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Blätter
1. September 192t
Seite 2 Nr. 34 _.
stern im Osterl dasselbe Privileg hatte wie wir, und
daß auch dort scheinbar innerhalb der Orthodoxie, in--
nerhalb des thoratreuen Judentums, oft sehr energische
und sehr ernste Differenzierungen vorhanden und.
Und diese Differenzierungen auf eine gemeinsanre
Linie des Wollens und des Erkennens der Ausgaben
des Tages und der nächsten weiteren Zukunft geeinigt
zu haben und geeinigt zu sehen, das ist auf ideellem
(Gebiet eine enorme Leistung. Dazu hat uneudlicb
viel, mit mal das Wort zu sprechen, Agndismus gehört,
und er war und ist vorhanden; nicht in Verschwvmme-
nem Wollen von der Einheit des Judentums, sondern
im klaren Erkennen, von der Einheit des Tborawit-
lens und Thoralebens getragen, haben unsere Gesin¬
nungsgenossen im Osten sich dem Willen der Agudas-
Jisroel erschlossen, und nachdem einmal diese Erschlie¬
ßung vollzogene Tatsache war, auch ihn ergriffen.
Das ist ungefähr das Gesamtbild der Organisations¬
entsaltung der Agudas-Jisrvel im Osten. Fragen Die
mich, was man dort im Osten unter Agudas-Jisroel
versteht, so kann ich Ihnen sagen, daß Agudas-Jisroel
im Osten nichts anderes, nichts mehr und nichts
weniger ist als eine Wiederausbau-Arbeit Doch meine
sehr verehrten Herren, im Osten, der bei Passau oder
Salzburg beginnt, ist die Autorität in ganz andererWeise
Verbreiter als bei uns. Dort stand man vor Trümmern,
zwar noch ganz respektablen Trümmern, aber der
Boden drohte einzustürzen. Dort erkennt nran in
Agudas-Jisroel den einzigen Weg, nm das, was
irreligiöse Elemente niedergerissen haben, dem Wieder¬
aufbau zuzuführen. Es ist ganz klar, daß damit
zunächst einmal rein lokaler Boden gewonnen
werden muß, umsomehr ist es anzuerkennen, daß man
auch dort das Bestreben erkennt und würdigt, dem
Ganzen sich ständig anzuschließen, ein wertvolles und
Werte schaffendes Mitglied des Klall Jisroel zu sein.
Und nun lassen Sie mich der Reihenfolge nach
von den Ländern des Ostens berichten:.
Wien: Es freut mich, hier feststellen zu kön¬
nen, daß in Wien die Agudas-Jisroel eine lokale
Notwendigkeit nicht ist. Es gibt in Wien Faktoren
die imstande wären, die sich der Orthodoxie bietenden
lokalen Ausgaben selbständig zu lösen. Und es ist etwas
Wunderbares, daß diese Kräfte sich in der Agudas-
Jisroel vereinigt haben, und daß es der Agudas-Jis¬
roel gelungen ist, auch hier eine Art Synthese zu schas¬
sen. Wien ist der Ort, der nach Maßgabe seiner
Valuta unendlich viel für Klall Jisroel geleistet hat
Unendlich viel — das Wort mutz gesagt werden —
wenn Sie denken, daß fast die ganze Propagierung
des Ostens von Wien aus finanziell getragen wird.
Wien ist auch der Ort, in dem die Jugend sich organi¬
satorisch wunderbar zusammengeschlossen hat, eine wun¬
derbare Selbstdisziplin übt und trotzdem den höchsten
Stolz darin sieht, ein ständiges Glied der lokalen Orts¬
organisation zu sein. Man hat in Wien nicht den
Ehrgeiz der Jugend, durch allzuviel Selbständigkeit
sich bemerkbar zu machen. Es freut mich, hier feststel¬
len zu können, daß, trotzdem beschlossen wurde, den
Zentralrat zur Hälfte in Wien und zur Hälfte in
Deutschland zu stationieren, sich trotzdem ein sehr
freundschaftliches und ernstes Zusammenarbeiten her¬
auszubilden begonnen hat und sich die Befürchtungen
bierwegen nicht erfüllt haben.
Nun zur Aguda-Tätigkeit in der Tschecho-
Slovakei. Die Agudas-Jisroel war dort deshalb
so schwer einzusühren, weil die Tschecho-Slowakei schon
eine lokale Organisation hat und in jüdisch-politischer
Beziehung, namentlich in der Vertretung der all¬
gemeinen jüdischen Interessen sich außerordentlich be¬
währt hat. Es schien deshalb, als ob in der Tschecho-
Slovakei für Agudas-Jisroel kein Platz wäre. Daß
sich die Tschecho-Slovakei uns doch so mit vollem
Herzen erschlossen hat, das liegt an zwei Momenten.
