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Achtzehntes Kapitel.
Die Geschichte der Baziba.
Die in folgenden Seiten aufgezeichnete Geschichte ist die Ubersetzung eines Werkes des Neffen des jetzigen Königs von Kiziba. Der Verfasser heisst Ruamugira. Er ist im Schreiben und Lesen gut ausgebildet und gilt als die rechte Hand des Königs. Auch ist er Vertreter des Königs in Regierungsangelegenheiten vor der Militärstation Bukoba. Ruamugira hat ein gutes schriftstellerisches Talent, ein noch besseres als Volksredner. In letztgenannter Eigenschaft hörte ich ihn anlässlich eines grösseren Festes am Hofe.
Ruamugira ist der Sohn einer Schwester des Königs. Sein Vater — mithin auch er — gehört zum Stamme der Bahima. Er hat zurzeit noch zwei Frauen. Die Zuerstgeheiratete ist ihm vor einigen Jahren gestorben. Von ihr hat er einen Sohn — fünf Jahre alt —, den er zur Erinnerung an die bewegte, kriegerische Zeit der letzten Jahre Risasi, d. i. die Kugel (kisuaheli) nannte. Der Geburtstag des Knaben, dessen Datum Ruamugira kennt, wird alljährlich gefeiert.
Der Verfasser der Geschichte spricht ausser seiner Muttersprache fertig ru- ganda, kisuaheli und kisukuma. Er versteht die Sprachen von Ruanda und Urundi und verständigt sich leidlich mit den Wanyamwezi.
Ich kann deshalb nicht genug den Zufall würdigen, der mich mit ihm zusammenführte. Seine Angaben fand ich stets zutreffend, und er gehörte zu den wenigen, die einem sagten: ,,Das und das, was du glaubst, stimmt nicht!" —
Man darf daher annehmen, dass die nachstehende Geschichte ein unverfälschter Auszug aus den Überlieferungen der Baziba ist. Dass diese Überlieferungen eben nur solche sind, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Es ist selbstverständlich, dass die Sage die Taten des Feindes stets in ein schlechteres Licht setzt als die des eigenen Volkes.
Vom Jahre 1890 ab kann die Geschichte als absolut zuverlässig bezeichnet werden. Ein eigenes Vergnügen ist es, das Stationstagebuch der Militärstation Bukoba mit diesen Aufzeichnungen zu vergleichen. Man sieht da auf der einen Seite den Kulturpionier, den Europäer, der nur das Beste will, und auf der anderen Seite die Meinung des Eingeborenen, die in dem Weissen das denkbar grösste Übel auf der Erde sieht.
Bevor ich mit der Übersetzung von Ruamugira^ Geschichte beginne, mag hier noch eine kleine Abhandlung über die älteste Geschichte Kizibas, d. h. über diejenige Zeit folgen, die vor dem Beginn der Einwanderung der Bahima von Norden her liegt.
Die Göttergeschichte als älteste Geschichte Kizibm.
Im Anfang gab es ein Weltall. Das Weltall hiess Nya-nte, d. i. „ein geisterhaftes Wesen". Und Nya-nte gebar einen Sohn, den nannte die Mutter Wa-mdra } d. i. die Finsternis ist beendigt. Nya-nte sah in ihrem Sohne das, was er später wirkte. —
