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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Gottesliöhe emporhebt; wenn die Worte, welche unseren
Lippen sich entwinden, gleichsam Schwingen werden, die
unser Gemüth über alles Verwerfliche hinweg zum
Ewigen, Vollkommenen, Fehlerlosen erheben, dann werden
die Ergüsse unseres Innern eine Weihe und Heiligkeit
über unser W^sen ausbreiten, die uns von den sündigen
Sinnen, Reden und Handlungen abhalten wird. Die
während des Gottesdienstes angenommene Stimmung wird
einen bleibenden Eindruck auf uns ausüben und die
Wirkung des Gebetes, die Nahrung der Seele, wird von
einer Gebetszeit bis zur kommenden ausdauern. ( 3 ) Wie
der Körper auf die Mahlzeit, wird die Seele im Vorhinein
sich freuen auf die Stunden der Andacht, als auf die
schönsten des Lebens, als auf die Annäherung an Gott
und die Entfernung vom Thierischen. Das Gebet soll
uns aber auch befreien von Sehlacken, weiche durch
Umgang mit Bösen, durch Anhören unzüchtiger, lust¬
erweckender Lieder und gemeiner Redensarten unseren
feinsten Theilen sich angeschlossen, und durch unlautere
Begierden unser Denkvermögen getrübt und umdüstert
haben. Dieser Ausschreitung des Begehrungsvermögens
vorzubeugen, ist der Zweck der göttlichen Gebote.
Die göttlichen Gebote (ftlTT^KX welche zum Unter¬
schiede von den allgemein menschlichen bloss für die
Israeliten Geltung haben, sollen dem Begehrungsvermögen
Mass und Richtung für seine Befriedigung vorschreiben,
seine Ausartungen aber eindämmen und zurückhalten. ( x )
Nicht etwa, als ob Gott den berechtigten sinnlichen Trieb
tödten wollte, da seine Weisheit beschlossen, hinieden
keine Engel, sondern Menschen, von Begierden beherrscht,
zu erschaffen; vielmehr sollen gerade diese Gebote, welche
uns zeitweilige Entbehrungen und leichte Entsagungen
auferlegen, den erlaubten Gebrauch des Begehrimgsver¬
mögens verlängern, als ja im andern Falle auf den zügel¬
losen Genuss bald die gänzliche, dem Geiste der jüdischen
Religion widersprechende Enthaltsamkeit zu folgen pflegt.
Sie erstrecken sich über alle unsere Glieder, um gleich¬
sam von jedem einen Theil der Thätigkeit seinem Schöpfer
zu weihen; sie umfassen alle Beziehungen und die zwischen
den Menschen obwaltenden Verhältnisse. Von ihnen be¬
gleitet, brauchen wir uns vom gesellschaftlichem Leben
aus Furcht vor dessen Verderbtheit nicht zurückzuziehen,
weil sie, die Ceremonialgebote, uns Schutz und Sicherheit
gegen diese bieten. Insofern haben auch sie ethische
Bedeutung und stehen daher den Sittengesetzen nicht
nach. Wenn auch die Profeten jenen untergeordneten
Werth zuerkannten, und in ihren Ermahnungen immer
die rein sittlichen Gebote betonten, so geschah diess des¬
halb, weil zu ihrer Zeit bloss das Äusserliche, die Werk¬
heiligkeit geübt, die natürlichen Gesetze der Rechtlich¬
keit jedoch, die den göttlichen vorangehen, und ohne deren
Befolgung keine Gesellschaft, nicht einmal die der Räuber
( 3 ) Kus. 3, 5.
0) Kus. 3, 11. 17. 2, 48.
bestehen kann, übertreten wurden. Aber unstreitig
hielten sie auch zur Tugendhaftigkeit und Glückseligkeit
der Israeliten die Befolgung der Ritualien für unerläss-
lich. J. H. verwahrt sich selber gegen den Vorwurf,
als wenn diese erhöhte Verpflichtung eine Bevorzugung
der Israeliten bekundete. Überhaupt ist ihre Auser-
wähltheit, (nbjD) ^ ßre Bezeichnung als das Herz der
Nationen, in folgendem Sinne aufzufassen ( 2 ). Wie dieses
durch den Einfluss der Sorge, Furcht, Rache, Liebe, des
Hasses, Kummers und anderer Gefahren, welche es im
raschen Wechsel der Gegensätze bringen, leichter als alle
andern Glieder krank wird, so ist Israel empfänglich für
die Sünden, mehr ah andere Völker, die J. H. mit Plato
Krankheit nennt. Wie aber das Herz wieder dadurch,
dass die Krankheit sich bei ihm bald fühlbar macht, ihr
Einreissen verhindert, so befreit sich der Israelit bald
von den Sünden, die ihm durch die Ceremonialgebote,
die Feste, die Ruhestunden des Lebens noch rechtzeitig
zum Bewustsein gebracht werden, welchen Gedanken wir
schon bei Arnos (37) ausgesprochen finden. Er vergleicht
Israel zarten empfindlichen Naturen, die von derben
Speisen und leichtern Unfällen, die starke Personen gleich-
giltig und unbetroffen lassen, sich belästigt fühlen, weshalb
auch die Fehler, welche es anleren Völkern nachahmt,
verderbend wirke, bis auf sein Inneres, auf das Heiligthum
welches ob unserer Sünden mit uns zerstört wurde
Israel bildet*heute nach dem Aufhören des Opferdienstes
nur einen Körper ohne Kopf und Herz, ja noch weniger:
Knochen ohne Mark. Immerhin bleibt es ein Gefäss, in
dem sich einst der Lebensgeist befand und ist es doch
besser als die aus Holz und Stein gebildeten Figuren. ( 4 )
Auch besitzen wir noch mehrere Gebote, welche uns mit
Gott geistig verbinden; es sind diess der Sabbat, der
eine thatsächlicbere Anerkennung Gottes als des Welt¬
schöpfers b egründet, ferner die Beschneidung, die ein
Gottes-und Bimdeszeichen für Israel ist, eine Mahnung,
dass wir unsere mächtigen Leidenschaften überwinden
I und die Begierde nur zur rechten Zeit, an rechtem Orte,
in der rechten Weise befriedigen, um der Glückseligkeit
theilhaftzu werden (S. 115.) Die Mesusoth an den Thür¬
pfosten, welche uns beim Ein-und Austritte die Anwesen¬
heit Gottes vergegenwärtigen und von der Sünde ab¬
halten sollen; die Speisegesetze, welche uns an Selbst¬
heiligung, an die Entfernung von allen Unreinen ge-
wohnen sollen; der Versöhnungstag, der uns von den
j Schlacken befreien soll, welche sich während des ganzen
I Jahres in unseren Seelen angesammelt, und an dem wir
den Engeln gleich jedem irdischen Genuss entsagen. Diese
und ähnliche positive Gebote bilden theils einen Damm
und Zaun an unserem Begehrungsvermögen, theils lenken
sie ins richtige Geleise ein, wo es überschritten wurde
(•) Kus. 2, 38. 44. 60. 62.
( 3 ) Kus. 2, 32. pJ7 ftvX mit dem Schlusssatze
( 4 ) Kus. 2, 32. 3, 9. Divan 79. 80.