Erstens, weil man in Agudas-Jisroel, wie vorhin schon
erwähnt, die einzige Möglichkeit sah und sieht, die Ju¬
gend zu lebendigem Schaffen in der jüdischen Welt
heranzuziehen, und zweitens weil es nicht vergeblich
war, als man zur Tschecho-Slovakei sagte, wir wollen
nicht untersuchen, ob die Tschecho-Slovakei eine Agu-
das--Jisroel braucht, aber die Agudas-Jisroel braucht
die Tschecho-Slovakei.
In der Tschecho-Slovakei gibt es einen Teil, der
auch politisch autonom ist, die sog. Ost-Slovakei. Die¬
ser Teil ist jetzt in Entwicklung begriffen inbezug auf
Agudas-Jisroel. Ich hoffe, daß demnächst, noch vor
Roschhaschonoh, auch dieser Teil sich der Agudas-
Jisroel angeschlossen hat.
Seien Sie nicht bestürzt, wenn Sie demnächst
lesen werden, daß auch in Mähren sich eine Organi¬
sation gebildet hat, die sich zunächst noch nicht Agudas-
Jisroel nennt. Daß die Motive dafür in der Entwick¬
lung liegen, in der vorläufigen Unmöglichkeit, die
ganze Tschecho-Slovakei zu einem Gesamtgebilde zu
vereinigen, das hat seine Gründe nicht in jüdischen
Fragen, sondern allgemeinen politischen Momenten.
Es war außerordentlich schwer, in T r a n s s i l v a -
nien Erfolge zu erzielen, denn dort war es infolge der
politischen Verhältnisse fast unmöglich zu arbeiten, wo
man der Organisation zum mindesten nicht wohl will.
Es ist vielleicht der größte Erfolg unserer propagan¬
distischen Tätigkeit in Transsilvanien, daß es gelungen
jß, erst freie Bahn zu schaffen für weitere Tätigkeit der
Agudas-Jisroel. Außerordentlich viel für uns oat der
Lberrabb. Fuchs geleistet. Er hat für die Agudas-Jis¬
roel die Arbeit ausgenommen zu einer Zeit, in der
er politisch ganz allein stand, und der größte Er¬
folg unserer propagandistischen Tätigkeit ist, daß wir
seit gestern ein eigenes Organ in ungarischer Sprache
für Agudas-Jisroel in Transsilvanien erscheinen las¬
sen können. Wenn Sie wissen, was Klansenburg
bis vor kurzem gegen Agudas-Jisroel bedeutet hat,
so werden Sie die Bedeutung dieser Tatsachen ermes¬
sen. Es wird demnächst eine Versammlung der rali-
binischen Führer von Transsilvanien zustande kom¬
men, um auch dort ein einheitliches Votum für die
Bestrebungen der Agudas-Jisrvel zu erzielen. Ferner
hat die jüngste Versammlung der ungarischen Lan¬
deskanzlei sich klar für Agudas-Jisroel ausgespro---
chen und hat nur den formellen Beschluß über den Bei¬
tritt zur Agudas-Jisroel noch nicht erlassen, dieser Be¬
schluß ist aber vielleicht Suckoth zu erwarten.
Damit, und wenn ich Ihnen noch sage, daß loir
auch Fühler nach Jugoslawen ausgestreckt haben, ist
wohl das Gebiet der Suceesfionsstaaten Oesterreichs
erschöpft. Sie können sich vorstellen, daß bei all den
Paßschwierigkeiten und Rücksichtsnahmen, die not¬
wendig sind, gerade die agitatorische Arbeit in den
Suecessionsstaaten außerordentlich schwierig ist, und
ich halte es für eine Leistung, daß seit Zusammen¬
setzung des Zentralrates, diese Arbeit geleistet wor¬
den ist und werden konnte. Darin unterscheiden loir
uns von anderen Organisationen, daß wir es für
unsere Pflicht halten, bei jeder Propagandarede und
bei jeder privaten Unterredung in unserem Bureau
deu Leuten klipp und klar die Grenze unseres Kön¬
nens mitzuteilen, die Grenze auf finanziellem Gebiet
und, meine sehr verehrten Herren, die Grenze auf dem
Gebiete der Kompromisse. Ich glaube, in dieser ge¬
wissenhaften Klarheit liegt das' Geheimnis unserer
Kraft und liegt das Geheimnis unserer Erfolge. Wir
haben es auch für unsere Pflicht gehalten, diejenigen
Teile von Polen, die erst durch den Vertrag von Ver¬
sailles zu Polen gekommen sind, ernsthaft in Arbeit
zu nehmen. Auch hier sind sehr schwierige außen¬
politische Fragen in Erwägung zu ziehen, Es ist
noch nicht gelungen, die drei Teile, die das jetzige
polnische Reich bilden — den Teil der ursprünglich
zu Rußland, zu Deutschland und zu Oesterreich ge¬
hörte, agudistisch zu einem Ganzen zu vereinigen.
