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26. W a i 1821
Blätter
VII.. Jahrgang -
18. J j a r 5681
h e r a u s g e g e b e n o o m
Gruppenverband, der Palästina-Zentrale
und der Zugend-Grganisation. der Agudas Zisroel für Deutschland.
Audienz des Gerrer Redde deim
Oderkommiffar Herbert Samuel.
I erusal ent, 2. Mai.
$um gestrigen Bormittag, ll l /2 Uhr, war
der Gerrer Rebbe, und Rabbiner I. B.
5) 0 rovicz zur Privataudienz beim Oberkom¬
missar geladen. Herbert Samuel empfing die
Herren mit großer Freundlichkeit und gab ins¬
besondere seiner Freude über sein Zusammen¬
treffen mit dem Gerrer Rebbe Ausdruck, in
den: er einen der hervorragendsten Vertreter
des orthodoxen Judentums schätze und verehre.
Die orthodoxe Juden heit habe eine
besonders wichtige Aufgabe bei dem
Ausbau des Landes zu erfüllen und
er hoffe, daß die Orthodoxie sich
d i e s e r A u f g a b e nicht entziehen w e r d e.
Der Rebbe gab seinen Dank für den freund¬
lichen Empfang und feiner Freude darüber Aus¬
druck, daß es ihm vergönnt fei, den ersten jüdi¬
schen Noziw Erez Jsroels mit Augen zu schauen.
Er könne dem Oberkommissar versichern, daß
alle jüdischen Kreise ihm vollkommenes Ver¬
trauen entgegenbrächten. Er sei beauftragt, ihm
die Grüße und die Segenswünsche glicht nur
der Juden Polens, sondern auch der Lei¬
tung der Weltorganisation „Agudas
Jisroel" zu überbringen und ihm Glück und
langes Leben zu wünschen. Veranlassung zu
seiner Reise nach Erez Jisroel fei die mächtige
Sehnsucht aller Kreise der orthodoxen Juden
der Diaspora, sich in Erez Jisroel niederzu¬
lassen, um dort insbesondere auch den Handel
und die Industrie zu beleben. In diesem
Kreise gebe es Großindustrielle und bedeutende
Kaufleute, die seine Reisegefährten beauftragt
hätten, die Verhältnisse selbst zu studieren und
die Bedingungen festzustellen, unter denen ps
ihren Auftraggebern möglich sein werde, ihre ge¬
schäftlichen Pläne im heiligen Lande zur Aus¬
führung zu bringen. Ter Rebbe bitte den Ober¬
kommissar, diesen Geschäftskreisen alle möglichen
Erleichterungen zu gewähren.
Ter Oberkommissar ordnete sofort eine Rück¬
sprache der industriellen uno kaufmännischen
Teilnehmer der Delegation mit dem Chef der
H a n d e l s a b t e i l u n g der palästinensischen Re¬
gierung, Herrn Hasari an, der: er beauftragt^
der Delegation in jeder Weise entgegenzukommen.
Hierauf unterbreitete der Rebbe dem Oberkom¬
missar eine Reihe von Wünschen und Forde¬
rungen, deren Erfüllung die Orthodoxie der
Welt von der palästinensischen und englischen
Regierung erwarteten. Diese Forderungen er¬
streben insbesondere Gewährung voller
Gleichberechtigung an Agudas Jis¬
roel als bevollmächtigter Vertre¬
tung der orthodoxen Juden neben der
zion. Organisation. Diese Gleichberechtigung
müffe bei der Beratung d e r R e g i e r u n g s-
0 r g a n e sowie bei der I m m i g r a t i 0 n zunr
Ausdruck gelangen. Es dürfe ferner hie reli¬
giöse^ Gewissensfreiheit in Erez Jis¬
roel nicht beeinträchtigt und die Autonomie
der Gemeinden sowohl wie der Einzelnen
in religiösen Dingen nicht durch gesetz¬
geberische Zwangsmaßregeln unterbunden wer¬
den. Tie Orthodoxie verwerfe insbesondere jede
religiöse Zwangssteuer, wenn davon solche Ge¬
meinden oder Jndividien getroffen werden, die
i ans Gründen des Gewissens die Autorität der >
besteuernden religiösen Behörden nicht anzuer-
femteu imstande sind.
