Page
144
DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Nachschrift der Redaction:
Indem wir uns den lohenden Urtheile unseres ehrwürdigen Ged¬
iegen Dr. Spitzer über das lebireiche Buch Dr. Karl Schmid's ans-
chliessen, wollen wir einige Bemerkungen hinzufügen. Die
uralaltaischen Völker sind viel zu wenig berücktichtigt worden C as
tren's diesbezügliche epochemachenden Schriften . werden nicht
angeführt und Paul Hunfalvy's Werk über die Ostjaken, wovon die
Einleitung von mir in französischer Uebersetzung erschien, hätte rei¬
ches Material zur Prüfung des Gegenstandes beigebracht. Vielleicht
wird eine zweite Autlage, die wir diesem Buche herzlich wünschen
mehrere Nachträge liefern.
In den Ausführungen, dass in manchen Ländern (p. 38) ein frem¬
der Mann eingeladen wird, den Bräutigam einen solchen Dienst zu
erweisen, wäre die Bibelstelle, wo Loth seine beiden jungfräulichen
Töchter den fremden Männern preisgibt, um sich Ruhe und Frieden
zu verschaffen; wie überhaupt der Pentateuch so manche hochin-
toressannte Parallele bietet, so zB. dass lsak, Jakob Josef Benjanin
Efraim als spätgeborene von den Vätern sichtlich bevorzugt werden
so ferner zu p. 49 wo von der Herrschaft des Lehensherrn üher Frau
und Kinder des Leibeigenen die Rede ist, Das 2. Buch Mosis (Abschnitt
Mispatim) Zu Seite 128 (Brautlaut) so glauben wir, das diess auf
der urspünglichen, besonders bei den südslavischenVölkern noch heute
bestehenden Sitte beruht, dass man sich die Braut durch L auf erja¬
gen und erfangen muss. Seite 135 „Nagelgeld" ist eine ähnliehe Sitte.
Wir werden soGott will, auf diesesBuch, Ins primae noctis, zurückkom¬
men, und wollen nur nochmals hervorheben, dass es ein fleissiges,
wohldurchdachtes Buch ist.
Dr. Jj. Mitnz. Rabbiner in in Kempen (Posen). Die moder¬
nen Anklagen gegen das Judenthum als falsch nachgewiesen:
(Kommissionsverlag J. Kaufmanns Buchhandlung Frankfurt a. M.
1882. Der Reinertrag ist bestimmt zur Unterstütz ung unserer un¬
glücklichen Glaubensbrüder aus Russland.
Der Verfasser, als tüchtiger Kauzelredner durch se ine 3 Reden
politischer Tendenz bereits vortheilhaft bekannt hat durch vor¬
liegende Rede, die vor Purim gehalten wurde, von neuem den
Beweis erbracht, dass er es verteht, die die Gegenwart bewegenden
und tief in sie eingreifenden Fragen in dem Lichte der jüdischen
Religion zu erörtern und zu erledigen. Denn es ist wahrlich keine
leichte Aufgabe in den engen Rahmen einer Rede die moder¬
nen Anklagen gegen das Judenthum zu widerlegen und dies ist
dem Verfasser dieser Rede in musterhafter Weise gelungen. Es
ist sehr zu wünschen, dass dieser Rede die grösste Verbreitung
zu Theil werde uud es sollte jeder Jude der in engerem Verkehr
mit einer Christlichen Familie steht, und ich glaube dass es fasst
keine einzige gibt, wo diess nicht der Fall ist, diese Rede lesen
lassen; und die überzeugende Macht der Wahrheit und des
Rechtes wird einen Sieg mehr feiern.
Dr. Adolf tTellinelc Der jüdische Stamm in nichtjüdischen
Sprichwörtern II. Serie, Wien 1882. Verlag von Bermann und Alt-
mann.