Im Gegenteil, es ist festzustellen, daß hier ein ziem¬
lich trennendes Bestreben vorhanden ist, und wir be¬
trachten es als Aufgabe des Zentralrats, hier einigend
zu wirken. Auch das sind Dinge, die außerordentlich
vorsichtig erfaßt werden müssen. Und meine sehr ver¬
ehrten Herren, hier eine Bitte an den Deutschen
Gruppenverband. Ich möchte Zeugnis 5afür ablegen,
daß unsere Gesinnungsgenorssen in Polen bei der
entsetzlichen Valuta außerordentlich viel leisten. Es
läßt sich das ziffernmäßig nicht feststellen, aber wir
in Wien wissen, daß außerordentlich viel geleistet wird.
Tie Herren sagten mir klipp und kar? es ist eben
von uns allein nicht zu leisten. Eine Bitte an den
Gruppenverband. Sie haben so viel für den Osten
getan und Wien hat Ihnen in jüngster Zeit viel
abgenommen, stellen Sie mir einen größeren Beitrag
für Galizien zur Verfügung. Wir haben in Wien sehr
viel geleistet auch nach dieser Richtung. Wenn ich
Ihnen nun noch erzähle, daß wir eine sehr erfolgreiche,
zielbewußte und politisch gesunde Agudoh in Riga
hoben und dabei besonders dankerfüllt erwähne des
•fc 'irn Ove mbb § ack von so gab-' ich I nen e n
Bild gemacht, was propagandistisch und organisato¬
risch in den jüngsten Monaten geleistet worden ist.
Was uns an Aufgaben bevorsteht, das ist der Versuch,
auch diejenigen Kreise zu erfassen, die man allgemein
die sephardischen nennt, an die wir bisher aus man¬
cherlei Gründen nicht herantreten konnten.
Und meine sehr verehrten Herren, es ist Herrn
Wolf Pnppenheim-Wien in bescheidenem Maße ge¬
lungen, in Erez Jisroel der Agudoh wieder eine
Heimstätte zu verschaffen. Ich betone auch hier mit
der gewissenhaften Pflicht der Klarheit, in sehr beschei¬
denem Umfange. Ich halte aber diese Bescheiden¬
heit für den Gegenstand unseres Stolzes, denn gerade
dort wäre es ein doppeltes Verbrechen, Hoffnungen zu
erwecken, deren Erfüllung man nicht mit Klarheit
wenigstens vor seinem eigenen Auge sieht. Soweit
wir von Wien aus die Agudas-Jisroel-Tätigkeit für
Erez-Jisroel führen konnten, soweit wir vor all"n
Dingen für Agudas-Jisroel auf diesem Gebiet dasselbe
Recht erstreiten konnten, wie es andere Organisa¬
tionen besitzen, haben wir das unserige geleistet, sei
es für Propaganda, sei es für Organisation. Eines
war uns gemeinsam stets bewußt, eines hat uns
stets vor Augen geschwebt, daß wir jedem, der fragt.
Klarheit geben, und jedem, der Klarheit haben will,
sie bei uns ftnbct uns finden muß. (Lebh. Beiwll)
(Fortsetzung folgt.)
Die Aguda ln Rumänien.
