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1882,
DAS
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JUDISCHE CENTRALBLATT
(Za&LEICH ARCHIV FÜR DIE GESCHICHTE DER JUDEN IM RGR. KROATIEN).
Herausgegeben von Rabbiner Dr. M. Grünwald.
I. JAHRGANG
Das jüdische Centraiblatt erscheint alle 14 Tage ia 1V 2 bis 2 Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Belovar bei J. Fleischwann)
pro Jahrgang 4 fL Inserate werden mit 10 Kreuzern die 3 gespaltene Petitzeile berechnet und auschlicsslich entgegengenommen durch die
Annoncen-Expedition tou /. Fleischmann in Belovar, (Manuscripte werden nicht retournirt).
INHALT.
I. Zur Stellung des Rabbiners in der Gegenwart. — II. Ueber die
spanisch-portugiesischen Juden der Gegenwart. — III. Autobiographie
Luzzatto's. — IV. Altfranzösisches bei Raschi.
Nachdruck nur mit VOLLER Quellenangabe gestalte
Zur Stellung des Rabbiners in der Gegenwart.
Von Dr. F — 1.
In einer Zeit, welche uns das Judenthum und dessen
Bekenner von so vielen Seiten moralisch und materiell
bedroht und bedrängt zeigt, sollte unsere Nation, wie
man vernünftigerweise erwarten dürfte, dem Auge des
Beschauers ein einheitlich geschlossenes Ganze nach
innen, wie nach aussen darbieten, um so den mannigfachen
Angriffen erfolgreichen Widerstand leisten zu können.
Statt dessen haben wir den traurigen und trostlosen J
Anblick der grössten Zerfahrenheit in der Mitte besonders
der öst. Gemeinden Israels, was besonders jetzt sehr j
beklagenswert erscheint und. nur geeignet ist, unser An- ;
sehen herabzusetzen und vor den Augen der Welt her- j
abzudrücken.
Zu diesen wenig erbaulichen Betrachtungen werden !
wir veranlasst durch die jüngsten Vorgänge in den galiz. ;
Gemeinden bezüglich der von der Regierung beabsichtig- j
ten Creirungen einer Gemeinde-Ordnung.
Sicherlich wird kein modern gebildeter Rabbiner hin¬
sichtlich des von dem Seelsorger zu fordernden Wissens-
maasses, mit H. Rabb. Schreiber in Krakau übereinstim¬
men können, ebensowenig als sich eine Fortschritts-Ge¬
meinde mit dessen hierarchischen Bestrebungen befreun¬
den dürfte; jedoch anderseits muss §, 60 des von ihm
entworfenen Statuts, nach welchem der definitiv ange¬
stellte Rabbiner in religiösen resp. rituellen und gottes¬
dienstlichen Angelegenheiten endgiltig zu entscheiden habe,
nicht unbedingt abgelehnt werden.
Setzen wir den Fall, eine beliebige Gemeinde, orthodox
oder neolog. würde einen Rabbiner auf dreijährige Probe¬
zeit aeeeptiren und sich durch dessen Wirksamkeit über¬
zeugt halten, dass derselbe ihr nach jeder Richtung hin
entspreche, was sollte diese Gemeinde nach Verlauf die¬
ser Frist zurückhalten, diesen Mann definitiv zu ihrem
„relig. Oberhaupte" zu ernennen'? Meines Erachtens könn¬
ten nur da materielle Bedenken obwalten, da durchaus
nicht anzunehmen ist. dass ein Rabbiner seine Gesinnung
auf einmal ändern würde.
Jene Gemeinden aber, welche in ihrem Proteste gegen
Rabbiner Schreiber das Verhältniss des Rabbiners zur
Gemeinde als das eines „Bediensteten" zu seinem Brot¬
geber darstellen, degradiren nicht nur die Autorität des
Seelsorgers, den sie zu ihrem Heloten und Handlanger herab¬
würdigen, welchen man wie den "1337 vtohl bis zum
Jubiläum behalten kann, aber auch, wenn's beliebt als
n l !TiW'öH ™Hl?t^ ausnützen und dann wie eine ausge¬
preiste Citrone wegwerfend behandeln darf, sondern auch
unsere heil. Religion, deren Jahrtausende alte Traditionen
sie verkennen und bloss zu ihrem momentanen Vortheile
verkehren.
Nach solchen unrichtigen Ansichten wäre ja ein Ab¬
geordneter, Bürgermeister, der für seine gemeinnützig
Leistung zuweilen honorirt wird udgl. Angestellte, die
im Auftrage ihrer Mandanten handeln, von denen sie
auch gewissermassen abhängig sind, ebenfalls bedienstet,
was doch gewiss Niemanden einfallen wird, als höch¬
stens in dein Sinne, wie sich sogar der Kaiser als der
erste Diene?' des Staates betrachtet.
Ks ist dies dennoch eine bedauerliche Usurpation und
Ueberschreitung des Rechtsgebietes von Seite der Ge¬
meinde-Vorsteher, denen seit jeher nur die financielle
Verwaltung und in Bezug auf Cultus und Unterricht
bloss die Executive zukömmt.