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23. Iu « i 1921
= VII.. Jahrgang =
17. S i w a n 5681
herausgegeben vom V
Gruppenverband, der Palästina-Aentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Deutschland.
Vas Hilsswerk der Krieg-waiserl-
fon-S für die Ukraine.
Vor Gottes Thron stand der Engel des
Todes. Er hatte das Haupt gesenkt und weinte.
„Herr der Welt", begann er, „in meine Hände
gabst Du die Seelen der Menschen, sie zu Dir
zu geleiten. Wenn immer Du mich riefest — ich
beugte mich Deinem Wort; wen Du erwähl¬
test — ich führte ihn vor Dein Angesicht, 'Sod)
nun", die Stimme des Engels zitterte, „ich bin
inüde geworden, Herr; die brechenden Augen der
Zehntausende, die von Mörderhand dahingerafft,
das Todesröcheln Deiner Kinder, die Aufschreie
der Gemarterten Deines Volkes —- sie Lähmen
meine Fittiche".
„Neige Dich erbarmungsvoll den Kindern Deines
Bundes; reiche ihnen Deine Hand, die heilige,
die liebevolle, die schützende und rette oen Rest
Deiner schutzlosen Herde."
Bon dem Thron der Ewigkeit kam ein
Le chte : xm mu, tönte Gottes Stimme,
.TD2p ! aber der Menschen Herzen will ich mit
großem Mitleid erfüllen, daß sie die Wunden
ihrer Brüder verbinden, ihre Schmerzen lindern,
ihre Herzen erquicken, daß sie der Kinder ge¬
denken mögen, der verlassenen, heimatlosen,
elternlose Binder: ]i3n 'D TOn
Und der Engel sank demutsvoll, sein Haupt
verhüllend, zur Erde nieder. -- -
* * *
Aufruf!
Von bem Boben 9er Uhraine. fchreif 9as Blut
unserer Brüber zu uns auf!
nach einem Jahr quälenber Ungewißheit bringt
9ie 5chrechenshun9e eines graufenvvllen würgens
unb Vernichfens zu uns. Blutstropfen, bie langsam
unb schauerlich burch bie Lanbe sichern, hünben von
einem JTiorben, vor bem alle Heimsuchungen bes
Mittelalters verblassen müssen. Das ganze Lanb ein
Leithenfelb — burthheuh von bem Toben entmenschter
Kriegerhorben, beren Meg über zerstörte Stabte unb
verbrannte Dörfer führt weit über hunberttausenb
Menschen sinb in biesem Blutbabe zugrunbe gegangen
Bunberttaufenbe ihrer ganzen Babe beraubt unb aus
ihrer Beimat vertrieben: alles Leid aber wirb von
meinenben KinberMmmen übertönt, benn Hunbert-
tausenbe von Waisen fristen heimatlos unb ohne An¬
nehmer in vernichteten Dörfern unb oben wälbern
ein unglückseliges Dasein, bas sie unfehlbar bem
Untergang entgegenführt.
wer möchte es wagen noch länger tatenlos zu
weinen ob eines Unglücks, wie es nur je Propheten-
munb wehklagenb vorausgesagt. Mitschulbig würben
wir an bem völligen Untergang eines einft blühenden
Volkes, ermannten mir uns nicht in letzter Stunbe
zu machtvoller Lat.
So helfet, rettet, Brüber. Schwestern!
Spenbet ben Opfern ber Ukraine! neiget euch
liebevoll zu ben verlassenen, hungernben. welkenben
Kinbern — ben Boffnungen gemorberter eitern!
erhebt euch |u einem Werk ber Hilfe, roürbig
ber Bröße biefes furchtbarsten Menschenleibes!
Die Bruberlisbe. biefe heilige klamme, bie in
ber leibvollen Beschichte bes Jubentums noch nimmer
erloschen, lasset sie auch ben Juben ber Ukraine
leuchten!
ßalberflabt im Juni 1921.
Kriessmaifenfonfls der
Agudas 3isroel.
flell. Spenöen beliebe man öer Direhfion öer
Dishonto-öefellfdiaff, Berlin, für Kriegsmalfen-
fonö (Uhraine-ßilfe) Poflfchechfoonto 1250 ?u
überfragen.
Mit diesen Worten hat der Kriegswaisen¬
fonds der Agudas Zisroel die jüdische Welt zu
einem Hilfswerk für die Opfer der Ukraine und
besonders für die Waisen der Ukraine aufgerufen.
Er harret des Widerhalls.
Nicht nützet die Klage ohne Tat, nicht die
Träne, ohne daß aus ihr die Blüte edelster Men¬
schenliebe und Hilfsbereitschaft emporsprießt; zu
lange schon währt das Unglück und verbietet
jede wertere Stunde müßigen Harrens.
Wie aber das Leid unserer Brüder ein unbe¬
schreibliches, ein tausendfaches ist, so muß auch
unsere Hilfe eine vielfach gesteigerte sein. Nicht
nur Geldspenden müssen wir guf dem Altar
unseres Volkes niederlegen — unsere Häuser
müssen wir den unglücklichen Kindern öffnen,
müssen versuchen, ihnen ein Stückchen Heimat
wiederzugeben, müssen die kleinen, erstarrten Her¬
zen mit Leben und Liebe erfüllen. Und fver
diese höchste Liebestat nicht zu erfüllen im
Stande — oder wessen Hand vielleicht nicht aus¬
reicht, sein Opfer allein zu bringen —- er ver¬
einige sich mit Gleichgesinnten und spende mit
ihnen um ein kostbares, an Leib und Seele aufs
schwerste gefährdeten Menschenleben dem drohen¬
den Verderben zu entreißen. *
Freunde, Brüder! Durch Agudas Zisroel
ruft die Judenheit der Ukraine Euch um Hilfe.
