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= Yummer 8 =r
3. Aeöruar 1921
== VII.. Jahrgang =
26. S ch eöat 5681
I) e v n it § fl e fl e b e n v o m
Gruppenverband, der Palästina-Zentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Deutschland.
Inhaltsübersicht.
1. An unsere Leser. — 2. Zum 35. Schewat. —
?». Registratur. — 4. Aus unserer Bewegung. —
5. Spendenliste. — 6. Inserate.
An unsere Leser!
Um unsere „Blätter" einem größeren Leser¬
kreis zugänglich zu machen, haben wir uns ent¬
schlossen, dieselben ab heute als „Jsraelitbeilage"
erscheinen zu lassen.
Diejenigen Mitglieder der deutschen Aguda-
gruppen, die nicht auf den „Israelit" abonniert
sind, bitten wir sofort ihre Adresse ihrer zustän¬
digen Orts-- bezw. Jugendgruppe aufzugeben.
Die Orts- bezw. Jugendgruppen belieben uns
schnellstens die Anzahl der N'chtabonnenten mit¬
zuteilen , damit der Versand der „Blätter"
keinerlei Störung erleidet. Ein Abonnements¬
preis für die „Blätter" wird nicht erhoben.
Für sämtliche in den „Blättern" veröffent¬
lichte Arbeiten trägt die Unterzeichnete Redaktion
die alleinige Verantwortung.
Alle Zuschriften (Aufsätze, Berichte, Abonne-
mentsbeftellnngen re.) sind an unser Bureau,
Frankfurt a. M., Röderbergweg 71 II.,
zu richten.
Die Redaktion:
Rabbiner Dr. P. Kohn.
S. Ehrmawn. I. Sänger.
Am iS. Schewat.
Am 15. Schewat ist nisS 1 « 1 ? n'T ist „Neujahr
der Bäume". Das jüdische Gesetz ladet uns stets
zum Merken auf die Gesetze und Gänge der Natur
und führt uns stets aus der Natur ins Menschen¬
leben hinüber, um uns zu zeigen, daß zwischen
Natur und Menschenleben innige Beziehungen
bestehen, da ja Natur und Menschenleben aus
des Einzigen Schöpferhand hervorgegangen. Aus
der Betrachtung der ewigen Naturgesetze lernen
wir vielleicht auch unsere Bestimmung begreifen,
denn in allem waltet ein Gesetz, ein Wille und
ein Plan. Die Natur ist einerseits eine fort¬
währende Mahnung an die Vergänglichkeit alles
Irdischen, aber zugleich führt sie uns auch beständig
das erfreuliche Bild der Verjüngung vor Augen.
Der schwarzen Nacht folgt die lächelnde Morgen¬
röte mit dem Hellen Tagesgestirne. Die reizenden
Frühlingsblumen verwelken, die grünen Aue ver¬
dorren, die Früchte des Sommers schüttelt der
Herbst, durch die entblätterten Bäume pfeift der
kalte Wind und über die verödeten Fluren legt
der eisige Winter das Leichenkleid. Aber nicht
für immer verharrt die Natur im Schlafe und
in der Erstarrung. Durch den milden Hauch des
Lenzes angeweht, wacht sie wieder auf aus ihrer
todesähnlichen Ruhe, öffnet die Augen, wirft ihr
Nachtgewand fort und beginnt mit neuer Lebens¬
lust und Emsigkeit in allen Werkstätten ihre
Arbeit. Ohne Rast ist sie tätig mit allen Kräften,
die während des langen scheinbaren Schlummers
zu neuem Wirken und Schaffen sich gesammelt
und gestärkt haben. „Blicke hin auf die Beispiele
der göttlichen Macht!" ermahnt ein alter Denker.
