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DAS JUDISCHE CENTRALBLATT.
in den Augen unserer christlichen Mitbürger gewinnt.
Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch
den Garten (Rückert).
Wir sind auch entschieden gegen ein täglich erscheinen¬
des Blatt für das jüdische Lesepublicum. Wozu in aller
Welt so viel der Neuigkeiten, wozu die Aufregung, die
jede Neuigkeit, sei sie noch so angenehmer Natur, uns
gewährt? Für die im civilisirten Europa lebenden Juden,
die der Landessprache mächtig sind, genügt vollauf
ein einmal in der Woche erscheinendes Blatt, das aller¬
dings, so will es uns bedünken, stets am Samstag in die jü¬
dischen Familien gelangen sollte. Denn an den 6 Werk¬
tagen ist man von des Tages Mühen oft so sehr überhäuft,
dass man nicht die rechte Lust hat, sich noch mit dem
nicht unbedingt nothwendigen zu befassen; am Tage des
Herrn aber, wo man durch den Besuch der Synagoge auf
die Lehre de^ Judenthums aufmerksam gemacht viel em¬
pfänglicher für dieselbe gestimmt wird, hat man auch
mehr Bedürfniss sich mit den Ereignissen der Mitbrüder
bekannt und vertraut zu machen. Auch sollte, so nebensäch¬
lich auch diess scheinen mag. in jedem jüdischen Wochen¬
blatte das jüdische Datum unmittelbar neben dem
deutschem stehen. Wenn zB. der Pester Lloyd nicht an¬
steht, immer das jüdische Datum dem deutschen hin¬
zuzufügen, so sollte diess wahrlich in einer jüdischen
Wochenschrift nicht fehlen. All diess sindÄusserlichkeiten,
würde aber nicht dadurch die Kenntniss der jüdischen Monats¬
bezeichnung auf die leichteste Weise verbreitet werden. In
der Erziehungskunst ist ja bekanntlich nichts unbedeutend,
nichts geringfügig, nichts ohne Einfluss. und erziehend
muss ja die Presse wirken, soll sie anders das sich vor¬
gesteckte Ziel erreichen.
Doch die Hauptsache fehlt noch. Die jüdische Publicistik
hat in Folge des spärlichen Leserkreises allen möglichen
und unmöglichen Anforderungen Genüge zu leisten; und de
omnibus rebus et quibusdam aliis zu schreiben, wird einem
gewissenhaften Manne unmöglich. Daher beantragen wir
in der jüdischen Presse die stricte Scheidung zwischen
wissenschaftlichen und populären Blättern. Damit soll
aber ja nicht gesagt werden, dass der wissenschaftliche
Aufsatz nicht auch deutlich und jedermann verständlich ab-
gefasst werden könnte; dass diess möglich ist, haben die
Franzosen schon vor einem Jahrhundert bewiesen;
unter populär verstehen wir im vorliegenden Falle, dass
sämtliche wichtige das Judenthum betreifende Neuigkeiten
sowie Gemeindeangelegenheiten in eigenen Organen ver¬
öffentlicht werden; der Wissenschaft hinwiederum ein ei¬
gener Platz angewiesen werde. Aber, und diess führt
der Autor sehr gut aus, gerade die hervorragendsten jü¬
dischen Gelehrten sollten sich nicht vornehm zurückziehen.
Andererseits aber begnügen wir uns durchaus nicht
mit den Papier schnitzeln bedeutender Männer des
modernen Judenthums, wir verlangen von ihnen,- denn
wir haben ein Recht dazu,- dass sie das Beste was
sie haben, auf Jen Altar des Judenthums niederlegen.
"Und erst wenn diess gekommen, wenn die hervor¬
ragendsten jüdischen Männer eine vom wahren Geiste des
Judenthums getragene Zeitschrift veröffentlichen werden,
laesst sich eine Verbesserung der jüdischen Presse und
damit auch des Judenthums erhoffen. Möge diese Zeit
recht -bald herannahen. ( ')
Autobiographie des S. D. Luzzatto.
(Fortsetzung),
Mein Vater bat den SchwagerJuda Lolli, bei der Hochzeit
meine Erklärung vorzutragen, und mein Cousin Samuel, Sohn
j Salomon Lohrs übernahm diess herzlich gerne. Sonntag
den 14. Juni Abends wurden meine Verse gelesen und er¬
hielten reichen Beifall.
! Von da war ich nicht mehr unbekannt; man suchte meine
I Bekanntschaft und wollte meine anderen Gedichte kennen,
I und von demselben G. L. Morpurgo und von Isac, dem
| Sohne Salomon Luzzatto's wurde ich in ebräischen Sonetten
I gefeiert (;) und von einem tüchtigen Kupferstecher und
deutschen Gelehrten in französischen Versen. Ich schrieb
darauf ein Ode des Dankes an Gott, die ich bei der
Veröffentlichung des 12**1 "11)3 zu drucken nicht den
Muth hatte, da sie zu persönlich war, die ich aber auch
nicht ganz unterdrücken wollte, da die Verse mir sehr
schön schienen, und so behielt ich die drei ersten Strophen
bei ( 3 ) und statt der übrigen setzte ich andere und machte
eine Ode über den Frühling ( 4 ).
(.*) Am Schlüsse sei es aus lioch gestattet, das auch äusser-
I lieh schön ausgestattete Buch: Presse und Judenthum von Isidor
Singer aufs wärmste und herzlichste, jedem bei den noch uicht
j alles Gefühl für die heiligsten Interessen der Menschheit ab¬
gestorben, zu empfehlen. Abgesehen von dem edlen Zwecke, wozu
i es bestimmt, das namenlose Elend unschuldig ins tiefste Elend
i gestützter Familien zu lin !eru, wird man selbst durch die Leetüre
angeeifert werden, wenn man es noch nicht ist, ein echter Jude
dh. ein Kämpfer für das Währe, Gute und Schöne zu werden.
(-) Siehe den 2. Theil von Kinnor Nai'm p. 105 und 109
und die Biographie J L. Morpurgo's, Gründer der Assicarazioni
generali, in Jost's Israelitischen Anüalen, II. Jahrg. 1840 p. 104.
J. L.
( ) Kinnor Nai'm p. 108—104, und Kinnor Nai'm II. Theil
i p. 98—104.
Ich hoffe, dass mein Bestreben das Dunkel der Jugendgedichte
S. D. Luzzattos zu euthüllen, nicht getadelt werden wird. Seine
eigenen Worte lauten: Noch viele andere Oden, die auf mein ei-
I genes Leben Bezug haben, habe ich in früheren Jahren verfasst,
! die ich aber aus Schüchternheit im Kinnor nai'm nicht veröffentlichen
wollte; sie werden aber vielleicht einst mit Interesse werden gelesen
werden.
J. L.
( 4 ) Die 3 ersten Strophen sind ein Satyre gegen die lügnerischen
und heuchlerischen Dichter. Er beklagt sich, 4 ass die Ritter der
Feder sich verleiten iassen die Schönheit einer gerstlosen Dame
I zu verherrlichen. Er will den Schöpfer und nicht vergängliches,
i loben, will seine Begeisterung vom Höchsten erhalten, und beschreibt
in verschiedenem Metren die Jahreszeit, die Freude und
Lust uns bringt.