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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Wenn diess am grünen Holze der Fall ist, da doch in 1
Galizien der Rabbiner bisher in hohen Ehren steht, wel- I
eben verheerenden Brand können wir am dürren Leibe j
in anderen Ländern erwarten, wenn nicht in letzter
Stunde sich bewährt, dass Segen und Abhilfe rechtzeitig I
von oben kommen ?
Immerhin geben solche Zustände und Ereignisse zu j
denken, und bezwecken diese Zeilen nur, die g. Standes- j
genossen zu einem gemeinsamen Schritte anzuregen, !
unsere historisch geketmzeichnete Stellung zu wahren I
und aufrecht zu erhalten u. z. nicht in unserem eigenen
Interesse, als vielmehr aus Rücksisht für Glauben und
Lehre!
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denn der Rabbiner, wenn er nur ein besoldetes, unter- i
geordnetes Organ ist. und nicht ein mit unbedingtem
Vertrauen ausgerüsteter Funktionär eines Ehrenamts |
hat nie den notwendigen moralischen Einfluss, um in
gemeinnütziger Weise wirken, oder zu wohlthätigen !
Bestrebungen anregen und erforderliche Falles Frieden j
.stiften zu können.
Mögen hervorragende Berufs-Collegen sich der beacht- ;
enswürdigen Sache annehmen, und so lange es noch Zeit ;
ist. bei der b. Regierung die geeigneten Schritte unterneh- ;
men. von welcher auch seinerzeit die jüd. Volksschul-Lehrer
ihre Freiheit vom Kahals-Joche eriangten-würde ja doch !
manche Gemeinde keinen Rabbiner aufnehmen, wenn sie !
ihn nicht zunächst als Lehrer verwenden müsste; in ana-
löger Weise könnten die Rabbiner als pensionsberecht- ';
igte Staats-Beamte klärt werden, besonders inGemeinden, !
wo sie gleichzeitig den Religionsunterricht an Mittel-
schulen ertheilen (und im Auttrage der Regierung die !
Matrikenführung übernehmen würden.)
gleichzeitig aber könnte aus diesem Anlasse „Die Grün¬
düng einte Rabbiner-Vereins 1 * thatkräftig ins Werk ge¬
setzt werden; denn, wo es sich um Festigung der |
Religion, um Standesehre, der eigenen Stellung und |
Versorgung der Angehörigen bei Dienst-Unfähigkeit
oder Todesfällen handelt, werden wohl die Vertreter !
aller Parthei Richtungen geeinigt für einander einstehen!
Nachschrift der Redaction:
Indem wir diesen Aufsatz eines mährischen (Jollegen
vollinhaltlich hiemit an erster Stelle veröffentlichen, bitten ;
wir jeden einzelnen unserer Berufsgenossen die Sache i
einer ernsten Erwägung zu unterziehen, denn das fac¬
turus ne operae pretium ist im vorliegenden Fälle leider über
jeden Zweifel erhaben. Auch für die Stellung gegen die Aus- j
senwelt, abgesehen von der Förderung des Judenthums und ■
den materiellen Interessen wäre ein Rabbinerverein von !
grösstem Nutzen; denn Grösse und Stärke liegt nur im j
festen solidarischen Einstehen Eines für Allen, und aller
für jeden Einzelnen. Mögen diese Zeilen, die Beachtung
die sie verdienen, finden!
Lieber die spanisch-portugiesischen Juden der
Gegenwart.
Von Dr. M. Grünwald.
(Fortzetzung.)
Aber ( l ) nicht nur die Bibel in ihrer wortgetreuen
Übersetzung wurde bearbeitet, sondern analog den Strö¬
mungen der Germanischen Länder, wo Juden wohnten,
wurden die aggadischen Elemente und ganz besonders
die ethischen Momente in besondere Bücher niedergelegt.
Wie das von Jacob ben Isac verfasste und 1648 zum
ersten Mal gedruckte jüdisch-deutsche Z'ena u renn (-)
bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts in kei¬
ner jüdischen Familie fehlte von Mädchen und Frauen
andächtig gelesen und wieder gelesen wurde, so hat auch
das spanisch-portugiesische Judenthum ein derartiges
Buch hervorgebracht, das aber trotz der zahlreichen
Agadoth gelehrter und gründlicher als das fast
ausschliesslich für das weibliehe Publicum berechnete
Z'ena u r'ena. Dieses spanische Buch führt den Namen
Meäm loes ( ')• Der Spanier ist von Natur
ernster, stolzer und gemmessener; und so tragen auch
die Literaturerzeugnisse der spanischen Juden bis auf
den heutigen Tag unverkennbar den Stempel des Ern¬
stes und der Grandezza an sich.
Ja selbst der höchst nüchterne Schulchan Äruch des
berühmten und von den spanisch-portugiesischen Juden
sowohl als auch von den übrigen Juden der Erde an¬
erkannten Rabbi Josef Caro wurde hYs ludino (*) über¬
setzt, u. z. unter folgendem Titel: D^BPI JH^tS? 1ÖD
( ; ) Besonders wichtig ist das Buch ETZ ""SD
von Abraham Ankava, neu aufgelegt in Livoruo 5631 (1870 n. Ch.)
Streitfragen über jüdische Ritualgesetze im hebräischen Texte mit
darauffolgender spanischer Uebersetzung. Das spanische rührt von
den im 15, Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Rabbinern her,
steht also auf gleicher Altersstufe mit der Ferrareuschischen
Bibelübersetzung. Dieses seltene Werk sowie das folgende
von Abraham de Boton, heraus¬
geben in Azmir (Smyrna) 5420 (1658 n. Ch.) verdanke ich der
Güte des Herrn Dr. Adolf Jellinek in Wien. Siehe meine Studien zur
romanischen Dialektologie, Heft 1. p. 23 Anmerkung 1.
(-) Ueber jüdisch-deutsche Literatur siehe: Dr. Max Grüne-
baum's Werk: Jüdisch-deutsche Chrestomathie. Leipzig Brockhaus
1882, und die gründlichen Besprechungen dieser Arbeit in Dr. A.
Brüll's populaer-wissenschaftlichen Monatsblättern, 1882 Nr. 5 p.
117-120 und Rahmers Jüdisches Literaturbiatt Nr. 17. und 19;
über die sprachliche Analyse dieses Dialektes siehe: Dr. M. Grün¬
wald's: lieber den jüdisch-deutscheu Jargon. Budapest 1876; Separat¬
abdruck aus dem l T ng. Israelit und Dr. A. BrülFs Arbeit: Beiträge
znr Kenntniss der jüdisch-deutschen Literatur Frankfurt a M. 1877.
Seperatabdrnck aus D. N. Brüll's Jahrbüchern für jüdische Ge¬
schichte und Literatur IH. Jahrgang.
(') Siehe hierüber unsere Arbeit: Zur romanischen Dialekto¬
logie Heft I. p. 14. Anmerkung 1.
('■) Prof. Dr. Fduard Börner rieth mir den Namen iatlino
für das jüdisch-spanische nicht zu benutzen, doch halte ich es für
nöthig mitzutheilen, dass die spanisch- potugiesischen Juden ihren
Dialekt stets ladino nennen, und darauf muss denn doch Rücksicht
genommen werden.