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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Standpunkt. Wir haben durch Beispiele zu zeigen gesucht, dass
die Bezeichnung Keilschrift nicht das Wesen der Schrift bezeichnet,
sondern vielmehr, dass bloss äoAMateriale, auf welchem dieselnschriften
verfertigt wurden, am meisten zu dieser Art des Schreibens einlud, und
also das Meissel den Keil hervorgebracht, wie der P insel die den
Chinesen eigenthümliche Schrift, wie der Papyrus den Aegyptern ihre
Hieroglyphen erzeugt hat. Wir haben ferner die Behauptung auf¬
gestellt, dass das Entziffern der Inschriften weit mehr Schwierig¬
keiten bot, als das Erklären derselben, nachdem sie einmal
entziffert worden sind.
Denn der semitische Charakter der assyrisch-babylonischen
Keilinschriften ist ein so in die Augen springender, dass man ihn
sofort erkennen muss.
Wir werden also in der heutigen Vorlesung, anknüpfend
an das hebräische Alphabet die Entzifferung der Keilin-
schrifteu klar zu machen versuchen. Ich habe Dmen bereits
auseinander gesetzt, dass die Entzifferung der persischen Keilin¬
schriften zur Entzifferung der Inschrift n, denen wir unsere
Aufmerksamkeit zuwenden wollen, unumgänglich nothwendig war.
So wollen wir heute diesen Text anführen: Altpersisch lautete
er folgendermassen.
Kshayärsa kshäyathiya vazarka shäyathipänäm Däravahus
kohäyatiyaha puthra Hakhämanisiya.
Xerxes rex magnus, rex regum, Darii regis filius Achseminidis.
Assyrisch lautete dieser Text.
Hi-si-arsi saru rabu sar sarri habal
Dariyavus saruu Ahamannisi
Der grosse König. König der Könige. Sohn des Darias, des Sohnes
des Achäminiden.
Bei dieser Gelegenheit wollen wir es nicht versäumen eine
Erklärung eines Satzes in dem bekannten Gebete Alenu
zu geben. Es war mir immer auffallend, warum wir
in diesem ebenso sinnreichen als erhebenden Gebete sagen:
öTOtt *:zh pnpi n*inrwo^ crma utoki
wir aber beugen unser Knie, werfen uns zur Erde und gestehen
unsere Ohnmacht ein. \ or dem Könige der Könige aller Könige, dem
Heiligen gelobt sei er. Diese gewöhnlicheUebersetzung, wie wir sie fast
überall sehen, ist eine falsche, und wir müssten diese Worte so
deutsch wiedergeben: Wir aber beugen uns vor dem König der
Könige von den Königen. Bs scheint diess ein Pleonasmus zu sein;
weiss man aber, dass alle Könige des Morgenlandes. Perser wie
Assyrier, Babylonier wie auch Macedonier sich stets Könige der
Könige nannten; ja dass selbst der heutige persische König sich
sah-in-§ah dh. ebenfalls König der Könige nennt; so wird man es
nicht nur begreiflich fihiden, sondern sogar für nothwendig erachten,
dass wir Gott als den König über die König/- der Könige aner¬
kennen müssen.
Nun zur Sache. Die Hauptschwierigkeiten, die steh der
Entzifferung darboten, waren 2: erstens die Homophonie und 2 tens
die Allophonie auch Polyphonie genannt. Homophonie vom grie-
hischen Ö\LÖ<; und ^povsto Gleichklang dh. wenn 2 verschiedene
Zeichen einen und denselben Laut bezeichnen;
Die 2te der Schwierigkeiten die Allooder Polyphonie war eine
ungleich grössere und wichtigere Allo-polyphon war jedes Zeichen,
das 2, 3, ia oft auch 4 bis 5 verschiedene Laute haben konnte.
Ich will es versuchen Ihnen, einen Begriff zu geben, wieso die Polyp¬
honie sich entwickelte. Die Palaeographe nnämlich haben bisher die
Aufgabe den Ursprung der Schriften zu erforschen, leichter ge¬
nommen als sie ist. So dankenswert ihre Bemühungen sind, die Schrift¬
denkmäler der altenYölker zu erforschen, die Gleichheit undVerwandt-
schaft benachbarter Schriften nachzuweise und die Veränderungen zu
erklären, welche verändertes Schreibmaterial und einseitige Ausbildung
der Schriftformen erzeugten, so war es doch gefehlt die gleicheTheorie
auf alle Schriften anzuwenden und zu behaupten, dass alle Buch¬
stabenschriften von einem Ursprünge stammen. Die Alphabete biete»
Verschiedenheiten in der Bezeichnung der gleichen Laute, über welche
man nicht leicht hinweggehen darf; es könnten auch Gründe vor¬
handen sein, welche wir nicht kennen und wir könnten Gefahr
laufen, Erscheinungen für Zufall zu erklären, welche auf einem
Verständniss der Zeichenbedeutung beruhen, die nur uns mangelt.
