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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
des Menschen zu erfüllen, um die höhere Entfaltung des
Geistes und das Ziel zu erlangen, nämlich die höhere
Stufe der sittlichen Freiheit,
Moses, welcher der bescheidenste und demüthigste Mensch
war, bat zu Gott, dass er ihn seine Eigenschaften möge kennen
lernen, damit er durch iie Nachahmung derselben Ge¬
wogenheit in seinem Augen linde, denn nicht derjenige,
welcher bloss fastet und betet, sondern der seine Eigen¬
schaften kennt und darnachhandelt. der ist ihm will kommen
und nahegestellt, und Gott antwortete ihm. „Ich werde
alle meine Güte vor Dir vorüber ziehen lassen". Aus den
Wirkungen erkennt mann Gott, weil die Wirkungen die
wahren Attribute Gottes sind, und vermöge dieser Hand¬
lungen wird Gott allebarmend, allgnädig, langinüthig-
huldreich genannt und ihml 3 Eigenschaften fl'Hö beigelegt.
Das Erbarmen Gottes ist gleich dem eines Vaters gegen
seinen Sohn, nicht dass er afficirt würde und Erbarmen empfän
de ( 3 ) so will er die Ethik des Judenthums haben, dass man
stets trachte die Wege Gottes zu erkennen, seine Eigen¬
schatten zu kennen um sie nachzuahmen. Durch die Hand¬
lungen soll sich der hohe sittliche Grund des Menschen
zu erkennen geben, und wenn auch dieser Wandel in
Gottes Wegen ein schweres Werk ist und eine mühevolle
Anstrengung erfordert, dass wir dieTriebe unserer Natur,
die realen Güter des irdischen Daseins opfern müssen;
so ist dann der Wert der Sittlichkeit ein um so grösserer,
sie übt um so mächtiger die läuternde und erhebende
Kraft und Einwirkung auf uns aus. sie erhebt uns aus
dem Staube der Erde in den reinen Aether des
Himmels.
Nach unser h. Lehre ist also die ethische Natur
Gottes, die Heiligkeit, des Grundprincip für die Hei¬
ligung des Menschen. Der Gedanke Piatos: Die Götter
sind nicht heilig, weil sie Götter sind, sondern sie
sind Götter, weil sie heilig sind, hat in der Bibel
seinen Grund, und so wie Gott durch seine Heiligkeit
erkannt, und angebetet wird, so wird der Mensch
nur durch seine Heiligung hochgeschätzt und verehrt.
Und so wie bei Gott alles nur aus Liebe zu seinen
Geschöpfen geschieht, so muss die Liebe die Triebkraft
zur Ausübung der ethischen Gesetze sein; sie ist die
Hauptsäule auf der die sittliche Welt ruht, jeder Eigen¬
nutz und jede Selbsucht mus entfernt werden; die Aus¬
übung der Sittlichkeit muss selbst Zweck sein; nach un¬
serer Lehre wird auf HwHK£ 1D*2/ ( ^ er grösste Werth
gelegt. v „Dienet nicht dem Herren, um den bestimmten
Lohn zu empfangen, die himmlische Furcht sei auf Euch."
Wer wahrer Liebe folgt, sagt Meisel, muss entsagungs¬
fähig sein, bis zum Selbstvergessen ( 4 ). Heil dem Manne,
der Gott ehrfürchtetund an seinen Geboten Wohlgefallen
hat, an ihnen nur und nicht an ihrem Lohne. ( 5 )
( 3 ) Maimonides More Nebochim 1. 34 —
( 4 ) Homüien 40.
( 6 ) Abada Sara. 19.
Und wenn in der h. Schrift doch Belohnungen und
und Bestrafungen verheissen werden, so folgt noch nicht
daraus, dass man das Gute ausübe der Belohnung, und das
Böse meide der Bestrafung halber, es ist wie ein Vater welcher
seinem Kinde sagt, dass er es belohnen werde, wenn es
gut ist und bestrafen, wenn es schlecht handelt. Das
gute Kind, welches den Vater liebt und aus Liebe sehr
gehorsam ist, wird die Befehle des Vaters doch nur er¬
füllen, nicht etwa, weil es dadurch belohnt werde, sondern,
weil es der Wille des Vaters ist; und wenn es in der h.
Schrift heisst „Wähle das Leben, damit du und deine
Kinderlebest," so will es damit nur ausdrücken, dass die
Folge der Befolgung der Gottesgesetze ein zufriedenes,
glückliches und langes Leben ist, während die Nichtbe-
folgung ein sehr zerrüttetes, qualvolles Leben verursacht.
Dass die jüd. Ethik nicht auf Eudämonismus beruht, be¬
zeugt die langjährige dornenvolle Geschihcte Israels unter
den grössten Qualen und Verfolgungen; wo den Israeliten
jede Aussicht verschlossen war, haben sie die Sittengesetze
strengstens ausgeübt, ihr Leben und ihr Wirken, ihr
Denken und Wollen, ihre gesammte Lebensanschauung
trägt den ausgeprägten Charakter ihrer Gesinnung, sie
waren so von sittlicher Gesinnung durchzogen und durch¬
drungen, dass alle egoistischen Antriebe und alle welt¬
lichen Lebenszwecke in den Hintergrund treten mussten,
ihr Gebet war in der verhältnissvollsten Zeit : „0 Gott,
lehre mich den Weg deiner Gebote, und mein Lohn sei
dass ich sie hüte".
(Fortsetzung folgt).
Über die spanisch-portugiesischen Juden der
Gegenwart.
Von Dr. M. Grünwald.
(Fortsetzung).
[Seid aufmerksam und höret Ihr Söhne Jakobs, welch'
guten Theil ich Euch gebe, kommet meine Kinder und
höretmich, in der Ehrfurcht vor dem Herrn will ich Euch
unterweisen, und Euere Seele wird dann sein wie ein
gut getränkter Garten. Wer ist der Mann, der das Leben
liebt, seine Tage in wahrem Glücke zuzubringen wünscht,
der komme her zu mir, geniesse das Fleisch, das ich
ihm reiche und den Wein, den ich gebe auf den Tisch,
den ich angeordnet; kommet, esset von meinem Brote und
trinket den Wein, den ich gefüllt; und die besten Früchte
werden zu Euerem Genüsse bereit sein, neue Früchte
und alte, und herrlicher Most von Granatäpfeln, alle süssen
vortrefflichen Speisen und Getränk von feisten Trauben;
kommet Genossen, esset und trinket. Das ist der Tisch"