K i s ch i n e lv. Am 22. Juli trafen die Her¬
ren Wolf Pappenheim und Dr. Joel Pollak in
Kischinew ein. Am Bahnhofe tuurbe die Dele¬
gation von einer Deputation der Gemeinde unter
Führung des Rabbiners Moses Hinsporg itrtb
R. Zadok Rosenfeld empfangen. Am Freitag be¬
suchte die Delegation 2e. Ehrwürden Herrn
Oberrabbiner Zirelsohn. Unsere Leser kennen
bereits in Rabbiner Zirelsohn den großen Tal
mid Chacham, dessen Responsenwerk,,Gewnl Je-
huda" eben in zweiter Auflage erscheint, und
den großen Vorkämpfer für die Interessen des
Judentums und besonders für das Wohl der
verfolgten Juden. Hier Thoralehrer, hier
Staatsmann, da Pädagog und Philantrop. Die
Aufnahme der Delegation war eine überaus
herzliche; besonders hat die außerordentliche Hin¬
gabe und keine Mühe und Opfer scheuende Tä¬
tigkeit des greisen Führers der Aguda R. Wolf
Pappenheim große Bewunderung hervor¬
gerufen. Rabbi Zirelsohn, der einen vornehmen,
aber entschlossenen Kampf um die Erhaltung des
wahren Judentums führt, begrüßte^ in den
Gästen eine willkommene Verstärkung seiner Be¬
mühungen gegen die Anfeindungen des traditio¬
nellen Judentums. Am Sabbath besuchte die
Delegation die verschiedenen Bote knessiot, wo sie
Gegenstand der freundschaftlichsten Ehrenbezeu¬
gungen waren, besonders unter den zahlreichen
Anhängern des Czortkower Großrabbiners,
dessen warmes Schreiben zugunsten der Aguda im
„Jud" gerade damals bekannt geworden war.
Montags trafen schon Delegationen aus den um¬
gebenden Gemeinden zur Begrüßung der Aguda-
Delegation ein. Es fand eine Besprechung mit
dem Präsidium des Central-Relief-Komitee be¬
treffs Uebernahme der Waisenkinder durch dre
Aguda statt.
Dienstag fand im Festsaale des Rathauses
eine große Versammlung statt. Trotz der tro¬
pischen Hitze war der große Saal dicht gefüllt.
An der Estrade hatten Rabbiner Zirelsohn und
die Delegationen der Gemeinden Platz genommen.
Oberrabbiner Zirelsohn eröffnete die Ver¬
sammlung und weist darauf hin, daß die Be¬
strebungen der Aguda nicht jüngsten Datums
seien, sondern das „Mi l'haschem eloi" unseres
Mosche rabbenu war der erste Aufruf zur
Aguda. Das Auftreten Schmuels in der Zeit
des Verfalles, die Tätigkeit des König Joschijo,
die Entrollnng der Fahne der Hasmonäer, das
Auftreten des Balschem, das sind die Etappen
der uralten Agudabewegung. Redner begrüßt
die Delegation als Fürsprecher des alten jüdischen
Geistes. Hierauf ergriff, stürmisch begrüßt, .Herr
Wolf Pappenheim das Wort, um in einstündiger
Rede die Ziele und Wege der Aguda darzustellen
und über seine Erfahrungen in Palästina zu
berichten. Nun folgte die Rede des Herrn Dr.
Joel Pollak, der feststellte, daß Agudas Jisroel
eine noch größere Bedeutung für den Osten als
für den Westen habe, da die gefährlichsten Unter¬
strömungen des Judentums da stärker unter¬
waschen als im Westen. Nach dieser beifällig
aufgenommenen Rede sprach Herr Rabbiner
Friedmann (Leipzig), der seiner Freude Aus¬
druck gab, in seiner Heimat den Agudag'danken
wirksam zu sehen.
Unter dem Eindruck der Reden fand ein
sehr zahlreicher Beitritt von Mitgliedern statt.
Es wurden große Beträge für die Aguda erlegt.
Am nächsten Tage fand ein Bankett irrt
Hanse des Oberrabbiners Zirelsohn von hundert
Gedecken statt. Als erster sprach Rabbi Zirel¬
sohn geistreiche Diwre Thora. Ferner sprach
der Direktor der durch den Oberrabbiner ge¬
gründeten orthodoxen Mittelschule Herr 'Lener,
der auf die Wichtigkeit der strenggläubigen Er¬
ziehung hinwies; ferner R. Wolf Pappenheim,
Rabbi Benzion Schapira, Dr. Pollak über die
Bedeutung der Presse, worauf Fabrikant Herr
Liebevoll, der bereits 1 Proz. seines
Einkommens und einen namhaften Betrag
für Keren E r e z I i s r o e l spendete, sich be¬
reit erklärte, für die .Herstellungskosten
der zu gründenden j ü d istf» e it P re s se anfzn-
kommen. Es wurden noch große Beträge ge¬
spendet.
Die Delegation besuchte tags darauf die
verschiedenen Jeschiwos,' Talmud' Thoras. Der
Erfolg der Delegation war in jeder Hinsicht ein
außerordentlich glänzender und ermutigt ims zn
einer ferneren ersprießlichen Tätigkeit.
Ezernowitz. Auf der Rückreise von
Klschmew weilten Herr Wolf Pappenheim und
Di. Pollak am 30 und 31. Juli in Ezernowitz.
Die Delegation benützte diese Gelegenheit, um mit