Ist es doch auffallend, dass während wir Schriftzeichen bei Völkern
niederer Kulturstufen finden, hochgebildete Völker wie die Jnder,
welche die Veden schufen, die Griechen, welche die Ibas dichteten
und die Nordmänner, welche uns die Edda überlieferten, die Schrift
nicht gekannt haben, sollen bis sie ihnen von den Phöniciern über-
j liefert worden sei! Ist es doch undenkbar, dass während gegen-
I wärtig Lesen und Schreibet! die ersten Stufen des Wissens bilden,
| ohne welche man die Früchte der allgemeinen Bildung nicht er¬
langen kann, ohne welche der richtige Gebrauch der Muttersprache
nicht erreicht wird, vielweniger die Fortbildung und Ausbildung
derselben Jnder und Griechen ihre Sprache ohne Schritt in jener
Weise verästelt und ausgebildet haben sollen, welche Gegenstand
unserer Bewunderung ist, dass namentlich die Jnder, in der Mitte
| zwischen babylonischer und chinesischerCultur gelegen, durch Handel
, schon in den ältesten Zeiten mit ihnen verkehrend, durch riesige
j Bauwerke, Kenntnisse der Mathematik, durchSculptur Kenntnisse des
Zeichnens und der Malerleibe kündend, keine Ahnung von der Schrift
j gehabt hatten, bis dieselbe ihnen in verhältnissmässig neuer Zeit
durch den Handelsverkehr zugeführt sei. Liegt nicht die Befürchtung
nahe, dass man sich durch eine glänzende Theorie verleiten lässt
j einseitig und vorurtheilsvoll an die Prüfung alter Denkmäler zu
gehen. Ist in der That die Theorie von der Entwickelung des
| Schriftgedankens, welche Herr Lenormand in seinem Werke: Essai
i sur la propagation de 1' alpha'>et phenicien dans l'ancien monde
Paris 1872 und 74) in sehr geistreicher Weise entwarf, indem er
annahm, dass die einzelnen Völker unabhängig von einander bis zu
eiuer gewissen Stufe des Schriftgedankens fortschrit'en und auf
derselben stehen blieben, nämlich die amerikanischen Jägervölker
\ bei dem Bilde und dem Symbole, die Mexikaner beim Hehns, die
| Chinesen bei der Wortschrift, die Babylonier bei der Sylbenschrift,
: die Ägypter bei den Lautzeichen, aus welchen die Phönicier die
I Idee des Alphabetes geschöpft haben sollen, ist vielleicht ein be¬
strickender Trugschluss, der die Augen blendet und Aulass gibt
! die Thatsachen zu missachten, welche demselben widersprechen!
; Wäre es nicht auch möglich, dass die Schrift bei einem Volke ent-
i stand und zu den übrigenYölkeni übertragen in verschiedener Weise
j entwickelt wurde, dass somit auch an verschiedenen Orten die
j reine Lautschrift aus der Wortschrift entstand.
II.
Zur Exegese
Von Rabb. S. Hessel in Agram.
' Die Stelle im II. Buche Mos. Cap. 9 Vers 17 ^^TWE ""jT'S?
dürfte sich am besten durch: lässt du dich ferner unter-
•'»> —
| drücken wegen meines Volkes übersetzen lassen, da es dem he¬
bräischen Sprach brauch angemessen ist, dass der Hithpael häufig
reflexive Bedeutung hat, so geht aus der Stelle Ezechiel (Cap. 16)
du hast dich zertreten lassen in deinem Blute hervor.
Briefkasten der Redaction.
Egregio Signor Dottore Luzzatto: Vive grazie pei manoscritti,
nel numero saguente comincierö pubblicarne qualchecosa. — H. Ig.
Münz Kempen. Das mangelhafte wird im Seperatabdruck ersetzt
j werden. — Ehrw. Bez. Rabb. Hahn. Biographie wird sobald als
j möglich und Ihrem Wunsche entsprechend auf einmal gedruckt
1 werden. — H. Eisig Graeber Przemysl. Bitte mir die Aushängebogen
' der Briefe S. D. L. s. A. zu senden.
Sc !uss cer R^daction am (2. Mai.
Druck und Verlag von J. Fleischmanrvs Buchhandlung in Belovar.
Verantwortlicher Redacteur Dr. M. Grünwald.