührt daher, weil die
; Ertüchtigung der die jüdische Schule beruhenden jungen Leute
; darin lag dass diese Schulen sich nicht zum Ziele setzten, ihre
! Jünger zu ausgezeichneten Kaufleuten, die sie doch unstreitig
i wurden, oder zu einem anderen praktischen Erwerb zu bilden
sondern zu dem, was .hnen eben in dem Begriffe den Menschen-
t&vms lag. Hält 'mann wirklich die fast 2000jährige Märtyrer-
I r/etr.hie.hte fi/r ittöei'lrh. wenn sie eine utmnterbrocheue Lei den s-
geiett.leh.ti wäret wenn aus dem Leidenskelche nicht das Glück
stets und stets eniporgeperlt wäre. Tßie*es Qlück lag in der Ganzheit
, in d/.r Einheit des ich, das also gewappnet besser al« mit der Routine
der praktischen Brauchbarkeit dem Geschicke entgegentrat. Ich