„Der Tag erstirbt in Nacht und wird begraben
in Finsternis. Die Schönheit der Welt ver¬
schwindet und jedes Dtng wird verdunkelt. Alles
entfärbt sich, versinkt in Schweigen und Erstarrung,
überall ist Trauer und tiefe Ruhe. So wird
das verlorene Licht beklagt. Und doch lebt es
unversehrt wieder auf mit seiner ganzen Herrlichkeit
und Wonne und tötet seinen Tod, die Nacht,
und sprengt sein Grab, die Finsternis, bis endlich
die Nacht wieder heraufzieht. Denn auch die
Sterne werden wieder angezündet, die von der
Morgenröte ausgelöscht waren- die abwesenden
Gestirne, die der Zeitenunterschied hinwegnahm,
werden ebenfalls zurückgeführt, und des Mondes
Spiegel, den der Monat -abgenutzt, wird neu
ergänzt. Winter und Sommer, Frühling und
Herbst mit ihren eigentümlichen Früchten und
Gaben kehren wieder- denn auch der Erde ist
von oben das Gesetz gegeben, die beraubten
Bäume neuerdings zu kleiden, die Blumen zu
färben, Keime und Kräuter hervorzubringen und
denselben Samen, den sie verzehrt, wieder dar-
zubteten und zwar nicht eher, als bis er auf¬
gezehrt ist". „Wunderbare Weisheit, die ent¬
wendet, um zu erhalten, wegnimmt um wieder-
zugeben, zerstört, um zu bewahren, verdirbt, um
zu erneuern, vermindert, um zu vermehren!
Reicher und schöner stellt sie her, was sie ver-
nichtet, macht in Wahrheit wieder gut mit Reich¬
tum den Raub, mit Zinsen das Unrecht, mit
Gewinn den Schaden. Ein für allemal sage ich:
Die ganze Schöpfung wird wiederhergestellt - was
immer du antriffst, es war schon, und was du
verloren hast, ist noch immer da. Alles kehrt in
seinen Stand zurück, nachdem es ihn verlassen
hatte, alles beginnt.wieder, nachdem es aufgehört,
es endigt, kurnit es werde. Nichts geht verloren
außer zum Heile. So ist der ganze Kreislauf
der Dinge ein Zeugnis von der Auferstehung
der Toten. Früher hat sie Gott durch seine
Werke als durch seine Worte ausgesprochen,
früher durch die Kräfte der Natur als durch die
Buchstaben der Schrift. Die Natur h rt er zur
Lehrerin dir vorausgesandt, damit du als ihr
Schüler der Offenbarung, die er Nachfolgen ließ,
leichter glaubst und sie sogleich annehmest, wenn
du hörst, was du bereits gesehen, und damit du
nicht zweifelst, daß Gott, den du als Wieder¬
hersteller aller Dinge kennst, auch des Leibes
Auserwecker sei."
Doch das „Neujahr der Bäume" lehrt uns
noch eine besondere Wahrbeit. Bei der Erschaffung
der Bäume trug fich noch dem Worte der Weisen
folgendes rätselhaftes Ereignis zu. Gott sprach
zur Erde, daß sie einen Fruchtbaum hervorbringe
no TO1V TS f> deffen Geschmack dem der Frucht
gleiche, sie hat aber einen Baum hervorgebracht,
TS TOU? yy dessen Geschmack von dem der Frucht
verschieden war, 1311? Dl« 77>PN3L?D ^TS*?
H31i? «T D3 NNPS3, darum als Adam verflucht
wurde, ward auch sie des Fluches teilhaftig."
