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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
keineswegs mit dem des eommentarius- denn jener enthält
meistenteils Rechnungen oder Aufzählungen einer gewissen
Reihe von Gegenständen oder Personen, während eommentarius
doch zumeist die Erklärung eines Tages bedeutet, wiewol die
ursprüngliche Bedeutung nicht diese ist, so zß. der Titel von
Caesar's Commentariis de hello gallico et civili etc.
Zweitens aber, und diess ist bis jetzt übersehen worden, deckt
sich eommentarius auch nicht lautlich mit contres; wir glauben
daher, dass conteres dem neufranzözischen comptoir, altfran¬
zösischen conters gleichzustellen ist. ;!as s am Schlüsse ist bekann¬
tlich in Altfranzözischen ein Zeichen des Nominativs Singularis.
Comptoir Schreibstube, Schreibraum, Rechenliste passt vorzüglich auf
sämtliche CQ™^^!™ 1
Dr. M. Griinwald.
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ECENSIONEN.
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M. Mannheimer, Das Gebetbuch nnd der Reb'gionnvnterrirJit f 2 hoch¬
wichtige Fragen im jetzigen Judenthume, historisch-kritisch beleuch¬
tet. Darmstadt 1881. Zu haben beim Buchhändler Lippe Wien
Praterstrasse 15.
Über unser altehrwürdiges Gebetbuch sind in früheren Jahrhun¬
derten mancherlei Commentare erschienen, die aber meistens in
agadischen Auslegungen oder mystischen Deutungen bestanden; sie
hatten durchaus keinen wissenschaftlichen Werth.
Da hat denn vor mehreren Jahrzehnten der gelehrte L. Landshut
eine neue Bahn gebrochen.
Die Werke jüdischer Forscher wie Brochmal, Zunz u. a. benut¬
zend, hat er einen über unser ganzes Gebetbuch fortlaufenden Com-
mentar verfasst und darin Alter, Entstehung und Abfassung eines
jeden Gebetstückes nachzuweisen gesucht, eine Arbeit, die nicht
nur zum Verständniss der Gebebte, sondern auch zur Erweckuug
des literarhistorischen Sinnes von grösster Wichtigkeit ist. Und
Herrn Mannhaimer gebührt das Verdienst, den wichtigsten Theil
dieses in einem reinen und guten Hebräisch verfassten Commentors,
nämlich von Ttf "15tV rD"Q bis nach mW HföV
theils durch wörtliche Übersetzung, theils durch kurze Wiedergabe
des Inhalts in deutscher Sprache, auch demjenigen zugänglich ge¬
macht zu haben, die des Hebräischen nicht kundig sini, wobei er
jedoch öfters die Ansicht Landshuts uns Gründen bekämpfte und
seine eigene zur Geltung brachte. Aber noch mehr Dieser dem
Gebetbuche gewidmete Theil des M annheimerischen Buches hat,
ganz abgesehen von dem dem Religionsunterrichte speciell gewidmeten,
auch für letzteren einen grossen Werth. Die pädagogische Er¬
fahrung lehrt nämlich, das Kinder in der Regel zwar den an¬
regenden Erzählungen der biblischen Geschichte recht viel In¬
teresse entgegen bringen, jedoch nicht den trockenen nachbibli¬
schen. Werden aber diese mit den Gebeten in Beziehung ge¬
bracht; wird den Kindern gezeigt, wie jedes Gebetstück in Er¬
eignissen der Geschichte und dem daraus resultirenden religiösen
Bedürfnisse seinen Grund hat; so lernen dieselben einsehen, wie
wichtig für sie die Erlerung der nachbibiischen Geschichte ist,
unV ihr Interesse daran erwacht. Hiermit soll jedoch nicht ge¬
sagt sein: der Lehrer lese den Kindern das Mannheimerische Buch
vor, denn als ein populär-wissenschaftliches Werk steht es den¬
selben zu hoch, sondern er ?möge dasselbe als Leitfäden benutzen
und Gedanken daraus entnehmen, mit welchen er den Unterricht
in den Gebeten vertieft und befruchtet, deren Verständniss fördert
und zugleich den Geschichtssinn der Kinder wachruft. Das Mann¬
heimerische Buch sei insbesondere den Lelirern bestens em¬
pfohlen.
AU und Neu. Vergangenheit und Gegenwart. In Sage
und Geschichte dargestellt von Moritz Bermann. Mit 200 Illustra¬
tionen, Bildnissen, Ansichten, historischen Scenen von hervorragen¬
den Künstlern. In 25 Lieferungen ä 30 Kr. = 60 Pf. = 80 Cts.
(A. Hartleben's Verlag in Wien.)