Der bestgehasste Stamm in alter und neuer Zeit ist ohne Zweifel
der jüdische Stamm. Und in unserer politisch bewegten und von
national und religiösscheinenden Trieben erfüllten Zeit ist es
ein höchst verdienstliches Unternehmen die Ansichten, die die ver.
schiedeuen Völker, mit denen die Juden im Berührung kamen, von
berufener Hand angeführt zu sehen. Und fürwahr, nur ein
Meister der Beredsamkeit- in der Beschränkung zeiget sich der
Meister und ebenso grosser Gelehrter und Kenner der asiatischen
und europäischen Sprachen, und ein genauer Psycholog wie der
Wiener Prediger Dr. Adolf Jellinek ist, konnte eine so gediegene
Arbeit, wie die die uns vorliegt liefern. Nicht nur das Judenthum
sondern die Sprichwörterliteratur ist tür diese neue Gabe dem
Autor zu Dank verpflichtet. Und gerade die Sprichwörter, sie
sind es die uns die innersten Geheimnisse der Volksseele offen¬
baren, weil sie der unmittelbare Erguss, ich möchte fast sagen, der
mit der Zeit, durch die Erfahrung und dennoch fast unbewusst ge¬
bildete Schluss der Volksseele ist. Und im Sprichwort trifft
meistentheils das sooft misbrauchte Wort Vox populi vox Dei,
dass die öffentliche Meinung eine göttliche ist zu. Und somit em¬
pfehlen wir jedem Psychologen, sowie jedem, dem es darum zu
thuu ist, ein aufrichtiges Urtheil nicht gerade sehr judenfreund¬
licher Völker (iber's Judenthum zu hören, die Schrift aufs wärmste.
Mannheimer Moses. Die Judenverfolgungen in Speyer
Worms und Mainz im Jahre 1096 während des 1. Kreuzzuges
Darmstadt 1877 Literarisch-artistische Anstalt (Adolf Lange).
In einer Zeit wie die unsrige, wo leider Racen und Religions-
hass unglaubliche Dimensionen annimmt, ist diese Schrift wol
wert, von jedem Glabensgenossen gelesen und beherzigt werden.
Und zu dem Feste, das soeben gefeiert wurde, dem Schebuothfest
an dem nach der Tradition die Thora Israel gegeben wurde,
sollte diese Schrift in jedem jüdischen Hause gelesen zu werden.
Denn Israel ist und bleibt das Volk der Lehre wie es schon in
der ältesten Zeit von den Arabern genannt wurde, und für die
Lehre opferte es alles. Aber auch einen Mahnruf enthält diese
Schrift, der nicht leer verhallen sollte, sondern jeden Israeliten
zur Einkehr in sich anregen; denn wenn sie auch keinen Schutz
gegen die wilden thierischeD Leidenschaften der gebildeten
Aussenwelt bietet, so hat man das Bewusstsein das Unglück
nicht verschuldet zu haben, und wahr bleibt das Dichterwort,
Der Uebel grösstes ist die Schuld.
Mannheimers Schrift ist um 30 Pfennige bei dem Verfasser,
zu habin uud empfiehlt sich auch durch den billigen Preis
die schöne Ausstattung und leider auch durch zeitgemässe
Analogien.
Bei Gelegenheit des Doppelbrith am 5. Juni im Hanne des Herrn
II. Moses iu Harn wurden auf meine Anregung folgende Gaben für
die russ. Juden gespendet
Herr Fleischmann 2 fl. — Herr Moses 2 fl. — Herr N. Weiss 1 fl.
— Herr M. Storch 1 fl. — Herr C. Steiner 50 kr. — Herr Rosenberg
1 fl. — Herr Pollak 1 fl. — Herr J. Liebermann 2 fl. — Herr A.
Liebermanu 2 fl. — Hochwürden Herr Pfarrer Mikac Raca 1 fl. —
Herr Low Operatur aus Kreutz 1 fl. — Herr Weiss 2 fl. — Herr
Singer Bulinac 1 fl. — Herr David Moses 2 fl. — Herr Bernhard.
Moses 2 fl. Summa 21 fl.
Briefkasten der Redaction.
IL'ustr. Dr. Isaja Luzzatto Padova. Ho ricevuto il libro anglese e
l'argento di 30 lire; vive grazie. — Illustriss. sign, cavaliere abbate
Pietro Perreau. Vivissime grazie pei tri libri inviatomi, ne parlero
nel numero 13 del mio Centralblatt. — Dr. Frankl-Grüu Znaim. Bitte
um Angabe eines Schematismus der Rabbinen Oesterreich-Ungarns,
danke für Ihre Aufsätze- H. Dr. Aug. Wünsche. — Besprechung
von De'barim rabba folgt in Nr. 13. Danke bestens.
Schluss der Redaciion am 15. Juni.
Druck und Verlag von J. Fleischmann s Buchhandlung in Belovar.
Verantwortlicher Redacteur Dr. M. Grünwald.