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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Wenn zB. Gott der alte genannt wird, so ist diess
nur, ich würde sagen, eine euphemistische Wendung für
ewig dauernd; der Begriff ewig nämlich ist für den
Menschen, für den von Zeit und Raum beschränkten Men¬
schen unfassbar; denn wie will der Mensch etwas fassen,
das ohne Anfang und ohne Ende sein soll, alt hingegen
ist dem gewöhnlichen Sprachgebrauche angepasst; es ist
das biblische ^ftV pTltf
Wenn wir im Cid von Gott lesen, dass er in der Höhe
thront (dios aquel que esta en alto) und in deutschen
Dichtungen des Mittelalters erfahren, dass Gott (*) „hoch
thronet und auf die Niederen mild herabschaut," so
werden wir natürlich sofort an den Psalmvers Cap. 113
denken JT.tflS ^b^Ä2»»H p^***'^ *****
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In meiner Arbeit zur romanischen Diabetologie Heft
I. p. 35 ff habe ich darauf hingewiesen, dass, wie es im
hebräischen Worte giebt, die zweierlei Geschlechter haben,
das heisst ohne ihre Bedeutung oder ihren Sinn irgend
wie zu verändern, bald die männliche, bald die weibliche
Endung annelmen ( y ), es im spanischen gleichfalls solche
Wörter gebe, die wahrscheinlich einer Anlehnung an das
hebräische ihrem Ursprung verdanken. In derselben
Arbeit habe ich gezeigt, dass der spezielle Zug des nach
Diez (f) der portugiesischen Sprache in der echt verbalen
Flexion des Infinitivs eigentümlich ist, ohne Zweifel dem
Hebräischen seinen Ursprung verdankt. Redensarten wie
sm d ja allbekannt Eine fernere Eigen-
thümlichkeit, welche den romanischen Sprachen eigen ist,
können wir nicht zu erwähnen unterlassen, ohne mindestens
frappanteste Analogie mit dem hebräischen der Bibel
anzuführen. Formen wie consellado, consellar, cuidado,
cuidar sind im Altspanischen und Altportugiesischen fast
typische Formeln geworden ( 5 ). Auch hier wird jeder
(-) Mittelhochdeutsch: der hoho sizet unde niderin sihet
afrz: qui haut siet et de loing mire.
Wir wollen hier gelegentlich des Wortes JTSOS "h m SL)Vi?f2tl
erwähnen, dass in einem im 18. Jahrhunderte an Gott gerichteten
Gedichte ihm das Altribut niederträchtig zugeschrieben wird. Es
braucht woi kaum erwähnt zu werden, dass das Wort nicht in
malam partem, wie wir es heute gebrauchen, angewandt wurde;
niederträchtig hatte nämlich im vorigen Jahrhunderte noch den
Siun von mild, er sagte es von dem, der auf die niedrige gestellten,
amnen gnädig herabsah; denn trachten hatte früher die Bedeutung
des heutigen Compositum's betrachten. Dass übrigens auch die
Bedeutungen der Wörter in der verschiedenen Jahrhunderten in
einer und derselben Sprache wechseln, erkennen wir unter vielem
anderen daraus, dass schlecht ursprünglich die Bedeutung gut also
das Gegentheil von dem, was es heute bedeutet hatte; so zB. schleht
und recht, schlechterdings u. Ueber den Uebergang der Bedeu¬
tungen siehe meine Schrift: Das Unterrichtswesen zur Zeit Karl's
des Grossen p. 13 if.
( 8 ) Dass ein Hauptwort zugleich männlich und weiblich sein
könne, hat Rabbi Salomo Jizchaki de Troyes (Raschi) an mehreren
Stellen, so besonders Genesis 32 gezeigt, und viele solcher Wörter
zusammengestellt.
( 4 ) Diez Gram. II p. 187.
( 5 ) Diez. Ueber die erste portugiesische Kunst oder Hof¬
poesie p. 55.
des hebräischen nur theilweise kundige sich der Formen
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nern. Dass das jüdisch-spanische darsar— jüdisch-deutschem
«/«■r«cAe/?<?w=neuhocMeutschem predigen vom hebr. XffT\
forschen, und dann das Geforschte mittheilen, hat schon
Dr. A. Jellinek nachgewiesen. (")
Ausser solchen Wörtern, die ihren rein hebräischen
Ursprung sozusagen auf der Stirne tragen und ihn
nicht verleugnen können, gibt es ferner Redensarten,
die sich nur aus dem Hebräischen erklären lassen.
Um zum Beispiel im Spanischen den Satz auszudrücken:
Wenn er über eine Baumfrucht den Segensspruch
gemacht und die Worte gesagt hat: (Gelobt seist du
Gott;, der du die Erdfrüchte erschaffen, gielt ihm diess
: (der Segensspruch nämlich als Verdienst d.h. braucht er
keinen 2 ten Segensspruch zu machen) sagt das ladino
I wie folgt: Si bendixo sobre fruto de arbel y dixo
I crean fruto de la tierra, sah de obligacion-
Es gilt ihm als Verdienst wird durch salir de Obligation
; hinaufsteigen wiedergegeben; der terminus technicus im
| Hebräischen nämlich ist n^JT TT;«' sem Verdienst
! steigt hinauf f 7 ), und daher auch im ladino salir.
Auch zur Ergründung einer richtigen Etymologie ist
! das hebräische in vielen romanischen Wörtern unentbehr-
| lieh. So ist zB. die Etymologie des spanischen Wortes
cadun, ciascun, von dem berühmten Romanisten Paul
! Meyer (Romania 187 3, p. 80—85 quisque et cata dans
les langues romanes) zum Gegenstande eines ausführlichen
f Aufsatzes gemacht worden, und er hätte keinen Zweifel
| an der Richtigkeit seiner Deutung dass es bis auf einen
\ bedeute, gehabt, wäre ihm das habräische -fl-fX 1$ b* s
auf einen d.h. keiner, nicht einziger bekannt. Es ist diess
meiner festen Überzeugung nach einer der vielen Redens¬
arten, die in alle europäischen Sprachen durch das Bibel-
| Studium gedrungen.
Andererseits findet die Bedeutung so manchen Wortes
in dem hebräischen seine Erklärung: Wenn zB. im
Italienischen maucina zur linken Seite bedeutet, so wird
es der Kenner des hebräischen weniger auffallend finden,
dass im Hebräischen "p die Hand ebenfalls die linke Hand
ausschliesslich bedeutet. Man wird in iem Umstände einen
Beweis mehr finden, dass die Deutung ^ fTiXb VH1
■"[■p (Und die Gebetriemen) sollen sein ein Zeichen auf
I deiner Band, nur die linke gemeint ist, und Zerlegung
I des Worter in HH3 *T die schwächere Hand bedeutet,
nicht aus der Luft gegriffen, sondern im wahren Geiste der
! Sprache tief begründet ist.
( ö ) Literaturblatt des Orients von Dr. Julius Fürst. Leipzig
1845. p. 239.
( : ) Das Bild selbst von dem in die Höhesteigen des Guten
und Verdienstlicheu ist ein schönes und sinniges wie bei der Wage
das Schwere und Sündhafte hinüber sinkt, so steigt das Gute in
die Höhe; der gute Mensch geht aufrechten Ganges, und treien
Blickes, der schlechte mit scheuem oder gesenktem Blicke.