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Die Tättowirung — der männlichen Individuen — ist allgemein und ganz selbst¬
verständlich , und es dürfte schwerlich einen nicht tättowirten erwachsenen Samoaner
geben .
Gänzlich verschwunden , wenigstens aus dem Gebrauch , sind die ursprüng¬
lichen Waffen , Keulen und Lanzen , und die Handwerksgeräthe , besonders also Stein¬
beile ; an ihre Stelle sind die modernsten Hinterlader und Geräthe von Stahl und
Eisen getreten . Auf die Erwerbung ersterer war daher auch mein besonderes Be¬
mühen gerichtet ; einen Samoaner für ethnologische Zwecke zu begeistern , war
jedoch vergeblich . Wie oft ist mir nicht die Beschaffung einer alten Keule oder
eines Steinbeils zugesagt ! Dabeiist es aber geblieben , und das , was ich in dieser
Beziehung vorzeigen kann , verdanke ich lediglich dem Zufall . Es ist zunächst ein
Schleifstein ( Taf . V , Fig . 9 ) , auf beiden Seiten mit massigen Aushöhlunge ^ auf der
einen Seite mehr , auf der anderen weniger geglättet . Der Stein hat zur Anfertigung
oder Anschärfung von Steinbeilen gedient . Ich wurde zuerst auf einen derartigen
Stein in der Bay von Saluafata , 9 lern östlich von Apia , aufmerksam ; hier befand sich
ein aus aufgeschichteten Steinen hergestellter Damm , welcher , mit Zwischenräumen
für den Wasserdurchlass versehen , den Uebergang über einen Bach bildete . In
die Oberfläche dieses Steindammes eingelassei ^ und mit ihr ganz verglichen , fand
sich ein Stein vor , der dem vorliegenden in jeder Hinsicht glich . Ein Samoaner
bedeutete mir , auf meine Frage nach dem Zweck dieses Steines an dem Ort , dass
er als „ Waschenbecken " diene . Es ist nun ja nicht unwahrscheinlich , dass der
Stein in der That hin und wieder als Waschbecken benutzt ist ; die geringe , natur -
gemäss nicht reine Menge von Wasser , welche die Aushöhlung des Steines nur
aufzunehmen vermochte , sowie das Vorhandensein des klarsten Wassers in un¬
mittelbarer Nähe Hessen die Aussagen des Samoaners ' von vornherein als lediglich
zum Zwecke einer Antwort gemacht erscheinen ; auch darf man wohl anzunehmen
versucht sein , dass die Mehrzahl der heute lebenden Samoaner gar keine Kenntniss
von dem einstigen Gebrauch solcher Steine hat . Nachfragen in Apia ergaben denn
auch das Richtige und hatten ferner das erfreuliche Resultat , dass mir der hier
vorliegende Stein von einem uneigennützigen deutschen Gastwirth zum Geschenk
gemacht wurde . Der Stein lag schon seit einigen Jahren unbeachtet in einem
Stall und stammte von der Südseite der Insel Upolu .
Der zuerst in Saluafata gesehene Stein befand sich bei einem späteren Besuch
dieses Hafens nicht mehr in jener „ Steinbrücke " , ich fand ihn einige hundert
Schritte davon bei einem Dorfe liegen , als dessen Eigenthum er mir bezeichnet
wurde . Der Dorfschulze ( Häuptling ) stellte , angeregt durch mein Interesse an
dem Stein , jedoch eine so hohe Forderung , dass ich den Erwerb auf eine ge¬
legnere Zeit verschob , — ich habe den Stein aber später leider nicht mehr aus¬
findig machen können .
Ein drittes Exemplar eines solchen Steines sah ich auf der oberhalb Apia ' s be¬
findlichen französischen Mission ( Sacre coeur ) , deren Vorsteher — Pere Gave —
mir den einstigen Zweck und das äusserst seltene Vorkommen dieser Steine be¬
stätigte . Er hielt den seinigen auch so hoch , dass er , ohne Sammler zu sein und
trotz seiner sonstigen Liebenswürdigkeit , meine Andeutungen über einen glänzen¬
deren Aufstellungsort des Steines überhörte .
Die beiden anderen Steine glichen im Uebrigen dem vorgelegten fast genau ,
besonders in ihrer länglichen Form , während das im Museum für Völkerkunde be¬
findliche Exemplar gerundet ist .
In George Pratt ' s Dictionnaire der samoanischen Sprache findet sich kein
Ausdruck für Schleifstein ; dass wir es aber mit einem solchen zu thun haben ,
dürfte wohl keinem Zweifel , zumal nach Pere Gave ' s Erklärang , unterliegen .