Zur Programmatik der Zeitschrift "Die Freistatt" [Jg. 1, Heft 1, April 1913]


ZUM PROGRAMM DER FREISTATT

Wir wollen der westlichen Judenheit neue Wege bahnen zu stärkerer, das ganze Volk umschliessender Jüdischkeit. Der westlichen Judenheit, die nur Parteiinstanzen hat, aber kein Organ, um ihr und Europa ihr ethisches, politisches, künstlerisches und nicht zuletzt religiöses Gewissen darzustellen. Denn nirgendwo wird grauenvoller dem Götzen Partei geopfert, kommt die unabhängige Persönlichkeit mit ihrem Wertvollsten und ihrem Temperament seltener zu Wort als bei uns, der desorganisierten Westjudenheit. Eine gewaltige geistige Not ist entstanden - gegen sie tritt die Freistatt auf den Plan. Niemandem dienstbar, keiner Partei noch einer Doktrin, frei jeder Rücksicht auf den Tag und seine Konjunkturen, ist die Freistatt das erste unabhängige Organ des Westens, das ihm unverzerrt die jüdischen Wirklichkeiten widerspiegeln und den unmittelbarsten Kontakt herstellen wird zwischen der westlichen Peripherie und den zentralen Volksteilen. In der Ausdehnung unseres Mitarbeiterkreises, wie auch in der inneren Gestaltung der neuen Revue wird das deutlich zum Ausdruck kommen. (Dass wir sie alljüdisch nennen, allen möglichen Verwechslungen mit pangermanischen und derartigen Strebungen zum Trotz, werden nur die Aengstlichen missbilligen. Dem, der unsere Auffassung des jüdischen Volkes als Organismus verstanden hat [siehe den einleitenden Aufsatz], wird gerade dieser Name alles besagen). Wir beschränken uns nicht auf die freiesten und selbstständigsten Denker und Künstler unter den Westjuden. Vor allem wird auch der 0sten in der Freistatt durch seine hervorragendsten Publizisten in direkter Weise das Wort erhalten. Er wird selbst zum Westen reden von seinen Nöten, Kämpfen und Errungenschaften, nicht interpretiert werden von der Parteien Gunst oder Ungunst. Damit hoffen wir dem Westen allmählich die Elemente zu geben für eine radikale Revision und Neubildung seiner Anschauung von der jüdischen Gegenwart. (Die in der Vielsprachigkeit der Autoren gegebene Schwierigkeit lösen wir durch einen Stab tüchtiger Uebersetzer).

Mit besonderer Genugtuung aber wird die Freistatt den Outsiders und Ketzern das Wort geben. - Nun zur inneren Gestaltung der neuen Revue. Wir werden uns da bemühen, alle Positionen, die uns zur Stärkung der westlichen Jüdischkeit geeignet erscheinen, zu besetzen. So dem Bewusstwerden einer noch kleinen, aber wachsenden Schar west jüdischer Dichter dienen, in dem wir ihnen die Resonanz der Besten ihres Volkes ermöglichen. Gegen den Boykott des Jiddischen, der für den Westen gleichbedeutend ist mit freiwilligem Sich-verschliessen vor stärksten, befruchtendsten nationalen Werten, werden wir den ersten wirksamen Schritt tun, indem wir in jedem Heft einwandfrei in Antiquadruck übertragene originale Proben jiddischer Dichtwerke geben. Für die hebräische Dichtung bleibt uns vorläufig kein anderer Weg, als der der Uebersetzung. Wir hoffen, es werden sich allmählich die Sprachkünstler finden, die hebräische Nuancen in ein fremdes Sprachkleid hüllen können. Alles aber, was von Geschehnissen im jüdischen Leben mehr als Tageswert hat - wir denken dabei nicht zuletzt an die literarische Produktion der Oestler, die bisher gar zu selten den Westen befruchtete - dies alles wird in den verschiedenen Unterabteilungen der Rubrik "Das jüdische Schaffen" von berufenen Fachleuten dargestellt und besprochen werden. So gedenken wir den Kampf zu führen für die Verinnerlichung und die Stärkung der westlichen Jüdischkeit. Zu diesem Kampf rufen wir auf den Plan der Freistatt alle, in denen das Feuer und die Kraft der Jugendlichkeit noch lebt - alle, die es ehrlich meinen mit der Heimkehr zum Volk - alle, die über die Schlagworte der Parteien und deren Suggestionen hinweg und zu jüdischen Inhalten kommen wollen, um den Westen empfänglich zu machen für die grossen, gesamtjüdischen Aufgaben, die seiner harren.

Der Herausgeber und die Redaktion der Freistatt.