Seite
— Aummer 29 -
10. November 1921
Blatter
— VII. Jahrgang —
9. Warcheschwan 5682
h e r a u s g e g e b e n v o m
Gruppenverband, der Pa lästina-Aentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Dc utschland.
Inhaltsübersicht.
Von der Jewish Agency. — England und die
Orthodoxie. — Agudas ItSroel in Amerika. — Neue
Agu da°Ltteratur. — Wirtschaftliche Erez Jtsroel-Arbeit.
— Keren Hajischuw. — Arbeitsteilung innerhalb >
Deutschlands. — Die soziale Frage. — Angestellten- I
Fürsorge. — Aus der Bewegung. — l
Von der Jewish Agency.
'Ter geschäftsführende Ausschuß des Zen-
iralrars der A. I. versandte unterm 2. Nov.
folgende. Mitteilung an die agudistische Presse:
Tie im Frühjahr von der Wiener Kon¬
ferenz der Agudas Jisroel beschlossene politische
Diktion, die aus eine Umbildung der Jewish
Agency nach Artikel 4 des Palästinamandates
im Sinne gleichberechtigter Heranziehung der
Orthodoxie gerichtet war, hat einen unmittel-
baren Erfolg nicht erzielt. Die seit dem
dieses Jahres mit dem Colonial Office tu Lon¬
don geführten mündlichen und schriftlichen Ver¬
handlungen ergaben zwar, daß die englische Re¬
gierung den gerechten Forderungen der Ortho¬
doxie nicht ohne Verständnis gegenübersteht,
indessen erklärte sich Mr. Churchill schließlich
durch Schreiben vom 21. Oktober außerstande,
unter den gegenwärtigen Umständen (in present
6irenm8tnn668) die der Zionistischen Organi¬
sation durch den Mandatentwurf bereits eütge-
räumten Rechte daneben noch auf eine andere
Körperschaft auszudehnen.
Agudas Jisroel wird sich durch diese vorläufige
Ablehnung ihres in erster Linie gestellten An-
trages weder in ihrer praktischen Erez Jis-
roel-Arbeit beirren, noch von der energischen
Fortsetzung ihres Kampfes um die politische Gel¬
tung der Orthodoxie in und für Erez Jisroel
abhalten lassen. Turchdrungen von der Ueber-
zeugung, daß eine lediglich durch die zionistische
Partei dargestellte Jewish Agency keinerlei Recht
zur Vertretung der jüdischen Volksgesamtheit
besitzt, wird Agudas Jisroel vielmehr vor allen
maßgebenden Instanzen weiterhin gegen die
Monopolisierung der politischen Einflußnahme
auf Erez Jisroel durch eine einzelne, der Thora
neutral gegenüberstehende Partei Verwahrung
einlegen und die unveräußerlichen Rechte des
Volkes der Bibel gegenüber jener einseitigen
Parteiherrschaft nachdrücklich vertreten. Sie' ist
sicher, dabei auf die kraftvolle Unterstützung der
tboratreuen jüdischen Massen auf dem Erden-
runde zählen zu dürfen.
England und die Otthodoxiel"
Vielleicht klingt diese Ueberschrist stolz, aber
doch nur für den, der in der Politik nur die Aeuße-
rungen brutaler Machtverhältnisse diskontiert.
Das ist Englands Art nicht. Im Gegenteil, wer
nach greifbaren Erklärungen für Englands Größe
sucht, wird sie darin finden, daß in'bewunderns¬
werter Weise die englische Politik „lo hiniach
dowor koton“ auch die noch so fern liegen¬
den Imponderabilien im Leben der Völker aufs
genaueste beobachtet und in den politischen Eal-
cul eingestellt hat. Umso mehr sind mir ver¬
pflichtet, nach den Motiven zu spüren, welche
England bewegen, „für den Augenblick", wie
das Colonial Office selbst schreibt, sich in
jüdischen Fragen im jüdischen Palästina ledig¬
lich der zionistischen Organisation bedienen zu
wollen. Da sind viele Möglichkeiten gegeben.
