Seite
= Dummer 32 :
22. Dezember 1921
Blätter
= VII. Iayrgaug =
21. Kiste«, 5682
f) e r a u s g e (} e b e ti ü o nt
Gruppenverband, der Pa lästina-Aentrale
und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel für Deutschland.
Inhaltsübersicht.
Grundzüge der Erez Jisroel-Politik. — Aufruf. -
Die Aguda in Polen. — Eine zionistische Stimme über
die Agudatätigkeit in Palästina. — Für den Keren
Hajischuw. — Zwei Staatsmänner über das Palästina,
Mandat. - Der „Jud". — Rabbi Meir Don Plotzki.
— AMdas Jisroel in Lettland. — Tie polnische Aguda-
delegation in Wien. — Errichtung einer Gartenstadt bei
Liberia. — Aus der Bewegung. — Spendenliste. —
Grundzüge
der Grez Moel-politik?
I.
1. Die Erez Jisroel-Politik der „Agudas
Jisroel" bestimmt sich wie ihre Politik über¬
haupt — ausschließlich nach den in der über¬
lieferten Gotteslehre für das öffentliche
Leben des jüdischen Voltes und für das pri¬
vate Leben, soweit es mit dein öffentlichen
zusammenhängt, niedergelegten Grundsätzen
und konkreten Vorschriften.
2. Hiernach hat die Erez Jisroel-Politik
vor allem sich nach den vier allgemeinen
Prinzipien der thoragemäßen jüdischen Poli¬
tik zu orientieren. Diese hat im Auge die
Sicherung
a) der physischen Existenz,
b) der wirtschaftlichen Existenz,
c) der geistigen Existenz,
d) der sittlichen Existenz
des jüdischen Volkes, sowie der oder doch des
größeren Teiles der Einzelpersonen, deren
Summe das jüdische Volk bildet.
Zu diesen vier allgemeinen Grund¬
sätzen, die bei eindrvMudLrBetrachtung sich
a^-a^ße r ^ rd erMchJolgereich ebweisen, treten als¬
dann die besonderen Aufschlüsse, die uns
die überlieferte Gotteslehre über die .Stellung
Erez Jisroels und die Beziehungen der Ge-
s a m t h e i t und des Individuums zu diesem
Lande erteilt. Endlich gesellt sich als dritte
Quelle für die Grundlegung der jüdischen Erez
Jisroel-Politik zu den allgemeinen und beson¬
deren erkenntnismäßigen Prinzipien noch der
ganze Komplex der unter dem Namen: „Miz-
was Jischuw Erez Jisroel" bekannten gesetz¬
lichen Vorschriften.
II.
1. „Agudas Jisroel" kann die zionistische
Behauptung, daß die physische Existenz des
jüdischen Volkes durch die Errichtung eitler öffent¬
lich rechtlich anerkannten jüdischen Heimstätte in
Palästina gesichert werde, daß in dieser Heimstätte
die Millionen oder auch nur Hunderttausende
jüdischer Verfolgten eine vor jeder Bedrohung
und Lebensgefährdnng sichere Zuflucht finden
könnten, nicht als erweislich richtig, nicht ein¬
mal als wahrscheinlich anerkennen. Die Gründe
liegen auf der .Hand und sind durch die Ereig¬
nisse der letzten Zeit auch den minder Weitsich¬
tigen klar geworden. Vom Standstunkte der
*) Entnommen einem von der Palästinazentrale
der Aaudas Jisroel, Frankfurt a. M., herausgegebcnen
Merkblatt.
Sicherung der physischen Existenz aus wäre-also
die Besiedelung Erez Jisroels im großen nicht
als eine geeignete Lösung dieses schweren poli-
tischen Problems anzusehen. Andererseits ist
jedoch auch die Frage, ob die physische Existenz
der Juden in Palästina unter den gegenwär¬
tigen politischen Verhältnissen so sehr gefähr¬
det sei, daß eine vorsichtige Politik die Ein¬
wanderung nicht befürworten dürfe, entschie¬
den zu verneinen. Das Interesse Englands
einerseits, die Möglichkeiten einer vernünftigen,
aus wahrhaft jüdischen Prinzipien aufgebauten
Verständigungspolitik mit den Arabern anderer-
Aufruf
an alle Orfs- und Jugendgruppen.
nach dem Befchfuffe öes öenfralrafs haben in
allen Ländern alljährlich am Chanuhhafeüe
Sammlungen für die Zwecke öes
Thora-Fonds
uns der geistigen Propaganda ftaff?ufinöen.
Der deutsche öruppenoerband hat angesichts der
kritischen Lage der von der deutschen Orthodoxie in
Gemeinfchaff mit den nmflerdamer Pehidim seit
Jahrzehnten unterhaltenen gefefeestreuenThora-
Schulen in Jerufalem den Befchluß gefaßt, das
Ergebnis der diesjährigen Chanuhha-Sammlung
in Deutschland diesem schwer gefährdeten Jerufa;
lemerSchulroerh zuzctühren, dessen Zwecke den
Sielen des Chorafonds emfprechen.
