Unsere Kenntniss Neu Pommerns beschränkte sich noch vor nicht gar langer Zeit auf den nörd­lichen Theil der langgestreckten Insel, auf die Gazelle Halbinsel.

Seit dem Jahr 1875 wurde dieser Theil der Ausgangspunkt für die Unternehmungen der Missionare und Handelsfirmen. Kriegs- und Handelsschiffe verkehrten hier, und Pflanzungen und Niederlassungen wurden gegründet. Die übrigen Theile der Insel wurden aber nur flüchtig berührt.

In den letzten Jahren hat sich dies geändert. Nicht nur die Gazelle Halbinsel ist gründlicher erforscht, auch der übrige Theil der Insel ist mehrfach bereist und untersucht worden, und wenn diese Untersuchungen auch bei Weitem noch nicht abgeschlossen sind, so berechtigen sie uns doch bereits heute über die geographische Vertheilung der Stämme, die die Bevölkerung der Insel bilden, ein Unheil zu fällen und die charakteristischen Merkmale derselben zu formuliren.

Betrachten wir in den Museen die aus Neu Pommern stammenden ethnographischen Gegenstände, so wird es uns sofort klar, dass die Insel von ethnographisch verschiedenen Stämmen bewohnt ist. Neben Gegenständen, welche charakteristische Eigenthümlichkeiten aufweisen und als typisch für Neu Pommern bezeichnet werden müssen, sehen wir Geräthe und Schmucksachen, die uns nach der Küste von Kaiser Wilhelms Land oder nach Neu Mecklenburg versetzen, so dass wir geneigt sind einen Irrthum in der Herkunftsbezeichnung zu vermuthen. Und dennoch kann diese vollkommen richtig sein, nur sind häutig Gegenstände aus ethnographisch ganz verschiedenen Gegenden der circa 300 Seemeilen langen Insel aus Mangel an Kenntniss der Grenzen dieser ethnographischen Provinzen zu einer Gruppe vereinigt worden, statt dass sie in verschiedenen Unterabtheilungen ihren Platz finden.

Sehen wir uns zunächst auf der beifolgenden Karte (Seite 2) die Gazelle Halbinsel an, so bemerken wir, dass von Kap Lambert, der nordwestlichsten Spitze, an ein Hochgebirge mit der West­küste parallel läuft und dann einen Bogen nach Osten beschreibt bis zur gegenüberliegenden Ostküste, wo Kap Palliser und Kap Archway als östliche Ausläufer steile Vorgebirge bilden. Der vor diesem Gebirge östlich und nördlich gelegene kleinere Theil der Gazelle Halbinsel ist eine von steilen Thälern und niedrigen Hügelketten durchzogene Hochebene, über die der Varzin Berg und die Vulkane der Mutter- Halbinsel als isolirte Bergkegel sich erheben.

Geologisch sind diese beiden Theile der Halbinsel wesentlich verschieden. Das Hochgebirge ist die ältere Formation, die Hochebene dagegen recenten Ursprungs. Die letztere besteht aus vulkanischem Auswurfe, Bimsstein und Asche, die ihren Ursprung den Vulkanen an der IManche Bucht und möglicher­weise dem Varzin verdanken. Diese Schicht bedeckt stellenweise in einer Höhe von über 100 m das darunterliegende Gestein, und da die vulkanische Aufschüttung sehr durchlässig ist, ausserdem von den schweren tropischen Regengüssen leicht fortgeschwemmt wird, so haben nach allen Richtungen hin sich tiefe und steile Schluchten gebildet, welche die ganze recente Formation von oben bis unten durchschneiden und in den Thalsohlen das ursprüngliche Gestein zu Tage treten lassen, welches vor dem vulkanischen Ausbruch und der dadurch bedingten Uberschüttung die Oberfläche bildete.

Es kann kaum bezweifelt werden, dass vor den grossen vulkanischen Ausbrüchen, die einen Theil der Oberfläche der Gazelle Halbinsel verwüsteten, die ganze Halbinsel von einem und demselben Volks­stamme bewohnt wurde. Die Thätigkeit der Vulkane und die totale Verschüttung grosser Landstrecken musste deren Bewohner zur Flucht treiben und zwar nach Gegenden, wo sie vor der Hand sicher waren. Solche Gegenden waren das Hochgebirge und dessen Ausläufer.

Abb. u. Ber. d. K. Zool. n, Anthr.-Ethn. Mus. zu Dresden, Festschrift 1899 Nr. 5 (2. Sept. 1899)

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