Ter Oberkommissar brachte den Darlegun-
geit großes Interesse entgegen und wies darauf
hin, daß er in grundlegenoen politischen Fragen
natürlich an die Auffassung der Lonooner In¬
stanzen gebunden sei. Er betonte, daß er ängst¬
lich bemüht sei, keiner Gruppe ein Unrecht zu¬
zufügen. Wenn die Orthodoxie ins Land komme,
so werde nicht nur niemand fhre Freiheit stören,
sondern man werde gewissenhaft auf die Wahrung
ihrer Rechte achten. Besonders weise,er darauf
hin, daß die ganze Entwicklung Erez Jisroe'ls
von guten Beziehungen zwischen Ärabern Md
Juden abhängig sei. Er bitte, daß die Dele¬
gation ihren Einfluß auf alle Einwanderer da¬
hin geltend mache, daß sie sich der Mehrheits¬
stellung der Araber bewußt sei und oatz es in
ihrem eigenen Interesse liege, die herzlichen Be¬
ziehungen zum Arabertum nach Möglichkeit zu
pflegen. Ter Rebbe erwiderte, daß der ortho¬
doxe Jude die Bedeutung dieser guten Bchie-
ungen zu den Arabern für die Zukunft des
Jischuw durchaus zu würdigen wisse.
Anr Schlüsse der Unterredung berichtete
Rabbiner Horovicz über Einzelheiten der von
orthodoxer Seite ins Auge gefaßten Pläne zur
Förderung des Jischuw. Tie Unterredung dau¬
erte 40 Minuten und schloß mit herzlichen Worten
des Abschiedes.
Misrachi aus
dem zionistischen Delegierte.stag.
In der vorigen Nummer des „Israelit" wurde
bereits über die wichtigsten Punkte, die auf
dem Telegiertentag der Deutschen Zionisten ver¬
handelt wurden, Näheres ausgeführt uno die
verschiedenen Anschauungen bezüglich einer Ver¬
ständigung mit den Nichtzionisten dargelegt.
Auf der einen Seite Blumenfeld, der den
radikalnationalen Standpunkt vertrat und es
für den Zionismus als eine Unmöglichkeit hin¬
stellte, daß er zur .Herbeiführung einer Ver¬
ständigung etwas von seinem Programm und
seinem Wesen aufgebe, auf der andern Seite
Margulies und Dr. Danzig er, deren
Ausführungen darin gipfelten, daß der Zionis¬
mus seine radikalen Forderungen zurückstellen
müsse, wenn er ernstlich eine Beteiligung des
gesamten, jedenfalls des ! größten Teils' des
jüdischen Volkes all der Wiederaufbauarbeit
Palästinas wolle. Wahrlich- es zeigt sich hierin
der politische Sinn dieser beiden Redner und
mit ihnen der Binjan Hoorez-Fraktion, daß sie
in diesem historischen Augenblick das Partei-
iilteresse znrücktreten lassen möchten gegenüber
den: allgemein jüdischen.
Es dürfte die Leser der „Blätter" inter¬
essieren, zu erfahren, welcheli Standpunkt der
Misrachi zu dieser Frage eingenommen hat.
Tenil jetzt, so darf lnan wohl mit Recht argu¬
mentieren, hätte der Misrachi Gelegenheit mtb
die Pflicht gehabt, im Rahmen der Diskussion
der Verständigung mit der organisierten Ortho¬
doxie das Wort zu reden, dies umsomehr, als
der Referent und die anderell Redner scheinbar
nur die Zentralvereinsrichtung int Auge gehabt
haben. Jetzt hätte der Misrachi eine eindrucks¬
volle Demonstration für eine Einigung mit uns,
natürlich nur in praktis^wirtschaftlichen Fragen,
> veranstalten können, ohne sich dabei vor seinen
zionistischell Gefinnungsgerwssen etwas zu ver¬
geben, - aber Demonstrationen liebt der
Misrachi, wie es scheint, irur gegen seine
orthodoxen Gesinnungsgenossen. In dieser Frage
hat er jedenfalls im großen Ganzen versagt.
