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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Zahlen die 7(1) besonders eine Hauptrolle gespielt, wenn
auch Shakespeare in einer Fastnachtslaune sie für die
Ewigkeit mit dem Epitheton des bösen der Nachwelt auf¬
bewahrt hat; w r ol ist die 13 seit Christus in den Geruch
des unheimlichen und unglücklichen gekommen: aber
systematisch oder sagen wir es rund heraus, in ein Buch
gebracht, wurde eine einzelne Zahl, soweit die ''Litemiwr-
künde reicht, nie und nimmer, bis auf die Zahl 9, die
bis jetzt dem Namen nach sämtlichen Danteforschern
bekannt, unseren Ermessen nach bis auf den heutigen
Tag unverstanden blieb. Es ist das Buch .. Vita
nuova 11 eine Verherrlichung der Zahl 9 und zwar
mit einer Beharrlichkeit und Consequenz. die wir bei
Dante zu finden, durchaus nicht überrascht sein werden.
Dante, dieser Dolmetsch der Gedanken und Gefühle
seiner Zeit, obwol er sie um Haupteslänge überragte, hat
auch in demBuche 1 r itä nuova ein ganz eigenartigesWerk ge¬
schaffen, das bis heute ein crux interpretum ist. Und so leicht
diese 2 Worte Vita nuova nämlichauch scheinen, so haben sie
dennoch zur Abfassung von ganzen Büchern Veranlassung
gegeben. Von den ältesten Danteforschern angefangen bis
auf die jüngsten hinab, bis auf Witte und Wegele herrscht
eine Meinungsverschiedenheit betreff des Sinnes dieser so
einfach und schlicht aussehenden Worte, Nach den einen
sollte es soviel wie giovanile ..jugendliches Leben" be¬
deuten, bald wieder neues Leben in dem Sinne eines
durch die Liebe verklärten und verjüngten Lebens.
Allerding« fielen ja nach der Annahme, dass Dante's
Liebe zu Beatrice schon im 10. Jahre entstand, beide
Erklärungen in eine zusammen und die Dissonanz löste
sich in eine erfreuliche Harmonie auf. Doch so leicht
ist die Sache nicht. Da sind italienische Danteforscher,
welche der Vita nuova jegliche Realitaet absprechen, und
sie in das Gebiet der reinen Phantasie versetzen. Aber
auch mit dieser Annahme ist der Titel „Vita nuova"
durchaus nicht erklärt und nicht gerechtfertigt,
Unserer Ajasicht nach ist Dantes „Vita nuova" durch neues
Leben zu übersetzen, in dem Sinne aber, dass Dante,
als er in die Geheimnisse der Zahlernrt/mbolik eingeweiht
wurde, eine Verherrlichung der Zahl neun im grossen
Massstabe schreiben wollte. Welch günstigere Form hätte
nun Dante wählen können, als die seiner Zeit so geläufige,
wo der Ritter seine Dame als die Vollkommenste der
Sterblichen preist. Vielleicht wollte auch Dante, wie wir
aus der Vita nuova selbst nachweisen werden, eine Ver¬
herrlichung des Christenthum*s schreiben.
Durch die verdienstvollen Arbeiten des Berliner
Professor's Dieterici in Berlin ist uns die Zahlenmystik,
wie sie von den Arabern entwickelt wurde, nunmehr
völlig erschlossen, und die Arbeiten des Arztes und Phi¬
losophen Ibn Esra geben uns vollends den Schlüssel zum
Verständnisse der Zahlensymbolik im Mittelalter. Nach
(1) Vgl. meine Ergänzungen <>i t rl Berichtigüngeu zu Block-
witz' Aufsatz über die Zahl 7 iu Paul Lindau's Gegenwart Band
XVII Nr. 8 (21. Februar 1880) p. 127.
diesen gab es geheime Gesellschaften, wo diese Disciplin
j gelehrt wurde, die nur den Mitgliedern mitgetheilt wurde.
Und in diesen Zeitpunkt fällt unserer Ansicht nach die Ab¬
fassung der Vita nuova. So erklärt sich der Titel „Vita
nuova" von selbst. Beginnt man nicht, um an Bekanntes
zu erinnern, wenn man in den Freimauererorden tritt, ein
v neues Leben. u
Bedenkt man aber ferner, wie im Italienischen die
Ausdrücke für die Begriffe neu und neun sich fast völlig
decken (neu heisst nuovo, a, neun nuove) so wird man
! erst begreifen^ mit welcher Freude Dante diesen doppel¬
sinnigen Titel gewählt haben muss. um öffentlich und
• d<,ch nicht für jeden verständlich seine Gedanken über
die den Zahlen innewohnende Kraft mitzutheilen. Es
ist überhaupt eine höchst interessante Thatsache, dass
in sämtlichen indogermanischen Sprachen der Stamm des
Wortes neu mit dem von neun zusammenfällt. Dass
diess einem Concettisten sehr erwünscht kommen musste,
! liegt wol auf der Hand. Warum aber gerade die Zahl
9, wäre nicht die eins oder die drei vorzuziehen? Nun,
Dante gibt selbst darauf Antwort, und wir werden ihm
! selbst bald das Wort geben. Der Grund ist einfach dei\
j dass die 9 nach Ansicht der Zahlensymboliker die wich¬
tigste Zahl ist; und ist es geradezu merkwürdig, wie
I man folgende Stelle Dante's, die das Verständniss sonnen¬
artig erhellt, übersehen konnte. Dante spricht von dem
! Tode der Beatrice und fährt dann fort:
Und so werde ich zuerst sagen, in welcher Art jene
| Zahl [9] bei ihrem Hingange stattgefunden, und dann noch
einige Gründe angeben, warum dieselben ihr also freund-
! lieh gewesen. Ich sage also folgendes: Nach italienischer
Zählung war es in der ersten Stunde des 9. Monatstages,
dass ihre herrliche Seele von hinnen gieng, und nach
syrischer Zeitrechnung schied sie in 9 Monde des Jahres,
indem der 1. Mond Theschrin den Syrern das ist, was
uns der October; nach unserer Zeitrechnung endlich starb
sie in dem Jahre des Herrn, mit welchem in dem Jahr¬
hundert, worin siederWelt gegeben wurde, die vollkommene
Zahl 9 mal erfüllt war. Sie war aber eine Christin des
13. Jhrdts. pasB diess alles nun bei ihr zusammentraf,
davon konnte ein Grund dieses sein; da es nach Ptole-
mäus und dem wahren christlichen Glauben neun be¬
wegliche Himmel gibt [im Gegensatz zu Aristoteles, der
nur 8 Sphären annahm] und da diese Himmel nach
astrologischer Bestimmung jeder seiner Beschaffenheit
gemäss auf die p]rde einwirken, so war jene Zeit ihr
freundlich, in dem durch sie angezeigt war, dass bei
ihrer Zeugung alle ,9 Himmel vollkommen zusammen¬
stimmten. Diess ist der eine Grund. Aber scharfsinniger
erwogen und nach der untrüglichen Wahrheit war diese
Zahl sie selbst, ich spreche gleichnissweise und verstehe
diess so: Die Zahl 3 ist die Wurzel der neun, weil sie
ohne eine andere Zahl durch sich selbst vervielfältigt 9
gibt, wie wir leicht sehen, denn 3 mal 3 ist 9. Wenn
demnach die 3 allein für sich der Grund der 9 ist, der