Seite
= Dummer 23 =
18. August 1921
Blätter
= VH.. Jahrgang =
14. A v 5681
herausgegeben vom
Gruppenverband, der Palästina-Zentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Deutschland.
Zum Delegiertentag des Gruppen-
verdandes der Agudas Jisroel.
ri Nur wenige Tage noch und in Frankfurt
r ;a. M., werden sich die Delegierten der oeutjchen
Ortsgruppen zusammenfinden; von frohen Hofs-
nungen 'getragen und von zuversichtlichen Wün¬
schen erfüllt, werden sie die Stadt betreten, deren
Boden durch den heiligen Staub von Geschlech¬
tern hingebungsvollster Frömmigkeit geweiht ist,
geweiht aufs neue durch den Sendboten des
Gotteswortes, dessen Weckruf vor einem halben !
Jahrhundert von dort aus mit hinreißender Ge¬
walt in die jüdischen Volkskreise gedrungen ist.
Hier, wo die Traditionen einer tausendjährigen
Vergangenheit unvergessen sind, und die Gegen¬
wart ihnen treu geblieben ist, wo alt und jung
von bewährten Führern geleitet, diese Treue
in vorbildlicher Opferfreudigkeit betätigt — hier
wird der Delegiertentag der Agudas Jisroel
eine würdige Stätte finden.
Mit den Empfindungen herzlicher Gast¬
freundschaft wird die Frankfurter Ortsgruppe
die Teilnehmer des ersten Kongresses in ihrer
Mitte willkommen heißen, und die Gefühle brü¬
derlicher Eintracht werden die Herzen Aller in
gegenseitigem Verstehen zusammenführen. Ist
doch in Wahrheit der Geist, welcher sich in
Agudas Jisroel offenbart ist nichts anderes als
eine Blüte jenes Wirkens, ohne welches auch die
Frankfurter mVTP als die weithin leuchtende Me¬
tropole jüdischen Lebens in Deutschland nicht
denkbar wäre. Samson Raphael Hirsch 21 war
es, der im Tischri des Jahres 5646 zum ersten
Mal einen Apell an die gesetzestreue Judenheit
richtete zur Organisierung und zwar keineswegs
etwa bloß der in Deutschland wohnenden Juden
— auf Grundlage der min. Der Aufruf, den
damals Rabbiner Hirsch veröffentlichte, bie¬
tet für unsere Gegenwart so viel des Interessan¬
ten, daß wir ihn in extenso folgen lassen:
„Der Geist der Association nron, t>er
freien Vereinigung Gleichgesinnter für gemein¬
same Interessen, der in der Gegenwart überall
so bedeutsam hervortritt, war und ist in jüdischen
Kreisen, insbesondere für Zwecke der geistigen und
sittlichen Bildung und der wohltuenden Men¬
schenliebe seit unvordenklichen Zeiten lebendig
wirksam. 'Die über den weiten Erdenrund ver¬
breiteten jüdischen Lehr- und Wohltätigkeits-Ver¬
eine, auf welche unsere Gegenwart mit befrie¬
digender Genugtuung hinzublicken berechtigt ist,
sind nichts als die Erbschaft einer großen Ver¬
gangenheit, deren trübste Zeiten eben dem Geiste
solcher nrnn, dem Geiste solcher freien Ver¬
einigungen die Gelegenheit boten, seine für eine
heiter glückliche Lösung aller Geschicks- und
Pflichtaufgaben aufrecht haltende, kräftigende und
begeisternde Macht glänzend zu bewähren. Ja,
eine solche Bedeutung erkannte das jüdische Alter¬
tum für die Lösung unserer großen heiligen Auf¬
gabe diesem Geiste freier Vereinigungen zu, daß
wir in ihm eine alle Schichten unseres Volkes
durchbrechende freie Vereinigung, nin'^n, in
höchst bedeutsamer Wirksamkeit verbreitet fin¬
den, die nicht sowohl in einer zusammenwirken¬
den Vereinstätigkeit, als vielmehr in einer zu¬
sammenstimmenden Gelobung einer zunächst von
Jedem im eigenen Leben zu betätigenden höheren
Gewissenhaftigkeit sich kennzeichnete. Dieser freie
Verein für höhere jüdische Gewissenhaftigkeit,
der ein durchaus offener, öffentlicher, unge¬
schlossener war, dessen Mitglieder durch den
Namen Genosse, schlechtweg bezeichnet waren,
in welchen Jedem mit Ablegung des Vereins¬
gelübdes der Eintritt offen stand, der bereits
durch bisherigen Wandel den Charakter der Zu¬
verlässigkeit bewährt hatte, diese älteste jüdische
Association, diese uralte mn-Jnstitution war der
wirksamste Faktor für die Erhaltung der reli-
Delegiertentag
des Gruppenverbandes der
Agudas Jisroel in Deutschland.
Montag, den 18. Aw 5181 (22. August
1921) 9 Jlhr vormittags Arankfnrt-Lsge,
tzschersheimer Landstraße 22, Jrankfurl a. M.
Genaue Tagesordnung:
1. Eröffnung durch den Worsthenden.
2. Mrs-Wahl.
3. Aerichte:
a) des Jentratrates. Referenten: die
Kerren Rabbiner Ar. Winchas Kahn
und Jacob Hlosensteiw,
b) des Weröandsvorstandes. Referenten:
die Kerren Rabbiner Ar- Jsaac
Auerbach und Gottfried Gotdfchmidt,
o) der Watästinazeutrate. Referent: Kerr
Ar- Siegfried Gppenheirn,
ck) der Jugendorganisation. Referent :
Kerr Leo Munk,
o) des Ariegswaisenfonds. Referent:
Kerr Kerman Schwab,
4. Assgemeine Anssprache über die Berichte.
5. Aufgaben der Hrtsgruppen an Kand
des Frankfurter Rrogramrns. Referat
und Aussprache. Referent: Kerr Rechts¬
anwalt Ar. Jsaac Ureuer.
