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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
zu leben, neue Schlüsse zu folgern und richtige Ideen
zu bilden. Wie Geschäftsleute nur gern mit denen ver¬
kehren, die ihnen Geldgewinn bringen, so verkehrten sie
mit ihren Schülern, um durch die Unterredung mit ihnen
zur Erkentniss der zweifellosen Wahrheit zu gelangen,
durch gegenseitige Mittheilung und Belehrung Gedanken,
und Ansichten zu ergänzen und um die Seele an die
Urbilder der Ideen wiederzuerinnern. Sie befinden
sich selbst in der' Einsamkeit, umgeben von Forschungen
deren Annehmlichkeiten sie an die irdische Bedürfnisse ver¬
gessen liess. Die zeitgenössischen geistesleeren Philosophen
jedoch bei ihrer geringen erworbenen Weisheit und der
mangelhaften angeborenen Erkenntniss finden in der Be¬
schäftigung mit der Wissenschaft nicht andauernd Ersatz
und Befriedigung für die ihnen auferlegten Entbehrungen.
Sie werden daher den Anstürmen der ihnen eingepflanzten
Triebe, welche nur so heftiger sind, je länger sie nieder¬
gehalten wurden, sicher unterliegen und verfallen. Mit dem
ihm eigenen psychologischen Verständnis* hat hier J. H.
das Wesen der Ascetik erfasst, und ihre verderblichen,
unausbleiblichen Folgen dargelegt
Aber auch innerhalb des Judenthums hielt er es für
nothwendig, diese ihm fremdartige, durch äussere Ein¬
flüsse hineingetragene weltnüchtige Erscheinung zu ent¬
fernen, welche begünstigt durch die damalige Verfolgungen
und Bedrückungen, gefördert durch Baehja's „Herzens-
pffichteri* mit ihren düstern und trübseligen Gedanken
alle Gemüther beherrschte, in diesen das demütigende
Bewusstsein menschlicher Nichtigkeit erzeugte, und so
jede frische Thätigkeit und Lebensfreudigkeit lähmte.
War ja doch Juda Halewi selbst von diesem allgemeinen
Zug seiner Zeit, von dem selbstanklagenden und selbst-
quälenden Gefühl früher begangener Schulden zeit¬
weilig ergriffen und durchdrungen, klingt ja auch durch
>eine Betrachtungen und Dichtungen oft ein Ton der
Misstimmung ob der dem verächtlichen Lehmgebilde,
dem Körper, anhaftenden Sündhaftigkeiten; (1) nur be¬
wahrten ihn, den gottgesegneten Dichter und Denker
ein heiterer lebensfroher Sinn vor gänzlich resignirender
Verzweiflung, dass er sich von solchen wehmüthigen
Wahrnehmungen nicht hinreissen liess, dieselben vielmehr
mit aller Geisteskraft sofort überwand. Alle Mittel der
Dialektik und Argumentation bietet er auf. um diese
vermeintlich fromme, in Wirklichkeit aber irreligiöse
Richtung zu bekämpfen (2). Die Abtödtung der von Gott
ans eingepflanzten Sinne widerspricht dem Geiste der jü¬
dischen Religion, irelche ah Lohn für gute Handlungen
(1) Kus. I, 8-68. IV. 23. v. Keduscha, Sachs Geist der rel.
Poesie p. 33 Virgo S. TODivaii S. 12. 13. 18. 23. Kaufmann Juda Ha¬
lewi S. 33 und Note 5 deutet die daselbst vorkommenden Aus¬
drücke n^fc^n auf Veptische Speculationen, Zwei¬
fel im Glauben welche J. H. früher gehegt haben soll. Wenn ich
auch seiner Zeit zu dieser Ansicht aus Kus. I, 67. 87. 91. II. 2.