6s handelt sich um die seelische Bettung Ivon
1000 Schulhindern, deren Schicksal in religiöser
Diosicht für den Sali des Eingehens der Schulen
geradezu katastrophal wäre. '
__„wer eine See \e^ rettet, rgleichf denTBeiter
einer ganzen Welt" - hier sind es tausend und
mehr,^die auf die finanzielle Leistung der gefefces-
treuen'deutschen Jideftheihangeroiefen sind!
wir bitten um energikhe Sammelärbeif!
tlalberdaUf, 20. Kislero 5682. ~
Gruppenverband ber>Agudas MoeN
In Deutschland.
seits, verleihen den jüdischen Wohnstätten in
Palästina zum mindesten den gleichen Grad von
Sicherheit der physischen Existenz, wie in einem
sehr großen Teil der Diaspora. Die Gefah¬
ren, die vorhanden sind, brauchen wohl auch
bei vorsichtiger Betrachtung nicht als ein KpTn j
j kitdeh sondern müssen als ein Krr'rDTT J
[ angesehen werden, der insbesondere bei einer
Mizwah (siehe unter Ziffer IV. 3.) keine Beach¬
tung erheischt. Pflicht der Agudas Jisroel-Poli¬
tik ist es allerdings, ihr schärfstes Augenmerk
auf die Sicherung der physischen Existenz der
Juden in Palästina zu richten, von diesem Ge-
,ichtspunkte ans aktiv in die Verhandlungen mst
England sowohl, wie mit den Arabern
einzngreifen, und dabei diejenigen Gesichtspunkte
zur Geltung zu bringen^die^sie allein als Ber-
treterin des historischen jüdischen Volkes in der
genügenden Entschiedenheit und Ueberzeugungs-
treue geltend machen kann.
2. Von erheblicher Bedeutung für die Erez
Jisroel-Politik ist der Gesichtspunkt der Siche¬
rung der wirtschaftlichen Existenz. Da
einerseits in allen Kulturländern die Wirtschaft'
liehe Entwicklung die Tendenz hat, gerade die¬
jenigen Bevölkerungsschichten und Berufskreise
wirtschaftlich anszuschalten und zu entwurzeln,
in denen die Juden und insbesondere die gesetzes¬
treuen Juden ihre wirtschaftliche Existenz fin¬
den, da andererseits die Sabbath-Beobach-
t u n g die durch jene Entwicklung hervorgernfene
furchtbare Krisis in verhängnisvollem Umfange
verschärft, so ist jede Möglichkeit, kleinere oder
größere Gruppen auf den Boden Erez Jisroels
zu verpflanzen und ihnen dort eine im Boden
wurzelnde und vom Sabbath kaum erschwerte
Existenz zu schaffen, von jeder gewissenhaften
jüdischen Politik mit dem größten Ernst zu wür¬
digen. Während bei der Frage der physischen
Existenz leicht der Fall eintreten kann, daß durch
a ll z n l a u t e s Betonen des nationalen Palä¬
stina-Gedankens in den Golusländern ebensoviel
oder mehr jüdische Individuen ihr Leben ein¬
büßen, als in Palästina selbst gerettet werden,
ist in wirtschaftlicher Hinsicht jede ein¬
zelne im heilig e n Lande an gesie¬
delte jüdische Familie als nationa¬
ler Gewinn zu buchen. Sie entlastet das
Golus und stellt einen Ansatz-Punkt iü Erez
Jisroel für die Gewinnung weiterer wirtschaft¬
licher Positionen dar. lieber die Einzelheiten
der palästinensischen Wirtschaftspolitik der Agü-
das Jisroel ist in anderem Zusammenhang zu
sprechen.
3. Für die Sicherung der geistigen
Existenz des jüdischen Volkes, d. h. seiner Existenz
als Träger, Pfleger und Bewahrer des Thorn-
geistes, kann Erez Jisroel von ungeheurer Be¬
deutung werden. Abgesehen von dem überlie¬
ferten Grundsatz, daß die natürliche Eigenart
des Landes selbst der Entwicklung des jüdischen
Geistes förderlich ist, besteht gegenüber der immer¬
hin noch vorherrschenden arabischen Kultur die
Gefahr der Assimilation in weit geringerem
Maße, als gegenüber den europäischen Kulturen.
Freilich ist unter der Herrschaft der netten Ver¬
hältnisse dieses günstige Moment von Tag zu
Tag schwererer Beeinträchtigung ausgesetzt, und
es ist sicher, daß die verheerenden Wirkungen
der über Palästina hereinbrechenden falschen und
echten modernen Kultnrströmnngen erst in ihren
Anfängen zu erkennen sind. Allein angesichts
der Tatsache, daß die gleichen Tendenzen ja
überall in der Welt vorherrschen, muß die Schwie¬
rigkeit der Erhaltung des jüdischen Geistes und
seiner Stärkung als umso dringlichere Auffor¬
derung für die Erez Jisroel-Politik der Agu¬
das Jisroel gelten, alle Kräfte aufzuwenden,
um Erez Jisroel zu einem Heilfaktor für die
geistigen Gebrechen der jüdischen Gesamtheit wer¬
den zu lassen.
4. Unter der Sicherung der sittlichen
Existenz des jüdischen Volkes verstehen wir die
Erhaltung Israels als Gottesvolk, seine
durchgreifende Organisation zum
jederzeit tat bereiten Vollstrecker des
in der Thora nieder gelegten Gottes¬
willens. Das Endziel liegt darin, wie in
der Vergangenheit Jerusalem zum Sitz eines