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DAS JÜDISCHE CEN TRALBLATT.
schiedenheit des sittlichen Karakters und Handel statt¬
findet, dass ein Jeder mehr oder weniger gottesfürchtig
und tugendhaft oder sündig sei, dass so hier nach die
göttliche Vergeltung und das göttliche Gericht für Jeden
verschiedentlich ausfalle, geht von selbst hervor.
Die so gestaltete und alle Pfade und Lehrgebaüde des
Judenthums durchdringende grundsätzliche Anschauung
war das Fundament, auf welchem das Judenthum die
Religion der Toleranz geworden, als welche sie auch von
grossen nichtjüdischen Autoritäten erkannt worden.
Die Beziehungen der Juden zu den Nichtjuden waren
stets von streng ethischen Prinzipien getragen. Abraham
hat den mit Abimelech geschlossenen Bund getreulich ge¬
halten, Josef hat die Egypter vom Hungertode gerettet,
Moses leistete den Töchtern Jethro's Hilfe, Josuahatden
Gibeonitern geschworenen Eid nicht gebrochen, David hat
gegen den Sohn seines Wohlthäters Nachesch sich liebe¬
voll erwiesen. Salomo hat in seinem Weihgebete der
Heiden nicht vergessen, Jeremias hat die Exulanten zur
Treue gegen ihr neues Vaterland ermahnt und so könnte
man eine grosse Zahl von Personen anführen, welche
die Sittengesetze gegen Nichtjuden strengstens ausgeübt
haben.
(Fortsetzung folgt.)
Luzzatto's hebräische Correspodenz.
Von Dr. M. Grünwald in Belovar.
Wenn man von einem wichtigen Werke dieses Jahres
sprechen darf, so ist unstreitig die hebräische Correspon-
denz S. D. Luzzatto's s. A. in die erste Reihe zu stellen.
Wenn die Correspondenz eines gewöhnlichen Menschen
ungemeines Interesse für den Menschen als solchen, dem
nichts menschliches fremd sein soll, erregt, um wie viel
mehr muss es die Correspondenz jenes Mannes sein, der
sein ganzes Leben lang aus unversiegbarer Quelle seine
Schätze vertheilte und sich am Geben so innig freute.
S. D. Luzzatto's Correspondenz bietet eine Fülle un-
gekannten Materiales, sie lässt uns nicht nur den Mann
Luzzatto, vor dessen tief wissenschaftlichem Ernst wir
staunend stille stehen, erkennen, sie zeigt uns auch den
treu ergebenen Sohn, den zärtlich liebevollen Gatten,
den seine Söhne über alles liebenden Vater, und den
hingebungsvollen Freund, kurz die Correspondenz rückt
Luzzatto unserem Herzen näher und lässt uns ihn kind¬
lich verehren. Soll ich noch noch ein Wort verlieren
über Luzzatto's hebräischen Styl, der unerreicht dasteht?
Die 2 bis jetzt veröffentlichten Bände enthalten so
vieles und verschiedenartiges; und doch ist eine höhere
Einheit hier nicht zu verkennen, es ist das rastlose
Streben das Judenthum, zu verherrlichen und zu veredeln.
Es ist nicht nothwendig, wie Prof. Dr. Kaufmann diess
gethan, darauf hinzuweisen, dass viele wichtige Werke
des Mittelalters so zB. das epochemachende Werk More
Nebuchim in Briefforn erschienen, auch braucht man
nicht auf die in vorigen Jahrhundert in Frankreich häu¬
fig vorkommende Bücher in Briefform zu verweisen.
Luzzatto will um richtig gewürdigt zu werden, selbst¬
ständig erfasst, will in seiner Eigenart erkannt werden.
Einen mächtigen Behelf zu dieser Erkenntniss bietet zu¬
nächst die in meinem Centralblatt in deutscher Sprache
bereits veröffentlichte Autobiographie sowie die Biographie
Luzzatto's und dessen gewiss nicht gewöhnlich begabten
Vaters Ezechias.
Der Index raisonne, der von dem unermüdlichen, seines
grossen Vaters würdigen Dr. Isaja Luzzatto herausgegeben
wurde, so wie der Catalogo ragionato dei scritti sparsi
sind zum Verständnisse der Correspondenz von grossem
Vortheil, und sollte jeder, der diese hebräischen Briefe
studirt, — denn aus solch einem epochalen Schriftwerke
muss man ein Studium machen — diese 2 Bücher sich ver¬
schaffen. Trotz alledem haben wir es sehr ungern ge¬
sehen, dass einige Briefe, statt sie vollinhatlich wieder-
sugeben, nur angedeutet wurden. Es stört ungemein den
Gesamteindruck, wenn nicht sämtliche Briefe sich darin
vorfinden. Gehen wir nun auf den Inhalt der einzelnen
Briefe ein.
(Fortsetzung folgt.)
Vortrag gehalten im 3et-hamidrasch
zu Wien.
Der in den Trümmern der assyrischen Paläste bis
jetzt wieder aufgefundene kleine Theil der assyrischen
Literatur ist bereits fast so gross an Umfang wie das
alte Testament, Auch hier, wie in so vielen Zweigen
der morgenländischen Sprach-und Alterthumswissenschaft
war es den Engländern vergönnt, den grössten Theil
der versunkenen Schätze zu heben. So ist es denn auch
nicht zu verwundern, dass nächst Julius Ojppert vor¬
zugsweise englische Gelehrte waren, die sich erfolgreich
an die Entziffeiung mächten (Rawlinson Hincks, Fox,
Talbot, Sayce und andere) und wenn die deutsche Wissen¬
schaft auch hier mit ihrer streng philologischen Richtung
erst vieles säubert und ins rechte Licht stellt, ja die
richtige Interpretation der assyrischen Texte abschlies¬
send bestimmt, so muss sie doch heute noch, wenn es
gilt, unedirte Texte des grossen Londoner Vorraths zu
erspähen, den Engländern den Vorrang lassen.