Hört ihre Stimme!
öur Lage.
Pforte auf Pforte verschließt sich dem Golus-
wandervolk. Hoffnung auf Hoffnung zerschellt
jäh. Aus immer neuen Wunden blutet unser
Volk.
Herr Harding, Amerikas neuer Prä¬
sident, hat seinen Namen unter die Ein-
w a n d e r u n g s b i l l gesetzt und laut ächzend
schlossen sich die Türen Amerikas.
Am Geburtstage seines Königs, am 3. Juni,
hat Herbert Samuel, jener Mann, zu dem
seit Jahresfrist das jüdische Volk in seltener
Verehrung aufschaut, auf Anordnung seiner Re¬
gierung in London die Pforten Erez Jis-
r o e l s seinem Volke g e s ch l o s s e n.
Durch die Nächte tönt der Schrei jener Ver¬
zweifelten in Warschau und Wilna, in der Ukraine
und Galizien ob dieser beiden neuen, das Blut
in Stockung bringender Nachrichten.
Wißt ihr Juden, insbesondere ihr, die ihr
euch um das Banner der Thora schart, fvas diese
Kunden bedeuten, was diese für euch bedeuten?
Sie bedeuten: Aufforderung zum Klallbewußtsein
und zu dementsprechendem Handeln. Handeln au
euch selber, handeln für eure Brüder
Ihr, die ihr organisiert seid in Agudas
Jisroet, rafft euch auf, lasst et die stumpfe Gleich-
güttigkett, handelt, denn euer Volk liegt im Ver¬
bluten. Handelt zunächst an euch!
Ortsgruppen! Jetzt ist es Pflicht jedes
einzelnen, eurer Mitglieder aufzuklären über
die grauenerregende Lage unseres Volkes,
jedes Mitglied innerlich bereit zu machen,
damit es willig sich mit dem Ausmaß
seiner materiellen und ideellen Kräfte in
den Dienst des Volkes stellt. Denn nur dann,
wenn jetzt jeder Einzelne sich seiner Pflicht bewußt
wird, dann kann es mit 2''pn tlfe gelingen,
das drohende Unheil abzuwenden.
-i- -i- *
Im Laufe dieses sommers werden wohl
die deutschen Ortsgruppen zu einem Delegierten¬
tage zusammentreten. Vornehmste Aufgabe des
Deleglertentages wird es sein: Wege zu fveisen,
um jedes Mitglied zum Agudisten zu erziehen,
Mittel zu finden, um die Not unseres Volkes,
insbesondere im Osten, zu lindern. Diese beiden
Aufgaben können aber nur dann gelöst .werden,
wenn die Leitung des Gruppenverbandes die ein¬
zelnen Gruppen in die Lage versetzt, sich bereits
jetzt auf die kommende Tagung einzustellen, um
zunächst im engen Kreise die Probleme und
Lösungsversuche zu besprechen, denn nicht erst
auf der Zusammenkunft, sondern bereits vor¬
her, muß darüber Klarheit herrschen, damit die
Tagung die würdige Antwort auf die Wiener
Umgestaltung der Organisation und die übrigen
dort gefaßten Beschlüsse darstelle. Es gilt jeber
Ortsgruppe das Verantwortlichkeitsbefvußtsein
dafür zu geben, daß sie mit Teil habe an dem
Schicksal von Klal Jsroel. I. S. *
Der Nries -es Gerrer Rebbe
über feine Erez Moel Reise.
II.
Meine Freude fvurde durch die betrübenden
Nachrichten aus Jaffa gestört; möge ihres
Blutes gedenken, wie es heißt ’ , np3l; fcntc
durch dieUnglücksbotschaft vom Hinscheiden des Rai -
biners Moscheh Eliah Halpern n"r, ücher wird
man sich um die Versorgung seiner Witwe und
seiner Nachkonunen bemühen. —
Außer in Chebron bin ich in den übrigen
Städten und Niederlassungen nicht gewesen; denn
das erste Mal, da ich im heiligen Lande war,
wollte ich nicht länger wie 4 Wochen bleiben,
damit dies .nicht den Charakter der Ständig-
keit annehme, wie die sagen, daß alles,
fvas mehr als 30 Tage dauert, als etwas
Ständiges bezeichnet wird. Von Chebron kehrte
ich schmerzerfüllt zurück, renn mein Herz brach
vor L-cham, als ich sah, wie wir am Ort der
Höhle Machpelah nur einige Stufen' der Treppe
gehen können, weiter lassen die arabischen Auf¬
seher uns Juden nicht hineingehen. In Chebron
ersuchten der Rabbiner und die wenigen nach
den Kriegsjahren noch dortgebliebeuen From-
Ab 24. Juni sind alle Zuschriften
betreffend Redaktion und Expedition der
- „Blätter" an Herrn Dr. S. Ehrmann,
! Frankfurt a. M., Hananerlandstrasze 15,
! zu richten.