Zunächst eine anstenpolitpche. Je mehr Eng¬
land und der High Eomnupwner gehmteu \ino,
den Wünschen der Araber Rechnung zu tragen,
umso ungeführücher ist es, ms Eompensanon
den Verbuch zu machell in der innerpoüttscheu
jüdischen Position die zionistische Partei zu stär¬
ken. Wenn die Zionisten damit zufrieden pud,
das, was ihnell gegenüber den Arabern ver¬
sagt bleiben mußte, gegeuüber den Juden er¬
reicht zu haben, so wäre das ein sehr billiger,
und gerade deshalb in seinen Konsequenzen lehr
teurer Triumph. Es lväre eben, wenn nur Vieles
Motiv bei Herbert Samuel gesprochen hätte,
eine Wendung in der englischen PalästinapoUnk,
die in diesem Falle feierlich daraus verzichtet
hätte, Palästina zu einer Heimstätte für das jü¬
dische Volk zu machen; die Balfourerklärnng härte
die so lange ersehnte Interpretation definitiv
erhalten und in ihreii Auswirkungen eine rein
zionistische Deutung gewonnen. San Renw
wäre parteipolitisch ausgenmnzt. Man hätte
lediglich sich höflich dafür zu bedanken, daß oer
arabische Gegensatz sich antrjüdisch gebärdet, wah¬
rend ihm doch ledigUch ein parteipolitisches
Wollen als Objekt entgegengestellt ist. Ware
diese Klarheit von vornherein gegeben gewesen, es
wäre um vieles besser bestellt. Allein wohin
verlieren wir uns? So kurzsichtig und wider¬
spruchsvoll kann Englands Politik nicht sein;
sie kann so ihren besten Traditionen nicht un¬
treu werden. Es eröffnet sich deshalb die wei¬
tere Möglichkeit, daß man in Downing Street
der in Ziffer 4 des Mandatsentwurfes vorge¬
sehenen Jewish Agency (Jüdische Agentur) nicht
diese überragende Bedeutung beimistt. llnd lvir
können es Churchill nicht verargen, lvenn er
die jüdische Psyche darin nicht kennt, daß sowohl
bei den jüdischen Massen ein ungeheurer Respekt
vor jedem mit behördlicher Kompetenz ansge¬
stattetem Glaubensgenossen vorhanden ist, als
auch anderseits eine gewisse Neigung zur lleber-
schreitnng der in denr behördlichen Anstrag ge¬
steckten Grenzen nicht geleugnet werden kann.
Es kann zwar ans.Seiten der zionistischen Par¬
tei das Bewußtsein leben, auf Gedeih und Ver¬
derb mit England verbunden zu sein, aber sicher
ist doch auf Seiten Englands das nicht der
Fall. Wir glauben vielmehr, daß England wirk¬
lich neben der politischen Seite der Balfour-
erklärung von dem Gedanken getragen lvar,
einem ideellen Ziele zu dienen, den Juden helfen
wollte und will. Und angesichts dieser für Eng¬
land ehrenvollen Annahme kann man es nur
bedauern, daß hier eine nicht ganz zutreffende
Konzeption über Wollen und Werden der Ju-
denheit vorzuherrschen scheint, freilich auch hier
ohne Schuld Englands. Tenn wenn es die Juden
widerspruchslos geduldet haben, daß man Die
Identität von Jndenheit und Judentum bewußt
gestört, ja geleugnet hat, was sollen dann
englische Politiker denken und glauben? Schlie߬
lich lväre auch der Erwägung Raum zu geben,
daß man in England glaubt, die Liebe znm
heiligen Lande lväre in jedem jüdischen Herzen
so stark, daß man selbst um den Preis voll¬
ständiger Entrechtung des Judentums, selbst mit
den Preis einer Helatenstellung des religious-
trenen Teiles der Jndenheit den letzten Heller
in den Dienst des Wiederaufbaues Palästinas