Von diesem äusserst interessanten Werke sind nunmehr die
Lieferungen 3—6 erschienen, und, wie nicht anders zu erwarten,
enthalten auch diese eine erstaunliche Fülle des Pikanten und
Unbekannten. In der ergreifenden Schilderung des grossen Königs
„Casimir von Polen und seiner holdseligen, hingemordeten Ester"
lernen wir die Verhältnisse jener Tage, die Begründung so mancher
noch heute bestehenden Nationalsitten (darunter besonders interes¬
sant das Entstehen der Fackelzüge bei Hochzeiten in Deutschland)
kennen; — die „erste Industrieausstellung in Paris" führt uns eine
Fülle der markantesten Persönlichkeiten jeder Tage: Den General
Napoleon Bonaparte und seine leichtlebige Schwester Pauline, die
Intriguanten Talleyrand und Fouche, die Incroyables und Mer-
veilleuses unter dem Directorium Barras u. s. w. in originellster
Weise vor. Das „Bunder der eingebrannten Hand", eine raffinirte
Criminalgeschiente aus der Zeit Josefs II., bietet in ihren Be\
Ziehungen zu den Betrügereien der heutigen sogenannten Armen¬
seelen-Erlöserinnen und dem spiritistischen Schwindel mit der Paraf¬
finhand und den Geisterphotographien bemerkenswerthe Ver¬
gleiche von „Alt und Neu". Die „Puzsta einst und jetzt" versetzt
die Leser in das eigenartige Flachland Ungars mit seinen Guts¬
besitzern, Hirten, Zigeunermusikern, Volksliederdichtern und den
Räubern, in die Csarda und auf die Haide, zu dem r blutigen
Jeszanak" altberühmten Andenkens und zu dem Zauberrösslein
dessen Abkömmlinge vermeintlich noch heute existiren. Es ist wohl
nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, es werde den folgenden
Heften, sowohl was Text als oginelle Illustrirung betrifft, mit
Spannung entgegengesehen.
Adrian Balbi's Allgemein Erdeschreibung. Ein Hausbuch des geo¬
graphischen Wissens für die Bedürfnisse aller Gebildeten. Siebente
Auflage. Voihkommen neu bearbeitet von Dr. Josef Chavanne. Mit
400 Illustrationen und 150 Karten. In 45 Lieferungen ä 40 Kr. ==
75 Pf. — 1 Frc. =45 Kop., oder in 9 Abtheilung ä 2 fl. = 3 M.
75 Pf. — 5 Frcs. = 2 Rnb. 25. Kop. (A. Hartlebens Verlag.)
Von der siebenten Auflage dieses vortrefflichen geographischen
Handbuches liegen unz nun schon fünf Lieferungen vor, in welchen
die Capitel über mathematische und physikalische Geographie zum
Abschlüsse gelangen und die specielle Staatenkunde mit der Be¬
schreibung des deutschen Reiches eröffnet wird. In knapper und
doch anregender Form wird in den Abschnitten Geographie
alles Wissenswerthe über das physische Klima, den Magnetismus
der Erde, über den geologischen Bau, die Verbreitung der Pflan¬
zen und Thiere und über den Menschen k/ar und leicht ver¬
ständlich behandelt. An Stelle langathmiger und ermüdender Aus¬
führungen treten 44 vorzüglich ausgewählte Illustrationen und 3 gros¬
se in Fabendruck ausgeführte Uebersichtskarten, welche nicht nur
das Verständniss wesentlich fördern, sondern auch das Buch vor¬
teilhaft schmücken. — Einer allgemeinen physikalisch-statistischen
Skizze Europas folgt in der 5. Lieferung die detaillirte Beschrei¬
bung des deutschen Reiches und als ersten Staates innerhalb des¬
selben jene Preussens. Der Bestimmung des Werkes entsprechend,
ein Hausbuch der Erdkunde für die Bedürfnisse aller Stände zu
sein, ist in diesem Theile allen, selbst weitgehenden Ausprüchen
Genüge geleistet. Die Bevölkerungsverhältnisse, Staatsverfassung und
Verwaltung, materielle und geistige Cultur, Wehrkraft, Finanzen
u. s. w. werden eingehend besprochen und liegen allen Angaben
die neuesten amtlichen Erhebungen zu Grunde. Die Aufnahme eines
Verzeichnisses der Stadtgemeinden und ihrer Bevölkerung in Preussen
verdient besonders hervorgehoben zu werden.
In gleich ausführlicher Weise sollen auch alle übrigen Staaten
Europas behandelt werden so dass Balbi's Erdbeschreibung in ihrer
siebenten Auflage ein durchaus verlässlicher und unentbehrlicher
Führer auf dem Gebiete der Geographie sein wird.
Schluss de ' Redaction 30. Juli 1882.
Druck und Verlag von J. Fleischmann's Buchhandlung in Belovar.
Verantwortlicher Redacteur Dr. M. Grünwald.