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— Wummer 26 —
22. September 1921
= VII. Jahrgang
19. Klnl 5681
h e r a u s g e g e b e n vom
Gruppenverband, der Palästina-Zentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Deutschland.
Endlich. ^
Es dämmert. 'Denn endlich versucht „Agn- I
das Jisroel", Mittel zum Wiederaufbau Erez
Jisroels herbeizuschaffeu. Und die Mäuner, die
dem Keren Hajischulv vorstehen, bürgen dastt r,
daß nur wirkliche, praktische Arbeit geleistet wer¬
den uud fein Pfennig zu nutzlosen Ausgaben ver¬
wandt wird. Erez Jisroel ist Prüfstein gewor¬
den. Tenn jetzt wird es sich zeigten, wem Erez
Jisroel Lchlachvort, wems 5)erzensfache ist. Jetzt
wird man scheu, wems Ernst ist mit „Liebe zum
Land der Väter."
Und nicht durch Wohltäti'gkeitsspenden wird
Erez Jisroel wiedererbaut werden. Dazu, be-
darfs des aufbauenden Vermögens eines jeden
Einzelnen. _
Uud wehe denen, die das Gebot der Stunde
— der letzten Stunde für gelingende Erez Jisroel-
Arbeit — überhören: Gebet so viel ihr vermöget
zum Wiederaufbau unseres Landes! Kommende
Geschlechter werden dem heutigen fluchen, so es
sich nicht seiner Pflicht bewußt wird. Und die
heißt: Stellt all die Mittel zur Verfügung, die
notwendig sind zum Wiederaufbau Erez- Jisroels
in: Geiste der Tora. Und eine Atmosphäre für
Erez Jisroel ist jetzt zu schaffen. Ein organisierter
Stimmungsfeldzug. Ueberall. Aguda - Jugend
muß dabei helfen. Das sei vor allem ihre Erez
Jisroel-Aufgabe. Gesetzestreue Judenheit. Erez
Jisroel. Einhämmeru in die Köpfe muß maus.
Uud der Eine wird den Nächsten fragen: Du ein
ehrlicher, toratreuer Jude? und wolltest nicht
bereit fein, all das, was eine toratreue Organi¬
sation von iDir fordert, herzugeben, wenn es gilt,
Erez Jisroel, unser Land, jüdisch aufzubanem?
Du wolltest nicht.rasch geben, wenn Du hörtest:
Die letzte Stunde für die toratreue Judenheit ist
es, was Erez Jisroel-Arbeit betrifft. Denn wenn
es jetzt nicht endlich zu sichtbaren Taten kommt,
wird in Erez Jisroel eine Entwicklung vor sich
gehen, die einem gefährlichen Ziele zustrebt.
lind eine Atmosphäre muß jetzt geschaffen
werden, mit der jeder einatmet, daß es Schande
ist, mit so viel Liebe vom Laude zu sprechen, und
es beim Sprechen zu belassen. Uud seine Liebe nicht
durch Liebes taten zu zeigen. Und die Tat
heißt eben: Selbsthinbringen von Industrie oder
Instandsetzung^ der Organisation zum wirtschaft¬
lichen Aufbau Palästinas.
Immer wieder sei betont: Mit der Lösung
der wirtschaftlichen Fragen Palästinas werden
alle anderen Fragen: kulturelle uud politische
der Lösung näher gebracht.
Es dämmert: der Resolutions-, Programm
uud Jdeeufabrikation ist mau müde. Praktische
Erez Jisroel-Arbeit will Agudas Jisroel endlich
leisten. Die Vermögensabgabe jedes Einzelnen
fi'ir Erez Jisroel ist nötig.
Wer wagt, sich ihr zu entziehen und nennt
sich noch thoratreuer Jude?! H. K.