26. III, 17. IV, 16. 17. V. 21. Belege brachte, so scheinen doch
diese Ausdrücke sich nicht auf solche abstrakte Sünden zu beziehen
siehe auch die zu Num. 27, 3 von Ihn Esra gebrachte Erklaerung
Jehuda Halevi's. no IKEnm "^sb Wtfljn
(2) Kus. 3, 1. v. Jes. 45, 19. Sgn. 11, 17. Koh. 5, 18
\ ein langes glückliches Leben verheisst und dieses als
ein Geschenk der göttlichen Liebe zu uns bezeichnet,
weil es ja die Vorstufe zu unserer Vervollkommnung, zur
| Erlangung der Jenseits bildet. Wohl haben sich in Pa-
I lästina, als dieses Land noch der Sitz des Gottesherr-
I liehkeit gewesen, besonders heilige Männer auf der Stufe
! des Chanoeh und Elijahu stehende Profeten und ihre
. Jünger in die Einöde zurückgezogen, wo sie denn
! doch auf die Kenntniss der Gotteslehre und die von ihr
vorgeschriebenen praktischenGebote, insofern diese zur Führ-
; ung eines reinen,derFrömmigkeit beh'issenenLebens beitragen
Rücksicht nehmen, allein diese einzelnen Ausnahmen waren
auch in der Einsamkeit nicht allein, den es gesellten sich
; ihnen, theils in Wirklichkeit, theils in der Idee Engel,
die Geister der hingeschieden Profeten ihresgleichen. Sie
fühlen sich den irdischen Genüssen entrückt, und das
geräuschvolle Treiben hinieden war ihnen zur Last. Nach¬
dem sie die denkbar höchste Vollkommenheit bereits
erreicht haben, wünschten sie den Tod, die Erlösung aus
den beengenden Fesseln des Körpers und sehnten sich
nach dem göttlichen Lichte. Unter den Verhältnissen
seiner Zeit und seines Geschlechtes sei jedoch eine solche
Abgeschiedenheit unthunlich, unzulässig. Schon das thö-
richte Beginnen eines solchen unnatürlichen Lebenswandels
setzt innere Zerfallenheit und äussere Zernichtung, kör¬
perliche und geistige Krankhaftigkeit voraus, deren Spu¬
ren sich auch auf dem Gesichte des Sonderlings aus¬
prägen, welche nur fälschlich als die Folgen seines gegen¬
wärtigen Zustandes angesehen wurden. Der Schmerzen
und Fesseln der Welt überdrüssig, glaubt er durch die
Abschliessung von derselben sich davon zu befreien. Da
aber nicht Lust an der Einsamkeit, nicht Liebe zu
seinem Gott sein Motiv zu dieser Zurückgezogen¬
heit ist, wird er den Weltschmerz jetzt noch heftiger
fühlen und empfinden. Und was sollte ihn auch von ihm
abziehen uud ablenken. Besitzt er doch nicht die Fähig¬
keiten und Anlagen zu höherer geistiger Thätigkeit, welche
ihm die sinnlichen Genüsse ersetzen sollte. Von der Men¬
schheit losgesagt, für die Verbindung mit dem Göttlichen
ungeeignet, schwebet er zwischen Erde und Himmel.
Gewähren ihm auch Gebete und fromme Uebungen durch
den Reitz der Neuheit für die erste Zeit Befriedigung,
so werden sie doch für die Dauer ihre Wirkung ver¬
lieren, seine Triebe nicht beschwichtigen.
Wenn nun diese in seiner Beschäftigungslosigkeit unge¬
stüm an ihn herantreten und er die Verkehrtheit seines
Unternehmens, die Verwechslung der ihm obliegenden
Pflichten des Haus-Armen-und Religionswesens einsieht,
dann wird er voll Reue und Vorwürfe darüber vom Gött¬
lichen, dem er auf unrichtige Weise näher zu kommen
glaubte, sich noch mehr entfernen. (1)
(1) Mit dieser Auffassung der schwierigen Worte
Sp^p u21£* HN*"i Schluss 3, 1. stimmt Cassel nach einer brief¬
liche Mittheilung überein.