6. Arbeitsteilung innerhalb Deutschlands.
Referat und Aussprache. Referent:
Kerr Ar. Katomon Khrmann.
7. Straffere Hrganisatiou der Hrtsgrnppen.
Referat nnd Anssprachen. ^ Referent:
Kerr Ar. Segaü.
8. Wahl des Worortes und desMeröands-
vorstandes.
Wünsche betreffend Quartier sind au die
Agudas Jjsroel-Jugendgruptze Frankfurt- a. M.,
Hanauer Landstraße 17, zu richten.
Dortselbst sind auch Gastkarten a 5 Mk.
erhältlich.
Versammlung der Vertrauensmänner der
Palästina-Zentrale.
Sonntag, den 21. August, 10 Uhr vorm.,
findet in den Räumen der Agudas Jisroel-Ju-
gendgruppe Frankfurt a. M., eine Zusammenkunft
der Vertrauensmänner der Palästinazeutrale der
Agudas Jisroel statt.
giösen Gesetzeskunde und der religiösen Gesetz¬
lichkeit.
Ein solcher Hinblick auf die von je im
jüdischen Kreise mit großartigem Erfolge vor¬
handen gewesene Wirksamkeit freier Vereini¬
gungen für geistige und sittliche Bildungs- und
Wohltätigkeitszwecke, wie überhaupt für die Ver¬
wirklichung der großen Aufgabe des Judentums,
hat die Erwägung nahe gelegt, ob nicht für die
nach der besonderen Zeitlage der Gegenwart sich
eigenartig gestaltenden Bedürfnisse und Auf¬
gaben des gesetzlichen, unter dem Namen „ortho¬
dox" begriffenen Judentums eine wünschenswerte
Erhaltung und Förderung auf dem Wege einer
freien Vereinigung aller den Grundsätzen des
alten überlieferten gesetzestreuen Judentums un¬
verbrüchlich anhängenden, und in dieser Gemein¬
samkeit der Ueberzeugungen sich als Genossen
fühlenden jüdischen Brüder zu erreichen, min¬
destens mit vollster Hingebung anzustreben wäre.
Eine solche auf dem Standpunkt des ortho¬
doxen Judentums stehende und dessen Inter¬
essen vertretende allgemeine Bereinigung ist in
der Gegenwart nicht vorhanden, und aufrich¬
tige Bekenner und Freunde des orthodoxen Ju¬
dentums finden bis jetzt keine gemeinsame Ver¬
tretung ihrer Ueberzeugungen und kein gemein¬
sames Anstreben alles dessen, was sie für die
Verwirklichung eines gewissenhaften Pflicht¬
lebens in Erkenntnis und Erfüllung in der
Gegenwart schmerzlich vermissen. Und doch gibt
es eine ganze Reihe für die Interessen des ortho¬
doxen Judentums wichtiger Anliegen, deren ge¬
nügende Verwirklichung in der Gegenwart nur
im Vereine möglichst vieler Gesinnungsgenossen
angestrebt werden könnte.
Wir heben aus der großen Mannigfaltigkeit
derselben einige hervor, die nach der gegenwär¬
tigen Zeitlage ein vereinigtes Zusammenwirken
gleichgesinnter Genossen besonders wünschenswert
erscheinen lassen dürften:
Pflege echtjüdischer, Hand in
Hand m i t e ch t e r a l l g e m e i n e r B i l d u u g
durch Lehre und Erziehung: Stiftung
und Unterstützung jüdisch-orthodoxer Lehranstal¬
ten, Schule , TVQ'W «TPö im sowie^ Un¬
terstützung hilfsbedürftiger Lehrer derselben.
Stipendien für orthodox-jüdische Jünglinge zum
Besuche dieser Anstalten. Orthodoxe Pensionen
und Waisenhäuser. Wanderlehrer und -Prediger
für lehrbedürftige kleine Gemeinden. Förderung
der Herausgabe und Verbreitung orthodox-jü¬
discher Schriften.
F ö r d e r u n g jüdisch - orthodoxen
Pflichtlebens und Beseitigung ent¬
gegen stehend er Hindernisse: Errich¬
tung und Unterhaltung guter orthodoxer Hotels
und Speisewirtschaften in Bädern, Kurorten und
sonstigen Orten großer jüdischer Frequenz. Zu¬
verlässige Auskunftsmittel für orthodoxe ge¬
wissenhafte Reisende. Unterstützung von
und nirro in unbemittelten Gemeinden und für-
vereinzelt Wohnende. Unterbringung junger
Leute in orthodox-jüdischen Geschäften uno Un¬
terstützung Stellenloser bis zu solcher Unter¬
kunft. Vertretung der Anliegen jüdischen Pflicht¬
lebens bei den Behörden, für Schüler, Soloaten,
Gefangene.
F ö r d e r u n g einer heilbringenden
Gestaltung und Entwickelung jü¬
dischen religiösen Gemeindelebens
durch Verbreitung richtiger Kenntnisse von den
unveräußerlichen Grundrechten jüdischer Reli-
gionsgemeinden wie von den Rechten uno Pflich¬
ten der Vorstände und Glieder.
Begegnung von V e r d ä ch t i g u n g e u
u n d Entstellungen des orthodoxen