Durch den Paradedrill hat dieses Wort
einen unangenehmen Beigeschmack b.kommen, be¬
sonders in unseren Kreisen, wo mau allem
Gleichmachetwen, Schematischen, Aeußerlichen
uud Autokratischen so abhold ist, daß nicht die
schlechtesten Witze darüber gerissen werden. Woran
liegt es wohl, daß just bei uns so gar kein Sinn
für die „dajgjes des Herrn Leutnant" von ehe
, dem zu finden ist? Gewiß, mau hat bei uns
i andere Sorgen als für den blank geputzten Uni-
! formknopf und als dafür, daß durch beit von den
Beinen der Potsdamer Grenadiere umgrenzten
Luftraum eine Kugel gejagt werden kann, ohne
das Beinkleid auch nur eines der Marschierenden
zu streifen. Und dennoch! Mau blicke auf die
linken Arme der Bethausbesucher des Morgens,
wo sieben Umwicklungen des Tefilliubaudes au
liegen und nicht acht oder sechs: man luge nach
der Zahl der Chnllobrote auf den Freitag-Abend-
Tischen, zähle die Zizisfäden, die Mazzos in den
Sederschüsseln auf dem Erdenrund, die Pflanzen¬
arten im .Hüttenfeststrauß, die zuckenden Töne in
der Teruoh; man beachte, wie auf die Minute
genau der Schlußkaddisch zu Neiloh endet, der
Eintritt der Sterne an jedem Sabbat-Ausgang
vorberechnet und beachtet ist. Ta findet mau
Disziplin, wie sie kein Militarismus der Welt
schärfer erdenken und in Tat umsetzeu könnte.
Kein Zufall ist dies, keine aus den Juden heraus-
gewachsene Liebhaberei, sondern die Folge der
au sie herangetretenen Gesetzes-Forderungen. Ein
für die Ewigkeit berechnetes Gebot, so mag der
außenstehende Beurteiler sich sagen, muß natur¬
gemäß alle Vorschriften bis ins letzte, kleinste De¬
tail genau vorsehen, sonst gäbe es im Laufe von
Jahrhunderten und -tausenden ja Abweichungen
bis zur völligen Unkenntlichmachnug des ur¬
sprünglich Gewollten. Wir aber wissen noch
mehr; wir wissen, daß bei dem symbolischen Cha¬
rakter so unendlich vieler unserer Gesetze die
scheinbar winzigste Form von ausschlaggeben¬
der Bedeutung ist, daß die leiseste Veränderung
eine Entstellung des ganzen Sinnes mit sich
bringen kann. Wir wissen, daß Gott es uns in
seiner Thora untersagt hat, ein Tüftelcheu von
einem Worte unserer Lehrer nach rechts oder
links zu verrücken, wissen, daß wir in allen?,
in jeder scheinbaren Aenßerlichkeit, in jedem
mit furchtbarem Unrecht so genannten „Eere
monial" au die von ihnen überlieferte Form durch
Gottesbefehl gebunden sind. Diese jüdische
Disziplin macht uns so große „Dajges", daß die
der anderen uns in der Tat unsäglich nichtig
und kleinlich erscheinen. Daher mag es kom¬
men, daß wir, die mit der Lupe einen Esrog auf
ein Fleckchen absuchen, den Feldwebel belächel¬
ten, der die Glanzstürke des Metallknopfes bei
seinem Rekruten beäugte. Der Unterschied ist
eben, das unser Augenmerk dem Weltenkönig
zugewcndet ist und nicht einem absetzbaren Vor¬
gesetzten aus der Erdenniedere.
Ist trotzdem bei uns die Schulchan-Ornch-
Disziplin noch verbefsernugsbedi'lrftig, fitzt so
manche Tefillo-schel-rausch nicht haargenau an
der vorschriftsmäßigen Stelle, wird manches
Morgen-Schmah nicht genau genug innerhalb der
ihm gebührenden Frühzeit ' gelesen, so sollte
darüber heute nicht gesprochen werden, wiewohl
das umfangreiche Kapitel einen Platz in den
Agudas-Blättern erfordert. Vielmehr sollte ein¬
mal auf die Disziplin in de?? Agnda-Organen an¬
gespielt werden, weil es damit strichweise schwach
bestellt ist.
