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DAS JÜDISCHE CENTRALBLATT.
Literatur, die italienischen Sckrift^Uc? %ies 1S„ 16., 17.
and 18. Jahrhunderts, welche ausser ihrer hebräischen
literarischen Ihätigkeit die süssen Laute ihrer
Muttersprache hegten und pflegten, unsere fran¬
zösischen G/iehrten wie Rabbenu Gerscbom, die
Leuchte des Exü's, und Rabbenu Salome Jizchaki de
Troyes, die das französische vollständig beherrschü n, all diese
Schriftstücke harren noch immer der sie erlösenden Hand. Wie
aber die Wissenschaft stets fürs Leben wirkt, so auch
in diesem Falle. Der oft dem Judenthume vorgewor¬
fene Mangel an Patriotismus zerschellt sofort, wenn man
zugestehen muss, dass die Muttersprache, der Bort der
Nationalitaet, von den grössten rabbinischen Autoritaeten
gepflegt wurde; selbst in demMittelalter, wo die romanischen
Sprachen als wissenschaftliche Sprache verbannt waren;
war doch bekanntlich das Lateinische die allgemeine Ge-
lehrtenspracii.\ Diese Sprachen, sage ich, wurden von
jüdischen Äntoritoiten zur Erklärung des heiligsten
Büches, des Jhfchrs der Bücher, verwendet.
Solche Thatsachen, die bisher noch nicht gebührend
betont wurden, sprechen beredter als ganze Bände. Dass
auch die Sp} achte Issenschaft aber aus der Veröffentlichung
dieses Schrift thums grossen Nutzen ziehen kann und ziehen
wird, unterliegt keinem Zweifel.
Die Assyriologie, die tagtäglich neue Resultate zu Tage
gefördert, findet im Centralbiatt die ihr gebührende Be-
rücksichtigung; denn in ihr und durch sie finden wir erst
das rechte Verständniss nicht nur für die Bibel, sondern
auch Gebete (siehe Centralbiatt Nr. 10 p. 120 und
für unsere Noveniberheft derBibl.Society)).
Auch die Aegyptologie hat noch lange nicht ihr letztes
Wort gesprochen, und wahr bleibt des frommen Sängers-
Wort: Ein Tag lehrt den anderen Erkenntniss. Nicht
nur die heilige Schrift sondern auch der Talmud und die
sich daran knüpfende Literatur erhalten neues Licht, das
nur geeignet ist, die heilige Schrift desto höher zu schät¬
zen. Und die Kenntniss der heiligen Schrift ist nicht nur für
den llteologen, sondern auch für den Culturhistoriker und
Philologen, ja für jeden gebildeten Menschen unbedingt
nothwendig. Denn es gibt keine Sprache, die nicht den
Einfluss der Bibel an sich erfahren, dieser Einfluss ist
aber bislang nicht nachgewiesen worden. Die Bibel aber
ist das Eigenthum des Judenthums, das es mit seinem
Blute bezahlt. Sie ist es aber nicht in dem Sinne, dass
sie für das Judenthum al ein da ist. sie ist vielmehr
vrie das Buch der Natur für jedermann offen. Aber, SO-
wol im Buche der Natur als in dem der heiligen Schrift,
muss man, um es richtig lesen zu können, es studiren.
Zum Studium dieser, heiligen Schrift einen kleinen
Beitrag zu liefern, für die Wahrheit unesrer Religion
zu wirke», ißt und bleibt die Aufgabe unserer Zeit-
Schrift.
. Wir können nicht schliessen, ohne unserem Verleger
Jjfeyrn Jacques Ftejkchma-nn innig und bffentlith für sein
tineiaenvüizig' j s Wrrk--'n zu danken.
Befovar dem 21. Üez. 1882.
Die Ethik des ioda Halewi
▼on Rabb. Dr. Ad. Frankl Grün.
(Forsetzung),
Dem Arzt und Dichter Juda Halevi aber, welcher das
Herz das wichtigste aller Organe nennt, und alle fördernden
und störenden Einflüsse auf dasselbe patholo giseh darlegt
(2, 26, 38), der Gott mehr durch das Gefühl, die Begei¬
sterung empfinden als durch den Verstand, die Ueberz-
zeugnng erfasst wissen will (4, 16) ihm konnte die Wahr-
; nehniung nicht entgehen, dass die Thora, um sittliche
Handlungen zu erzielen zunächst auf das Gefühl wo jede
Thätigkeit ihren Ursprung hat, versitt behend einwirken,
musste. Unmittelbar an ^eine Erörterung der jedem
Seelenvermögen von der Religion zugewiesenen Funktion,
knüpft er die Betrachtung, dass die Thora im allgemei¬
nen unter die drei uns innewohnenden Grundgefühle der
Furcht, Liebe und Freude nämlich entsprechend vertheilt
ist (2, 50, 317). Die ieligiösen Übu?«gen sollen, jedes von
ihnen nach ihrem Bedürfnisse für den Menschen gleich-
mässig ausbilden, durch ihren Ausschluss der Beschränkung
eines einzelnen dieser drei Gefühle ebenso wie durch
ihre Abweisung der Beschränkung auf ein einzelnes der¬
selben jede ungebührliche Verkürzung und Ausbreitung
verhüten, und durch die gerechte Berücksichtigung aller
Harmonie unter ihnen erhalten. Die Furcht, die Unter-
würfügkeit unter einem höheren Willen zu dem sich auch
die Macht gesellt, jeden Ungehorsam, jede Gesetzesüber¬
tretung sofort zu strafen, diese besonders wirksame Er¬
ziehungsmethode bei Kindern und auch Völkern im Zu¬
stande der Kindheit bewährte sich als vortrefFliches Mit¬
tel zur Läuterung und Veredlung des Herzens HJTm)
fiw'^H PVfitf'nS mv Autrechthaltung der
Zuci t bei der Gründung des jüdiseken Volkes, (2, 54),
so dass unter 600000 blos Achan sich blos eine Verun-
treunug zu Schulden kommen Hess. Bei all dem ermahnte
sie Josua, dass ihre Ehrsucht und Scheu gegen die Hei-
| ligkeit Gottes zugering sei, um ihm würdig dienen
zu können [Jos. 24, 19, Kus. 2. 58}. Diese Furcht flögst
die Thora den Israeliten ein durch das Gebot: „Den
Ewigen deinen Gott sollst du fürchten". Deut. [12, 13,
6, 13]; wrickes unsere Weisen auch auf die Gesetzes¬
lehrer ausdehnen, [Kus. 4, 3j; durch die öfters wieder¬
holte Drohung: Fürchte dich vor deinem Gotte [L. 19,
14, 32]; durch ihren Hinweis auf die nachsichtlos erfol¬
gten Strafen Mirjamis [Nou 12, 1] die Kinder Arons
[B. 10. 2], und andere geschichtliche Begebenheiten, aus
denen hervorgeht, mit welcher Strenge Gott auch geringe
Vergehen selbst dem ihm Nahe stehenden ahndet; ferner
durch ihre Vorschriften über die vielfachen Schäden de«
Aussatzes, [Lev. C. 13 Deut. 24. 8] welchen sie als Aus-
rluss der inneren Verunreinigung und Sündhaftigkeit hin¬
stellt; [Kus. 2, 28j durch die Anordnung des Fasttage«