stellen würde. Da möchten lvir in aller Gerad¬
heit und in aller Klarheit folgendes sagen und
lvir glauben, daß dies England frommt nttb
dem Judentume zur Ehre gereicht. Gewiß, die
Orthodoxie kann und lvird sich mit dem Ge-
dankeri absinden, daß in Palästina unter der
Wucht der Jewish Agency das .Goluth Schechina,
das Exil des Idealen-eine grausame Fortsetzung
findet, nur daß bei dem Vorherrschen der Par¬
teipolitik selbst das materielle Galuth in er¬
schwerter Form Platz greift. Wir haben schon
Schwereres erduldet und überstanden. Es hat
anders nicht sollen sein. Aber es schmerzt uns
um Englands willen. Ter Jude diskontiert in
seinein Dank das Wollen, und es wird dem
britischen Reich unvergessen bleiben, daß es diesen
grandiosen Versuch historischer Gerechtigkeit in
die Wege leitete. Woran es lag, daß man dabei
nicht einmal an Vespasians Staatsklugheit an-
knüpste, der ein Jab ne erstehen ließ, woran
es lag, daß moderne Politiker nicht neben einem
Cyrus und Darms in die Tafeln der Geschichte
eingegraben lverden dürfen — das n;ag man
in London untersuchen. Gewiß trieb Cyrus weit¬
blickende Politik, aber er hätte diejenigen von
seiner „Jewish Agency" nicht ausgeschlossen, die
den Tempel des Ewigen bauen wollten! Und
letzten Endes hatte die persische Politik nicht
zu bedauern, daß sie den religiösen Wieder¬
aufbau Palästinas als ersten Faktor in ihr
Wollen und ihre kbundgebung aufnahm. Es war
die Pflicht der Orthodoxie, Tankespflicht gegen
England, Ehrenpflicht gegen sich selbst, England
die Möglichkeit zu bieten, Palästina zu einem
heiligen Land, zu einer Heimstätte der Bibel
zu nmchen. Wir haben dieser Pflicht genügt.
Saget nicht, das, was wir gesagt, sei ver¬
messen und stolz. Das ist es wirklich nicht. Aber
ehrlich ist es. P. K.
Agudas Zrsroel in Amerika.
Einen erfreulichen Gruß hat die nenbelebte
amerikanische „Agudas Israel" den Brüdern und
Genossen diesseits des Ozeans znm Neuen Jahre
gesandt: Tie ersten Nummern des zu Rosch-
haschonoh erstmals erschienenen Organes der
amerikanischen Landesorganisation: '/Ser j ü-
d i sch e Weg". Das Blatt, das vom Zentral¬
büro der Agudas Israel in New-Iork-City 673
Broadway herausgegeben und von den Herren
Rabbiner Dr. Leo Jung, Dr. B. Trachmanu
und Herbert Goldstein redigiert lvird, umfaßt
einen jiddischen und einen englischen Teil und
macht auch äußerlich in seinem stattlichen Groß-
quartformat einen vornehmen Eindruck. Um
unseren Lesern ein Bild von dem gegenwärtigen
Stande der Bewegung in Amerika zu verschaffen,
möchten wir im folgend eil einiges aus dem In¬
halte des Heftes wiedergeben.
Ter Ehrensekretär der New-Porker Aguda,
Romi Lunzer, schreibt u. a. "folgendes':
„Ein Bericht über die Tätigkeit der Aguda
in diesem Lande ist aufs engste'mit den Arbei¬
ten der europäischen Delegierten verknüpft.
Dennoch muß vor allem unserer Nelv-Porker
Towntowngruppe Anerkennung gezollt lverden,
die lange vor der Ankunft der Delegation ent¬
stand. Kurz vor Schwuaus kamen die Pioniere, die
die Ideale der Aguda in Amerika verbreiten
sollten, in diesem Lande an. Rabbiner Br. Hil¬
desheimer lvar vor dem Kriege für die Aguda
zusammen mit dem seligen Rabbiner Wolkin
hier gewesen, aber infolge des Krieges war von