Abh. u. Ber. d. K. Zool. u. Anthr.-Ethn. Mus. zu Dresden, Festschrift 1899 Nr. 5
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Wenden wir uns nun der Frage zu, woher die Bewohner der Hochebene stammen, so wird uns eine Antwort nicht allzu schwer.
Zunächst muss es eine geraume Zeit in Anspruch genommen haben, ehe die mit vulkanischem Schutte bedeckten Strecken sich soweit mit einer Vegetation bekleideten, dass sie einen geeigneten Aufenthalt für menschliche Wesen bildeten. Analoge Fälle in kleinerem Maassstabe zeigen uns, dass sowohl vom Strande, wie von denjenigen Gegenden aus, die von Uberschüttung verschont blieben, die Vegetation bald die kahlen Felder überzieht und schnell eine sich stetig mehr und mehr entwickelnde Pflanzendecke bildet. Dadurch zersetzt sich das Gestein, und langsam entwickelt sich eine fruchtbare obere Humusschicht. So war z. B. der Vulkan Kaiia auf der „Mutter"-Halbinsel bei meiner Ankunft in Neu Pommern im Jahr 1882 noch bis zum Meeresstrande gänzlich kahl, heute nach 17 Jahren erstreckt sich die Vegetation bis fast zum Gipfel empor und ist neuerdings theüweise Ins zur inneren Kraterwand vorgedrungen. Ahnliche Verhältnisse zeigt die in der Blanche Bucht gelegene, 1878 entstandene vulkanische Insel.
Etwa in der Mitte zwischen Gazelle Halbinsel und der Insel Neu Mecklenburg liegt die aus mehreren kleinen Inseln bestehende Neu Lauenburg Gruppe. Sie ist meiner Ansicht nach bereits zur Zeit der grossen vulkanischen Ausbrüche, unter denen sie nicht zu leiden hatte, bewohnt gewesen, und zwar von einem aus dem gegenüberliegenden Neu Mecklenburg eingewanderten Stamme. Die Neu-Lauenburger stehen heute noch in regem Verkehre mit Neu Mecklenburg und sind in Sprache wie in Sitten und Gebräuchen mit ihnen nahe verwandt. Allmählich, jenachdem die gegenüberliegenden Küsten der Gazelle- Halbinsel wirthlicher wurden, haben die seefahrenden Neu-Lauenburger ihre Bootfahrten bis dahin ausgedehnt; die ursprünglichen Bewohner, die ins Gebirge geflohen waren, leisteten den Eindringlingen keinen Widerstand, und es ist unter diesen Umständen begreiflich, dass sich die Neu-Lauenburger ungehindert auf der Küste festsetzen konnten. Diesen ersten Ansiedlern aus Neu Lauenburg schlössen sich nach und nach stammverwandte Eingeborne aus Neu Mecklenburg an, und eine Folge davon ist, dass die heutigen Bewohner der Hochebene der Gazelle Halbinsel [auf der Karte schräg schraffiert] den Bewohnern des südlichen Neu Mecklenburg so äusserst ähnlich sind, nicht nur in der Sprache, sondern auch in Sitten und Gebräuchen. Am St. Georgs Kanal, südlich von Kap Gazelle, betrachten sich die dortigen Ein- gebornen heute noch als Nachkömmlinge der Stämme auf dem gegenüberliegenden Neu Mecklenburg; dasselbe ist der Fall mit den Eingebornen am Nordabhange des Vulkans ..die Mutter", die ebenfalls die gegenüberliegende Küste von Neu Mecklenburg als ihre ursprüngliche Heimath bezeichnen.
Es würde zu weit führen, alle Ähnlichkeiten der Neu-Mecklenburger und der Bewohner der Hochebene der Gazelle Halbinsel hier aufzuführen. Als einziges Beispiel will ich die Sprachverwandtschaft nennen. Hunderte von Wörtern sind in beiden Gegenden dieselben, z. B. mal „Zeug", ldkut „Wolke", forom „dienen", tir „fragen", kuaiv „Faden", buk „kochen", kogo „husten", matuana „Onkel", tamana „Vater", mata „Loch", bug „Tag", Lajntl „Kuskus", nana „Mutter", palina „Rinde" u. s. w. Dagegen ändern fast alle Wörter der Gazelle Halbinsel, die mit v und w buchstabirt werden, in Süd Neu Mecklenburg diesen Laut zu einem Ii, z. B. vudu : hudu „Banane", wawina : iiakina „Frau", wat : hat „Stein", warubu : harubu „kämpfen", tawa : taha „Wasser", wilau : hilau „laufen" u. s. w. Viele Wörter fügen ein s hinzu, so lama : lamas „Kokosnuss", ga: gas „Weg", ki:kis „sitzen", pa :pas „Taro", baluibalus „Taube", mi:mis „rauchen", arig : sang „betteln" u. s. w.
Wie sich im Laufe der Zeit die Differenzen in der Sprache ausbildeten, nachdem eine Zufuhr von neuen Ansiedlern aufhörte, so entwickelten sich auch andere; Eigentümlichkeiten. Wenn wir beule im südlichen Neu Mecklenburg solche beobachten, die den nahe verwandten Bewohnern der gegenüberliegenden Küste der Gazelle Halbinsel fehlen, so mag dafür ein Grund auch der sein, dass von Nord Neu- Mecklenburg wie von den nordwestlichen Salome Inseln aus sich Einflüsse in Süd Neu Mecklenburg geltend machten, nachdem bereits die Auswanderung nach der Gazelle Halbinsel im Grossen und Ganzen aufgehört hatte. Diese Einflüsse mussten also auf Süd Neu Mecklenburg beschränkt bleiben und pflanzten sich nicht bis zur Gazelle Halbinsel fort.
Die Einwanderer auf der Gazelle Halbinsel haben sich nicht sehr weit verbreitet. Mit der Zeit, als sie sich bis zum Berge Varzin hin ansiedelten, hatten auch die Urbewohner, von ihren Zufluchtsstätten vordringend, wieder ihre alten Wohnplätze in Besitz zu nehmen versucht, und es entspann sich der Kampf zwischen den beiden Volksstämmen, der heute noch immer fortdauert. Die Neuangekommenen waren zwar
