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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
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die Widerlegung unrichtiger Anschauungen, die Abwehr*
schlechterMenschen, die Zurechtweisung wegen ihres Leben¬
wandels in Eifer gerathe, aber nicht in masslosen Hass und
Groll ausbreche; dass endlich das Begehrungsverinögen
nach dem Genuss von Speise und Trank und anderen
körperlichen Bedürfnissen, nach dem Gelderwerbe ver¬
lange, aber nicht in Lüsternheit ausarte. Wenn der
König Verstand alle diese Funktionen in gehörigem Masse
ohne Störung der gegenseitigen Beziehungen zu einander
ausüben lässt, dann werden alle Kräfte seinem Willen
sich unterordnen, zur Vollführung seiner Befehle bereit
sein; er wird auf ihrem Beistand rechnen können gleich
dem Herrscher, welchen sein gehorsamer Herr zu jeder
Zeit zur Hülfe herbeirufen kann und wie Moses, der
seine Gemeinde um den Berg Sinai herum in strengster
Ordnung aufstellte (3, 5). So hätte J. H. mit dieser
leichten Wendung vom Gebiete der Moralphilosophie in
das der Moraltheologie eingelenkt und in seinem Tugend¬
ideal Moses mit Plato vereint. Allein eine innert aus
dem platonischen System heraus sich ergebende Not¬
wendigkeit, die Kritik gegen die Ethik der reinen Ver¬
nunft nämlich, zwang ihn zu dieser Combination.
Plato in seiner idealen Lebensanschauung hält die ei-,
gene Vernunft zur Begründung der menschlichen Sittlich¬
keit für hinreichend, und räumt ihr Competenz und Herr¬
schaft ein zur recht-und gleichmässigen Betätigung der
genannten Seelenkräfte, zur Bewirkung der Harmonie
zwischen ihnen. Allein abgesehen davon, dass diese durch
Willkühr und Klügeele bestimmte Vernunftlichkeit nur
bedingte, Geltung hätte, (419) und keine Uebereinstimmung
erzielte (2, 49), wendet J. H. gegen sie ein, dass wir
aus eigener Einsicht und Erkenntniss wohl die sittlichen
Pflichten selbst ihrem Wesen und Inhalt nach wissen,
als Bescheidenheit und Demuth, Zucht unserer Seele,
Keuschheit und Lauterkeit, Redlichkeit und Rechtlichkeit
Aelternliebe, u. dgl. nicht aber auch ihre Gränze und
ihr Mass (3, 7). Insofern es aber bei unseren Handlungen,
damit diese tugendhaft seien, hauptsächlich auf Letzteres
ankommt, bedarf die Vernunft zur Bezeichnung des Wie¬
weit und Wieviel einer ausser ihr gelegenen massge¬
benden Norm. Diese findet nun J. H. in der geoffen¬
barten Lehre, welche für den Menschen dasselbe ist,
was das Naturgesetz für die Schöpfung und welche die
in dieser waltende Gerechtigkeit durch feste Formen zum
Ausdruck bringt.
Gott, der die Beschaffenheit unseres Organismus
und unserer Construction kennt, hat die Gebote dem rich¬
tigen Verhältnisse unserer Seelenkräfte zu einander ange¬
messen, um durch ihre Ausübung dieses zu erhalten,
oder wenn gestört, zu corngiren (I, 69, 79. III, 23.
53.)
Die für Alle gleich gute, göttliche Lehre verhütet
jede einseitige Befriedigung unser und fähig-
keit, und führt uns den Weg, auf welchem Alle in
gleicher Weise genügend entwickelt und ausgebildet
werden denn wer zu sehr dem Begehrungsvermögen sich
zuneigt; verkürzt "das Denkvermögen und umgekekrt ; wer
wieder zu sehr dem Zornvemögen sich hinneigt, schwächt
die zwei diesem entgegengesetzen Kräfte. So ist viel
festen fü,i den am Körper und an Begierden Schwächen
durchaus nicht ein gottgefälliges Werk, vielmehr die
sorgfältig leibliche Pflege ebensowenig verdienstlich ist
die Vermindlung - des Golderwereres auf erlaubte Weise
(TTO mcnt *TTflÖ) onne hindurch erfolgte Störung
in der Aneigung der Weisheit besonders für denjenigen,
der es für die Erziehung der Kinder oder sonstige
würdige Zwecke verwenden will, für diesen ist die Ver¬
mehrung angemessener (2, 50). Ohne auf das Einzelne
eingehen zu wollen, bringt er blos die drei Seelenkräfte
mit den dreierlei Geboten, den philosophischen, socialen
und göttlichen nämlich in wechselseitige Beziehung (3, 11 ( l )
Doch fällt es nicht schwer, den entsprechenden Einnuss
nachzuweisen, welchen jedes dieser Gebote auf jede diese
Kräfte nimmt.
(Fortsetzung folgt).
Autobiographie des S. D. Luzzatto.
(Fortsetzung.)
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Diess war warscheinlich der erste und fast der einzige
poetische Versuch meines Vaters, welcher, ungeachtet
der Mahnungen seines Bruders, weder die Grammatik
studieren, noch ortographisch schreiben konnte.
( : ) An dieser Platonischen Dreitheilung der Snelenkräfte
hält J .H. im ganzen Buche fest. (3, 5.11. V, 10); einer anderen von
dieser abweichenden Eintheilungen ist nur nebens chliche Bedeutung
beizulegen. In der Aufzählung \ on fünf Seelenkräften (V, 12) gibt
! J. H. blos die Psychologie Ibn Sina's wieder mit einigen un-
j wesentlichen Aenderungen. So zB. wird bei Scharastani (Edit.
' Haarbr. Th. IL S. 315) Hass und Liebe der dritten urtheilenden,
im erwähnten §. hingegen der fünften denkenden Kraft zu geschrieben
und Muskato zB.) Andere Abweichungä bieten sich der zwischen
3, 5 und 5, 12 durch die Gegenüberstellung S. 197. 198 mit S.
312 388. und 390 iu Kassels zweiter Kusari-Ausgabe Vgl. Kauf-
i mann's Theologie des ßachja S. 12, dagegen Prof. S. Landauer's
Psychologie des Ibn Sina in der Ztschr. der dm. Ges. Bd. 29 S.
I 402 der über diesen schwierigen § durch Vergleichung mit dem
J arab. Original des Kusari Aufklärung gibt. Das in
| HttlP HTi^ynD x - 389 hat meines Erachtens kausale Be-
I deutung wegen des Heuentstanden. Kaufmann leitet dieses Wort von
I TVhfZ TEim hier im Sinne Aufhören v. dazu S. 180
| IHK C^* mttl?n3 (1as m derselben Weise mit Kassels
Zustimmung erkläre.