Wohl haben einige Redner die Einberufung des
Weltkongresses verlangt, um auf diesem indi¬
rekten Wege die Heranziehung der Orthodoxie
zu ermöglichen, so faßte ich es wenigstens auf,
aber von beit sechs Rednern hat eigentlich nur
Katzen st ein in diesem Zusammenhänge der
Orthodoxie Erwähnung getan, dessen Ausfüh¬
rungen besonders wirkungsvoll waren, weil er
seine Forderungen eindringlich, ohne Verbeu¬
gung nach „links" vorzutragen wußte.
Ueberhaupt diese Verbeugungen nach links!
Ein Redner glaubte, nachdem er verschiedene
Vorkommnisse kritisiert hatte, die zionistische Ge¬
sinnung des Misrachi noch besonders hervor-
heben zu müssen, da sicher seine Ausführungen
von der „Rechten" (sic) ausgeschlachtet wüvden
und ein anderer betonte am Schlüsse seiner Aus¬
führungen ausdrücklich, daß Der Misrachi auf
feinen Kampf nach „Rechts" bestehe, aK ob
dies noch einer besonderen Erwähnung bedurft
hätte.
Verbeugung nach „links" - Polemik und
Kampf gegen „rechts", das ist eine Hauptparole
des Misrachi und so ist es denn auch keilt Mün¬
der, Daß bei der in-letzter Zeit geführten Preße¬
kampagne gegen die Agudas-Jisroel der Mis¬
rachi in vorderster Linie steht. Statt sich zu
freuen über die Mitarbeit der Agudas Jisroel
am Wiederaufbau Palästinas, glaubt er es seiner
zionistischen Gesinnung schuldig zu sein, wenn
er unsere Organisation in, gelinde gesagt, nicht
immer parlamentarischer Weise angreift. Statt
eine Genugtuung zu empfinden, daß die Ortho¬
doxie in der Jüdischen Agentur gemäß ihrer
Stellling im Judentum einen ihr gebührenden
Platz beansprucht, wodurch doch die gemeinsamen
Ideale gefördert werden könnten, macht sich der
Misrachi als gehorsamer Diener die Schlag¬
worte des offiziellen Zionismus zu eigen und
bekämpft in vielleicht noch heftigerer Weise den
,Anspruch der Orthodoxie. Und fürwahr, der
Misrachi hätte alle Ursache, sich die Unter¬
stützung der Orthodoxie zu sichern, denn nach
dem, was uno vor allent wie seine Redner
gerügt bezw. nicht gerügt haben, kann man un¬
gefähr seinen Einfluß in der Gesamtpartei er¬
messen.
Doch genug hiervon! Wenn dies alles er¬
wähnt wurde, so geschah es nicht, um nun einfach
gegen den. Misrachi zu polemisieren und ihm
eines „auszuwischen". Das jüdische Problem,
an dessen Lösung wir ja alle arbeiten, ist viel
zu ernst, als daß man die Zeit mit nutzloser,
unfruchtbarer Polemik auszufüllen berechtigt
wäre. Nicht nur die Gegensätze zu verschärfen,
sondern sie zu mildern, sind diese Zeilen ge¬
schrieben, denn wenn dies nicht meine Absicht
wäre, hätte ich die Beobachtungen, die ich auf
dem Telegiertentage zu machen Gelegenheit hatte,
noch in anderer Weise verwerten können.
Noch eins will ich erwähnen, um zu zeigen,
in welcher Weise unsere Gegner gegen die Aguda
Hetzen. Vielleicht sieht man auf der anderen
Seite doch allmählich ein, daß auf die Tauer
eine solche Polemik einfach unmöglich ist.
Anläßlich der Tagung des Zentralrates,