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1882.
DAS
CENTRALBLATT.
(ZUGLEICH AR6HIF FÜR DIE GESCHICHTE M JUDEN IM KGR. KROATIEN).
Herausgegeben von Rabbiner l>r. M. Grünwald.
I. JAHR GAN <
Das jüdische Centraiblatt erscheint alle 14 Tage in IVj bis 2 Bogen; Preis bei allen Buchhandl-men (in Belovar bei J. Fleischmann)
pro Jahrgang 4 fl. Inserate werden mit 10 Kreuzern die S gespaltene Petitzeile berechnet und ausehliesslich entgegengenommen durch die
Annoncen-Expedition von /. Fleischmonn in Belovar, (Manuscripte werden nicht retournirt).
INHALT.
I. Die Ethik des Judenthum's von Be£ Rabb. A. Roth in
Siklos. — IL Anhang — VI und VII. (Schluss). — III. Ein¬
zugsrede gehalten am 23. August 1881 in Belovar. IV. Nctiz.
V. MisceSlen. Über die Bedeutung der Wurzel ^^J"]
Recensionen. H. Guedalla Jerusalem. — Rejoicings at Jerusalem.
— David Löwy Gallerie. — Singer Isidor. Presse und Judenthum.
Nachdruck nur mit VOLLER QuelienangaL-e gestattet.
Grundprinzipien der Ethik im Judenthums.
Vom Bezirksrabbiner A. Roth in Siklos.
(Fortsetzung.)
Wie der Einge-
Ferner heisst es in der Schrift:
borene unter euch sei euch der Fremde, der bei euch
weilet; und lieben sollst du ihn wie dich selbst; denn
Fremde wäret ihr im Lande Egypten (Lev, 19. 34). Jeden
Menschen, wenn wir auch in dem Verhältnisse zu ihm
stehen, wie wir zu den Egyptern gestanden, müssen wir
lieben. Israel hatte in Egypten nichts als Druck, nichts
als Lieblosigkeit, nichts als Tyrannei erfahren, daher weiss
es, wie schwer der Druck und die beängstigenden Leiden
auf das Gemtith wirken. Dieses erhabene segensreiche
Gesetz, dass man selbst den Fremden wie sich selbst
lieben muss, findet man zuerst in der h. Schrift, Fremd
war in Israel Jeder, der einem andern Stamme angehörte,
jede nationale Leidenschaft, jeder Wahn und Hass gegen
ihn musste weichen. Schon Kabbi Akiba lehrte: Jeder
Mensch ohne Unterschied wird von Gott geliebt, da Jeder
durch ein himmlisches Gepräge ausgezeichnet ist. Diese
erhabene Anschauung von der segensreichen Mannigfal¬
tigkeit des Völkeiiebens, sagt Dr. Jellinek, war dem nicht¬
jüdischen Alterthum fremd. Beschränkt und engherzig
war es voll Vorurthcile gegen die Verschiedenheit der
Stämme, und die Liebe gegen Fremde, die es Barbaren
nannte, tvonnte es nicht begreifen, geschweige denn be¬
währen und erfüllen. Nur das Judenthum mit seinem
einzigen Gotte schwang sich empor auf jene Höhe, von
der die Völker als Aeste des einen Menschenstammes
als die verschiedenartig glänzenden Edelst eine der einen
Schöpfungskrone erscheinen, nur in Israel entfaltete sich
die Knospe der Fremdenliebe in warmen Sonnenstrahl der
allumfassenden Gottheit
Endlich wird in den Worten: Ihr sollt meinen hei-
ligen Namen nicht entweihen, die Befolgung der ethischen
Gesetze selbst gegen Nichtjuden zum Ausdrucke gebracht.
Die Sittengesetze auch gegen den Nichtjuden zu üben,
also die strenge Sittlichkeit in Israel vor den Augen des
Andersgläubigen zur Anschauung und Anerkennung zu
bringen, ist zugleich Heiligung des göttlichen Namens wie
das Gegentheil Entweihung. Wer auf dieser Art den
Namen Gottes entweiht, wenn auch dieses nur im Ver¬
borgenen geschieht, so muss die Strafe Gottes an ihm
vollzogen werden; bei Entweihung des Namens Gottes,
lehren unsere Rabbinen, ist Irrthum und Absichtlichkeit
ganz gleich (-). Alle Völker der Erde sollen es sehen,
dass der Name Gottes über dich genannt ist und Ehrfurcht
vor dir haben: in diesen Worten ist der erhabene
Beruf Israels deutlich ausgedrückt. Die Entweihung des
Namens, den der Israelite als Bekenner des Einen Got¬
tes trägt, ist die Entweihung Gottes selbst. Nur wenn
wir vom höchstem Gedanken allgemeinster Versittlichung
durchrangen sind und gegen alle Menschen, ohne Unter¬
schied des Glaubens, die Sittengesetze befolgen, dann
ehren wir den Namen desjenigen, der alle Menschen nach
seinem Ebenbilde geschaffen. Das ganze Haus Israels ist
daher angewiesen, diesen grossen Namen zu heiligen; denn
(>) Jellinek's Predigten 1. Theil S. 107.
( 2 ) Pirke Aboth 4. 5.