Ist der Sprung zu weit von der Disziplin, die
man dem Thorawort, der Interpretation seiner
Träger leistet, zu derjenigen, die der „Agudas
Jisroel" von ihren Landeszentralen, von ihren
Orts-, ihren Jugendgrnppen, ihren Einzelmir-
gliedern 51 t bewilligen ist? Rein, der Sprung ist
nicht zu weit. Ist doch Agudas Jisroel an' die
Stelle der im Gau Eden ruhenden Großen ge¬
treten, deren Wort unverbrüchlich galt, ist sie doch
getragen von der ganzen gewaltigen Autorität,
deren dieChachmej hatanro, dieGedaulej hadanr
der Gegenwart würdig sind. Dann aber ist eine
Forderung der Agudas Jisroel für uns eine
Aufgabe, der wir uns nicht entziehen dürfen;
dann ist es nötig, ihr so Gefolgschaft zu leisten,
wie eine frühere Generation sich dem Chassanr
Sauser gefügt hat. Dann hat keine Vorstand¬
schaft einer Ortsgruppe das Recht, in ihrem
Dienste lässig zu lein. 'Dann ist keine Landes¬
organisation befugt, eine nach dem Willen der
rabbinischen Führer ausgegebene Vorschrift des
Zentralrates anders als mit gewissenhaftester
Sorgfalt zu erfüllen. Dann ist die Aguda-Difzi-
plin eine ernste Mizwoh für den Einzelnen wie
für die Gruppe.
So viel für heute. Man lasse sich die An¬
deutungen durch den Kopf gehen; und wenn nicht
alles, was sie besagen wollen, eitel Wahn und
Dunst ist, dann müßte mancherorten eine Neu¬
ordnung von grnndauf platzgreifen.
Beginn der Propaganda für den
Keren hajischuw.
Frankfurt a. M , IR Sept.
Die Propaganda für den K e r e n h a j i -
sch uw wurde am Donnerstag, den 15. ds. M.
nt Frankfurt durch eine Massenversammlung im
großen Saale des ' Volksbildungsheimes einge¬
leitet. Es sprachen die Herren Rabbiner Dr.
Klein-Nürnberg, Oberrabbiner K a h n m a n in
Poniwesch (Litauen) und Jacob R 0 s e n h e i m.
Die Veranstaltung nahm einen in jeder Hinsicht
glänzenden Verlauf. Obgleich die hier vorgesehenen
Besprechungen in kleineren Zirkelst zur Propa¬
gierung des K e r e n h a j i s ch u w - Gedankens
erst ttächste Woche ihren Anfang nehmen, liegen
doch schon eine ganze Reihe bedenkender Zeich-
ttungserklärungen vor.
Delegikrtentag -er Ortsgruppen
der Agudas Äsroel für Deutschland
am 22 . und 23. August 1921.
(Fortsetzung.)
Namens der
Jugendorganisation
referiert Herr Lev Munk-Cöln: Es ist das erste
Mal, daß ich der Oeffentlichkeit Bericht zu geben habe,
über das, was wir leisten und geleistet haben. Wirr
haben uns vvrgenonnneu, vor allen Dingen dafür zu
sorgen, soweit es in unseren Kräften liegt, das auszu-
schalteu aus unserem Denken, was dem Geiste der
Thauro zuwider ist. Wir müssen uns absondern von
dem Wege, den nicht jüdisch denkende Organisationen
beschreiteu und uns positiv nur beeinflussen lassen
von dem Wesen und Wirken der Thauro. . Da ist es
nun gewiß notwendig und heilige Pflicht, einen immer
größeren Kreis für uns zu gewinnen und unsere
Ideen auch in solche Gegenden und Orte hineinzu¬
tragen, wo das Leben der Thauro bisher nicht floriert.
Aber wir müssen offen gestehen, und wir halten dieses
Gremium vielleicht für das richtige, um das vorzu-
tragen was uns au Sorgen bewegt wir
haben uns sehr oft gefragt: ist es denn richtig,
daß nufere Fugend so viel Zeit verbraucht für Propa¬
ganda und Organisation und dadurch so viel Zeit ver-
s ä u m t, die dem Lernen der Thauro gewidmet sein
könnte. Wir wissen, daß die heutigen Zeitverhaltnisse
es mit sich gebracht haben, daß man sich nicht aufs
Lernen allein beschränken kann, und daß Versamm¬
lungen und Besprechungen stattfinden müssen. Aber