Zwischen Natur und Menschheit sollte nach dem
weisen Schöpfungsplane Gottes vollständige
Harmonie herrschen. Ist doch die ganze Natur
nach einem Worte der Weisen nichts weiter als
das Kleid der Menschheit. Wie das Kleid sich
den jeweiligen Formen des Menschenkörpers an¬
bequemen muß, so sollte auch die Natur sich den
jeweiligen Gestaltungen des Menschheitskörpers
anpaffen. War also im ursprünglichen Plane der
Schöpfung der Gedanke vorherrschend, daß der
Mensch im Stande der Unschuld verharre, daß
er diesseits „von gut und böse" bleibe, daß er
kampflos das Gute übe, daß er gleichsam ein
TS TO 1 !? TS yv ein süßer Baum sei, der nur
üße Früchte hervorbringen könne, daß er ohne
ede Anstrengung, ohne jeglichen Kampf gut sei,
o sollte auch oie Natur süße Früchte hervor¬
bringen, die ihre Süßigkeit nicht .der besonderen
Pflege des Baumes, sondern seiner natürlichen
Süßigkeit verdanken sollen. Als aber Gott ge¬
sehen- daß der Mensch kraft der ihm von Gott
verliehenen Freiheit fallen, daß er die Kenntnis
des Bösen sich aneignen, daß er nicht mehr kampflos
das Gute üben wird, daß er ein bitterer Baum
werden wird, dem die süße Frucht nur durch
besondere Pflege durch unermüdliche Arbeit, durch
rastlose Tätigkeit und durch planmäßige Erziehung
abgewonnen werden kann, da ward zu seinem
Heile auch die Natur geschwächt. Auch sie sollte
fortan nur bittere Bäume hervorbringen, die
ihre süßen Früchte nur als Preis einer fort¬
währenden Pflege, einer rastlosen Arbeit und
unermüdlicher Sorgfalt geben soll. Die anstrengende
Tätigkeit zur Gewinnung seiner Nahrung, der
fortwährende Kampf ums Dasein sollten dem
Menschen den Kampf ums sittliche Dasein er¬
leichtern, sie sollten ein Ablenkungsmittel sein,
daß der Mensch nicht immer auf die verführerische
Stimme des nun einmal gekannten, aber nicht
erkannten Bösen höre, daß er nicht ständig den
Einflüsterungen der erwachten Sinnlichkeit aus¬
gesetzt sei, daß die Arbeit ihn vor fich selbst
schützen möge, daß er durch den Kampf für den
Kampf erstarke, daß der Reichtum der Natur,
dte Ueppigkeit und verschwenderische Fülle ihrer
Erzeugnisse, ihn nicht verweichliche.
Doch noch immer erwies sich die Natur als
zu üppig. Der Träger des Natur-Kleides
«O13 KM* «1 •?KTO*' nD3D vertrug dte Ueppigkeit
des ihm von Gott zugewtesenen Bodens nicht.
Es fand nicht genügende Ablenkung, es sank von
Stufe zu Stufe, unerhörte Frevel besudelten
den Stempel der Gottesnatur und die Gottes¬
erde ward eine Stätte der Sünde. Das Volk
mußte daher den üppigen Boden der Heimat
verlassen und das Land und der Boden wurden.
geschwächt. Das Land, das von Milch und
Honig überfloß, ward Einöde, ward steril. Die
Erde, die uns getragen, die so freigiebig mit
ihren Schätzen war, 'mußte die in Folge ihrer
Ueppigkeit ringetrettne Entartung ihrer Söhne
mitbüßen, sie ward nnfruchtbar, als sie ihre -
Kinder verloren. Auf diesen Zusammenhang
zwischen Erde und Menschheit wollen unsere
Weisen Hinweisen, wenn sie uns sagen: HD by
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TTin Warum ging auch die Erde zugrunde,,
warum ward auch der Boden der Httmat un¬
fruchtbar, als die Heimat von den Kindem ver¬
lassen werden mußte, das war die Frag?, die-
nur vom Schöpfer des Bodens und seiner Be--
wohner beantwortet werden konnte. Der Boden
ist nur Kleid der Menschheit und paßt sich der
jeweiligen Menschheit an. Innerlich freie Menschen
erhalten eine ihrer Freiheit angemessene segen¬
spendende Erde, Sklavenseelen einen dürren
Boden, damit sie dte Arbeit erlöse und innerlich
frei mache.
Der 15. Schewat, der Neujahrstag der Bäume,
lasse uns durch die Entstehungsgeschichte der Bäume
die Wahrheit erkennen, daß es nur an uns liegt
unseren Boden zu erlösen. Unser heiliges Land
ist steril, es kann die alte Kraft, dte alte Frucht¬
barkeit, die alte Fülle erst wieder gewinnen, wenn
wir uns für ste erlöst haben. pKH Er¬
lösung des Landes, Befreiung der Erde von dem,
auf ihr lastenden Fluche, erreichen wir am ehesten
auf dem Wege der Selbsterlösung. Haben wir
fern von der Heimat gelernt, durch das Unglück