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1882.
DAS
JUDISCHE CENTRALBLATT
(ZUGLEICH ARCHIV FÜR DIE GESCHICHTE DER JUDEN II KÖR. KROATIEN),
Herausgegeben von Rabbiner Dr. M, Grünwald.
I. JAHR GAN G
Das Jüdische Centralblatt erscheint alle 14 Tage in V/ 2 bis 2 Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Belovarbei J. Fleischmann)
pro Jahrgang 4 fL Inserate werden mit 10 Kreuzern die 3 gespaltene Petitzeile berechnet und auschliesslich entgegengenommen durch die
Annoncen-Expedition Ton /. Fleischmann in Bdovar. (Manuscripte werden nicht retournirt).
INHALT.
I. Die jüdische Presse von Dr. M. Grünwald. — II. Autobiographie
des S. D. Luzzatto.
Recensionen. Jus primae noctis, von Dr. Karl Schmidt, Ober
Landesgerichtsrath in Colmar, besprochen von Dr. Spitzer Esseg und
Dr. Grünwald Belovar. — Dr. L. Münz, die mo lernen Anklagen
gegen das Judenthum als falsch nachgewiesen. — Dr. Adolf Jellinek
der judische Stamm in nichtjüdischen Sprichwörtern. — Mannheimer
Moses, die Judenverfolgungen, besprochen von Dr. M. Grünwald.
Machdruck nur mit VOLLER Quellenangabe gestattet.
Die jüdische Presse 0).
Von Dr. M. Grünwald.
Wir haben in Nr. 8 unserer Zeitschrift p. 94 und 95
Prof. Franz Delitzsch' Schrift: „Christenthum und jü¬
dische Presse" anzuzeigen Gelegenheit gehabt und wollen
nun der Wichtigkeit der Sache angemessen an erster
Stelle, der jüdischen Presse, zunächst, wie sie ist und
was sie werden könnte und werden muss, in zweiter Linie
gedenken. Veranlassung zu dieser Betrachtung bot das
vor einigen Tagen, ich sage es mit stolzer Befriedigung, von
einem meine)' Schiller veröffentlichte Buch: Fresst und
Judenthum.
Dieses Buch enthält eine Fülle treffender Bemerkungen,
denen mau glühenden Eifer fürs Judenthum, verbunden
mit praktischem Blicke, nicht absprechen kann. Jugend¬
liche Begeisterung spricht aus jeder Zeile und es thut
diess doppelt wohl, gerade weil der Autor nicht zu den
Fachtheologen gehört. Auch diese Schrift verdankt in
erster Linie der Antisemitenbewegung ihren Ursprung,
und es ist sicherlich nicht die schlechteste Frucht die
sie gezeitigt.
(') Presse und Judentbum, von Isidor binger. Wien 1882
Verlag der Buchhandlung D. Löwy II Praterstrasse 15. Mit einem
Briefe Laurence Oliphant's an den Verfasser, Preis 1 n\ Ö. W
Der Reinertrag ist für die vertriebenen russischen Juden bestimmt.-
Der jugendliche Autor, selber schriftstellerisch tfcätig,
sucht alles Heil in ehr Presse, und wie er selbst sagt,
gibt es für das Judenthum, oder vielmehr für die Re¬
generation des Judenthums kein sichereres Rettungsmittel
als eine jüdische Presse, natürlich eine Presse, die den
geachtetsten deutschen Blättern sich würdig an die Seite
stellen könnte. Und so bespricht der Autor in 7 Capiteln
die Presse u. z. 1) als Erweckerin des Bewusstseins des
Judenthums 2) als Förderin der Einigkeit in Israel 3)
als Mentor in der jüdischen Gemeinde 4) als Herold des
begeisternden Wortes in Israel 5) als öffentliche Lehrerin
des Judenthums 6) als Förderin des Studiums jüdischer
Literatur und der hebräischen Sprache und letztlich als
Trägerin der Cultur zu den Juden des Ostens.
Wir wollen hier nun gleich vorwegnehmen, dass wir
gegen jedes Universalmittel, gegen jede Panacce von
vornherein etwas mistrauisch sind. Und trotzdem
Schreiber dieses Zeilen selber Herausgeber einer jüdischen
Zeitschrift, oder vielleicht weil er ist ist-glaubt er nicht an
! die alleinseligmachende Kraft der jüdischen Presse. Es ist
| ein jüdisches, von praktischem Sinne durehtränktes Wort:
Ein guter Mensch braucht keinen Brief und einem
schlechten nützt kein Brief. Und so verhält es sich zum
Theil auch mit der Presse. Nicht die Zeitung bestimmt
die Leser eines Blattes, sondern die Leser wählen eine
unter den vielen Organen der öffentlichen Meinung, Zei¬
tung genannt. Und noch eines, es ist ein anerkannter
und nicht wegzuleugnender Fehler der modernen Juden,
dass das Lob aus christlicher Feder ihnen viel wichtiger
auch dann noch scheint, wenn sie die tiefinnerste Ueber-
zeugung haben, dass nur der .lüde ihre Leistung auf dem
betreffenden Gebiete ganz und voll zu würdigen im Stande
ist. Das Streben der Juden, von Nichtjuden anerkannt
zu werden, ist nicht nur nicht berechtigt, sondern in un¬
serer Zeit geradezu eine Pflicht, nicht nur weil wir durch
die uns zugesicherte Gleichberechtigung auf das besonnene
Urtheil sämtlicher Staatsbürger, einen hohen Wert legen
müssen, sondern auch, weil das Judenthum selbst dadurch