Zur Programmatik der Zeitschrift "Neue Jüdische Monatshefte" [Jg. 1, H. 1, 16. Oktober 1916]


Zur Aussprache

Von Dr. Eugen Fuchs

[...] Wer heutzutage eine neue Zeitschrift der Öffentlichkeit unterbreitet, kann sicher sein, daß Gegner und Freunde, die einen in schadenfroher Zuversicht, die anderen in banger Teilnahme, der Zeitschrift ihr Horoskop stellen werden. Ich höre sie rufen: "Schon wieder eine Zeitschrift und noch dazu eine jüdische!" Ihr "Gott bewahre" klingt mir in den Ohren, Und doch die Zeitschrift, die wir wollen, und die wir nach unserer Meinung haben müssen, die haben wir noch nicht.

Die Antisemiten klagen über eine Überzahl und Übermacht der jüdischen Presse. Nennen wir jüdisch die Presse, deren Herausgeber oder Schriftleiter jüdischer Abstammung sind, dann haben wir vielleicht zu viel jüdische Presse. Wenn man aber Judenpresse nur die nennt, die sich speziell der Judenfrage widmet und sie vom allgemein menschlichen, vom vaterländischen und vom jüdischen Standpunkt betrachtet, dann wird die Zahl sehr klein sein. Jede Richtung jüdischen Geisteslebens mag wohl ihr Organ besitzen, doch haben wir auch dann nur orthodoxe, religiös-liberale, jüdisch-nationale, zionistische und antizionistische Blätter; aber keine Zeitschrift, die ein Sprechsaal für alle Richtungen ist und sein will. Daraus soll jenen Blättern kein Vorwurf gemacht werden; jedes will und glaubt, daß durch die Vertretung seines Standpunktes dem allgemeinen Interesse des Judentums am besten gedient werde.

Die neue Zeitschrift hingegen soll nicht bloß von Juden und für Juden geschrieben sein, soll jüdische Dinge nicht vom Standpunkte jüdischen Parteilebens, sondern von einem umfassenderen betrachten, soll eine Tribüne für Alle sein. Damit hoffen wir in erster Reihe der Versöhnung der jüdischen Parteien zu dienen. Liest man die Zeitschriften der verschiedenen jüdischen Richtungen, so glaubt man, daß Orthodoxe und Freidenker, Zionisten und Antizionisten ein gemeinschaftliches Band nicht mehr haben, daß sie sich gegenseitig als Juden nicht mehr anerkennen, daß es überhaupt nur jüdische Parteien, nicht mehr ein Judentum gibt. [...] Da fehlte häufig die ruhige Sachlichkeit, die auch den Gegner als gleichwertig anerkennt. Wir wollen den einen nicht die vaterländische Gesinnung, den anderen nicht ihr Judentum absprechen.

Aber nicht bloß um der Juden wegen, sondern auch um unserer christlichen Mitbürger wegen wollen wir auf den Plan treten; wir wollen der Unkenntnis in jüdischen Dingen entgegenarbeiten, die in erschreckender Weise nicht nur im Privatgespräch, sondern auch auf den Tribünen des öffentlichen Lebens, in Wort und Schrift sich breit macht. [...] Wir wollen, daß man die Wahrheit kennt und Gerechtigkeit übt. Die Judenfrage will zum großen Teil als Rechtsfrage behandelt sein; der Kampf um die Gleichberechtigung der Juden in Staat und Gesellschaft ist ein Kampf ums Recht, das verwirklicht werden muß um des Rechtes, um des Vaterlandes wegen. Wir wollen nicht bloße negative Abwehrtätigkeit üben, sondern den positiven Inhalt der jüdischen Religion und der jüdischen Weltanschauung zur Erkenntnis bringen und sie zur allgemein-menschlichen und zur deutschen in das richtige Verhältnis setzen.

Was ein Jahrtausende langes Leben in der Diaspora und ein halbes Jahrtausend im Ghetto aus dem Volke der Krieger, Priester und Gelehrten gemacht, hat ein Jahrhundert der Freiheit zum großen Teile bereits abgestreift, und die Schattenseiten des Ghettos werden bald verschwunden sein. Jetzt mehr als bisher ist es notwendig, daß wir für das richtige Verhältnis von Ost und West das nötige Verständnis gewinnen, daß wir Stellung nehmen zum Ostjudenproblem, und daß wir uns der Pflichten bewußt werden, die wir haben, um den Ostjuden die Möglichkeit ungehemmter wirtschaftlicher, politischer und geistiger Entwickelung schaffen zu helfen. Heute mehr als je gilt es, die Bedingungen der Versöhnung klarzustellen. Täuschen wir uns nicht darüber, daß, wenn der Krieg, der große Einiger der Individuen und Volksschichten, beendet sein wird, wie immer ein chauvinistischer Geist erwachen wird, der der Erbpächter vaterländischer Gesinnung zu sein glaubt und fordern wird, als solcher anerkannt zu werden, Deutschland wird mehr denn je einig sein müssen. Es gilt alle Kräfte zu gemeinsamer Arbeit zu vereinen. Aus der Geschichte wollen und werden wir lernen, die Menschen und Völker nicht nach Sympathien und Antipathien abzuschätzen, sondern nach den inneren Menschheitswerten. Die Gegenwart hat uns gezeigt, daß man von aller Welt gehaßt sein kann wie ein Deutscher, ohne schlecht zu sein; die Zukunft soll und wird den Juden Gerechtigkeit bringen. An diesem Ziele mitzuwirken, ist unser Bestreben.

Candidus
Si quid novisti rectius istis,
imperti, non his utere mecum!